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Mittwoch, 24. September 2014

Sanktionen beeinflussen Russlands Wirtschaftskurs

Haushaltsführung wird restriktiver / Industriepolitik konzentriert sich auf Schwerpunktbranchen
Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Die Sanktionen der EU und der USA werden zweifellos in die russische Wirtschaftsgeschichte eingehen. Insbesondere die Öl-, Gas- und Verteidigungsindustrie sind betroffen. Für ausgewählte russische Banken hat sich der Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten eingeengt. Im Unterschied zu den bisherigen Restriktionen muss Russlands Regierung jetzt mit einem Kurswechsel bei der Haushalts- und Wirtschaftspolitik reagieren.
Der russische Premierminister Dmitri Medwedew kündigte eine Änderung der Haushalts- und des Wirtschaftspolitik an. Dies sei als eine unmittelbare Reaktion auf die im Juli verkündeten Sanktionen der EU und der USA zu verstehen. In russischen Denkfabriken und Führungskreisen hatte es auf Grund der chronischen Wachstumsschwäche der russischen Wirtschaft schon länger rumort. Mit dem neuen, erweiterten Sanktionspaket wurde nun ein triftiger Grund geliefert, die Reformen unter das Volk zu bringen.

In Folge der jüngsten Wirtschaftssanktionen hat der russische Rubel erneut stark abgewertet. Was negativ klingt, beschert dem Fiskus in Wahrheit Mehreinnahmen. Exportgewinne auf Dollarbasis entsprechen nominal plötzlich einer größeren Rubelmenge. Dadurch sprudeln die Einnahmen aus den Exportzöllen auf Erdöl, Erdölprodukte und Erdgas so heftig wie schon lange nicht mehr. Allein im Zeitraum von Januar bis März 2014 flossen dem Haushalt ungeplante Einnahmen von annähernd 1 Billion Rubel zu (etwa 21 Mrd. Euro; 1 Euro = 47,4 Rubel; EZB-Wechselkurs vom 18.7.2014).

Durch die Finanzsanktionen steigen nun allerdings die Verpflichtungen der russischen Regierung gegenüber großen Staatskonzernen und staatlichen Banken, die sich im Ausland nicht mehr oder nur noch zu erschwerten Bedingungen refinanzieren können. Hier werden Subventionen, Zuschüsse und zinsverbilligte Kredite in Milliardenhöhe erforderlich.

Systemrelevante Banken werden gestützt

Betroffen sind die fünf größten staatlichen oder staatlich kontrollierten Banken: Sberbank, Vneschekonombank (VEB), Vneschtorgbank (VTB), Gazprombank und Rosselchosbank (Landwirtschaftsbank). Der Gazprombank war es in der Vergangenheit gelungen, sich teilweise auf dem US-Kapitalmarkt zu refinanzieren. Diese Möglichkeit steht ihr nun kaum noch zur Verfügung. Doch spielt die Bank eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Energiesektors sowie der russischen Gas- und Petrochemie. Schon aus diesem Grund kann sie von der russischen Regierung nicht einfach fallen gelassen werden.

Die VEB ist seit 2008 integraler Bestandteil der Wirtschafts- und Industriepolitik der Regierung. In den Krisenjahren 2008 und 2009 half die Bank ganzen Industriebranchen aus der Klemme und finanzierte zu einem guten Stück die Olympischen Winterspiele in Sotschi mit. Würde die VEB jetzt nicht von der Regierung gestützt, gerieten mit ihr ganze Industriezweige in den Abwärtsstrudel.

Medwedew sieht wegen der erforderlichen massiven Finanzhilfen für die kommenden drei Jahre keinen anderen Weg, als eine stringente Haushaltsführung durchzusetzen. Andernfalls wird seiner Meinung nach die wirtschaftliche und finanzielle Sicherheit Russlands bedroht. Weitere stabilitätsgefährdende Faktoren sind steigende Kreditzinsen, eine anwachsende Kapitalflucht und die schwache Investitionstätigkeit.

Im Rahmen der ersten Sanktionsrunde im Mai war für 2014 eine Kapitalflucht von 150 Mrd. US$ prognostiziert worden. Im Nachhinein wurde dieser Wert nach unten korrigiert. Das russische Wirtschaftsministerium rechnete im Juni mit einer Kapitalflucht von 100 Mrd. $ für das gesamte Jahr. Angesichts der jüngsten Sanktionen könnten sich jedoch die ursprünglichen Befürchtungen bewahrheiten.

Die Kapitalflucht zehrt an den Gold- und Devisenreserven der russischen Zentralbank. Mit Stand 1.8.2014 erreichten diese einen Stand von 468,76 Mrd. US$. Zu Beginn der Ukraine-Krise, am 1.2.2014, hatten sie noch 498,33 Mrd. $ betragen. Der Höchststand wurde in den letzten 12 Monaten aber schon zum 1.11.2013 mit 524,28 Mrd. $ verzeichnet. Seither schmelzen die Reserven kontinuierlich. Der Wert vom August 2014 befindet sich im internationalen Vergleich aber immer noch auf einem soliden Niveau. Damit könnten laut Internationalem Währungsfonds (IWF) die Importe für einen Zeitraum von 12,4 Monaten abgedeckt werden.

Die Außenverschuldung des russischen Staates von 54,64 Mrd. US$ (Stand: 1.7.2014) gilt als moderat. Sie ist im Vergleich zum 1.1.2014 sogar um 7,1 Mrd. $ gesunken. Die Zentralbank hält nach eigenen Angaben zusätzliche Auslandsverbindlichkeiten von 16,04 Mrd. $. Problematisch erscheint dagegen die Verschuldungssituation im Bankensektor mit Auslandsverbindlichkeiten von 206,53 Mrd. $ und noch mehr im Unternehmenssektor mit Schulden von 443,72 Mrd. $. Der Löwenanteil der Unternehmensverbindlichkeiten sind offene Kreditforderungen in Höhe von 266,34 Mrd. $.

Staatliche Investitionen zur Konjunkturankurbelung und Importsubstitution

Einmal mehr ist der russische Staat gefordert, als Konjunkturlokomotive zu fungieren und Projekte anzustoßen. Dies gilt beispielsweise für den Ausbau der Infrastruktur oder im Wohnungsbau. Nun kommen wegen des erlassenen Einfuhrverbots auf eine Reihe von Nahrungsmitteln aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen auch noch kostspielige Staatshilfen zur Modernisierung der Agrarwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie hinzu.

Industriepolitisch wurde im Frühjahr 2014 bereits umgesteuert. Sinkende Einfuhren von Komponenten und Technologiegütern aus der Ukraine, aber auch aus anderen Ländern, zwangen die Regierung, eine Politik der Importsubstitution einzuleiten und von der internationalen Arbeitsteilung abzurücken. Besonders betroffen von den Lieferengpässen sind die Rüstungsindustrie, die Luft- und Raumfahrt, der Schiff- und der Spezialfahrzeugbau.

Die zusätzlichen Gelder zur Aufstockung eigener Produktionskapazitäten fehlen jedoch an anderer Stelle. Unter anderem in den Regionen können sich die Gouverneure künftig nicht mehr auf großzügige Stützungsgelder aus dem Zentralbudget verlassen. Und dies angesichts der bedenklich hohen Verschuldung einiger russischer Regionen. Den Regionalverwaltungen soll aber die Möglichkeit eingeräumt werden, eine Art Umsatzsteuer zu erheben, um damit ihren Finanzbedarf zu befriedigen. Eine entsprechende Steuerreform ist in Vorbereitung.

Die Inlandsverschuldung der Russischen Föderation lag 2013 bei lediglich 13,9%. Bis Ende 2014 dürfte der Wert auch nur moderat auf 15,5% steigen. Ein echtes Problem stellt dagegen die Verschuldung der 85 russischen Regionen dar. Im landesweiten Durchschnitt lag diese 2013 mit 1,34 Billionen Rubeln bei 26,1%. Dabei kam es zu einer Bandbreite von 0% im autonomen Gebiet der Nenzen bis zu 179% in der Republik Mordowien. Die russischen Kommunen stehen mit weiteren 245,4 Mrd. Rubel in der Kreide.

Die Vorgaben aus Moskau zur Erhöhung der Gehälter im öffentlichen Dienst, zum sozialen Wohnungsbau und zur Verbesserung von Gesundheitsversorgung und Schulbildung belasten die Regionalhaushalte teilweise sehr stark. Produktive Ausgaben in die Verlegung von Straßen, Strom-, Gas- und Wasseranschlüssen zu den vielen neuen Gewerbe- und Industrieparks können daher oftmals nur per Kredit finanziert werden. Nun drohen wegen der aktuellen geopolitischen Lage die Investitionen ausländischer Unternehmen in den Industrieparks auszubleiben.

Keinerlei Abstriche an den hohen Rüstungsausgaben

Als Konsequenz aus den gestiegenen außenpolitischen Spannungen zieht Medwedew den Schluss, dass die Ausgaben für die Verteidigungsindustrie zwischen 2015 und 2017 angekurbelt werden müssen. An den Sozialausgaben soll aber ebenfalls nicht gespart werden. Diese waren Teil der Wahlversprechen des Präsidenten Wladimir Putin vom Mai 2012 und dienen dazu, die innere Stabilität im Vielvölkerstaat Russland zu sichern.

Das Festhalten am sozialen Wohnungsbau gilt zudem als eine Grundvoraussetzung, um die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Bislang ist es für viele Arbeitskräfte schlichtweg unerschwinglich, eine neue Stelle anzutreten, wenn dafür an einem anderen Ort eine Wohnung angemietet werden muss.

Bei der öffentlichen Reaktion auf die Sanktionen demonstrierten russische Politiker und die Chefs der betroffenen russischen Konzerne zwar Gelassenheit. Doch arbeiten unternehmensintern die Krisenstäbe auf Hochtouren. Sie spielen Szenarien zur Schadenseindämmung durch, darunter Alternativen für Finanzierung, Beschaffung und Absatz.

Als größte Risiken betrachten russische Experten eventuell ausbleibende Bezüge von Technologiegütern aus dem Ausland, die in Schlüsselprojekten benötigt werden. Weiterhin werden Kreditklemmen befürchtet, da westliche Banken entweder die Risikokosten für Kredite drastisch heraufsetzen oder frische Finanzierungen zurückhalten.

Ein kompletter Abbruch der Geschäftsbeziehungen mit dem westlichen Ausland droht Unternehmen der Rüstungsindustrie. Darunter befinden sich die Konzerne Uralwagonzawod (UWZ) und Kalaschnikow. Behindert werden aber auch zivile Projekte, die eine mittel- bis langfristige Finanzierung benötigen.

Projekte zur Gasverflüssigung und Joint Venture werden erschwert

Wichtige Industrieprojekte in Russland, wie die Vorhaben zur Erzeugung von Flüssiggas, leiden unter den Sanktionen. So dürfte auch die Finanzierung des Projekts Jamal LNG erschwert werden. Am Vorhaben beteiligt sind der jüngst sanktionierte Erdgasförderer Novatek zu 60%, die französische Total zu 20% und die chinesische CNPC zu 20%. Die Gazprombank und die VEB sind auch am Konsortium beteiligt. Nicht weniger als 70% der Gesamtkosten von 27 Mrd. $ müssen fremdfinanziert werden. Ob sich europäische Banken für ein Konsortium weiterhin zur Verfügung stellen, bleibt abzuwarten.

Der US-Konzern Caterpillar lässt prüfen, ob er trotz Sanktionen ein Joint Venture mit Uralwagonzawod (UVZ) zum Bau von Lokomotiven eingehen kann und beruft sich auf den Fakt, dass es sich dabei um ein rein ziviles Vorhaben handelt. Platzen könnten auch Pläne für ein zweites Joint Venture zwischen UVZ und Bombardier zur Herstellung von Waggons für die Moskauer U-Bahn.

Umorientierung auf Asien zeichnet sich immer deutlicher ab

In der russischen Presse wurde angekündigt, dass sich die Wirtschaft künftig noch intensiver um Geschäfts- und Finanzierungsmöglichkeiten aus dem asiatischen Raum bemühen wird, insbesondere aus der VR China. Die in der jüngsten Zeit von Rosneft, Gazprom und Novatek unterzeichneten Lieferverträge mit chinesischen Großkunden seien nur der Anfang, der eine Grundlage für weitere und dauerhafte Wirtschaftsbeziehungen lege.

Nach Angaben von Novatek hätten sich chinesische Geschäftspartner schon für die Komplettfinanzierung des Projekts Jamal LPG interessiert. Chinesische Unternehmen erhalten im Gegenzug auf dem russischen Markt Vorzugsbedingungen, vor allem bei Kontakten zu staatlich dominierten Konzernen sowie bei der Vergabe von Staatsaufträgen, etwa im Infrastrukturbau.
(U.U.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland