Pleitewelle rollt 2015 über Modemarkt / Elektronik- und Autokonzerne erhöhen Preise und senken Absatzprognosen
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Solche Berg- und Talfahrten haben Russlands
Einzelhandelskonzerne schon lange nicht mehr erlebt. Zu Jahresbeginn
2014 gab es einen Ansturm auf langlebige Gebrauchsgüter und Luxusautos.
Dann fast ein Jahr Flaute. Kurz vor Weihnachten setzten der Rubelverfall
und der Totalausverkauf aus Angst vor weiteren Währungsabwertungen und
Inflation in Tausenden russischen Läden ein. Russlands Einzelhandel
steht Kopf. Germany Trade & Invest zeigt die Trends 2015 in den
einzelnen Sparten.
Russlands Konsumenten haben 2014 Waren im Wert von 26.118,9 Mrd.
Rubel (512,6 Mrd. Euro; EZB-Durchschnittswechselkurs 2014: 1 Euro =
50,9518 Rubel) gekauft. Damit ist der Einzelhandelsumsatz zwar um 2,2%
gestiegen gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Aber
dieses Ergebnis bleibt hinter den Zuwachsraten der Vorjahre zurück.
Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes in Russland (in %)
| Jahr | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 |
| Wachstumsrate in % | 12,8 | 14,1 | 16,1 | 13,7 | -5,1 | 6,5 | 7,1 | 6,3 | 3,9 | 2,5 |
Prognose für 2015: -4,5 bis -8,2% und für 2016: -4,0%
Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Zudem
verschlechtert sich die Marktlage weiter. Für 2015 wird ein Rückgang
des Einzelhandelsumsatzes um 4,5 % und mehr erwartet. Durch die
Abwertung des Rubels gegenüber Euro und US-Dollar sind die Preise für
Konsumgüter drastisch gestiegen. Gleichzeitig geht die Kaufkraft der
russischen Verbraucher zurück, weil die Reallöhne und die verfügbaren
Geldeinkommen leicht sinken. Für 2015 prognostiziert das Ministerium für
wirtschaftliche Entwicklung einen realen Rückgang der Löhne um 9,6% und
der Geldeinkommen um 6,3% - bei einer Inflation der Verbraucherpreise
von 15,8% (bei Lebensmitteln 20 bis 25%). Zusätzlich wird der
kreditfinanzierte Konsum durch das hohe Zinsniveau abgewürgt (Leitzins
angehoben am 16.12.2014 auf 17,0%; seit 2.02.2015: 15,0%; seit
16.03.2015: 14,0%). Verbraucherkredite sind zu Zinssätzen von 29,28% für
bis zu einem Jahr Laufzeit und 22,63% für über ein Jahr Laufzeit
erhältlich, so die Zentralbank.
Händler von Automobilen, großen
Haushaltsgeräten, Möbeln und anderen langlebigen, teuren Konsumgütern
müssen sich 2015 auf harte Zeiten einstellen. Der Absatz von Pkw und
leichten Nutzfahrzeugen brach allein in den ersten zwei Monaten 2015 um
32,1% ein, berichtet die Association of European Businesses in Russland.
Waschmaschinen,
Küchengeräte, Autos, Mode, Schmuck und Möbel - Deutschland ist ein
wichtiger Lieferant von Konsumgütern nach Russland. Doch wenn deutsche
Hersteller ihre Europreise halten wollten, mussten sie 2014 die Preise
ihrer Waren in Russland auf Rubel-Basis um fast zwei Drittel erhöhen. Am
1.1.2015 kostete ein Euro in Russland 72,34 Rubel, laut offiziellem
Kurs der Europäischen Zentralbank. Vor genau einem Jahr waren es noch
45,20 Rubel. Das entspricht einer Abwertung von 60% gegenüber dem Euro.
Inzwischen hat sich der Rubel zwar wieder leicht erholt auf 65,76 Rubel
je Euro (Stand: 17.03.2015), das bedeutet aber dennoch einen Wertverlust
um 45,5%.
Modelabels ziehen sich teils aus Russland zurück
Eine
Zeit krasser Veränderungen - das gilt vor allem für die Modebranche.
Für die polnische EM&F-Gruppe, welche die Modemarken Esprit, OVS und
River Island führt, ist es mit Preiserhöhungen nicht mehr getan. Sie
will sich aus Russland zurückziehen. Schon 2013 haben die
Wechselkursschwankungen dem Unternehmen stark zugesetzt; 2014
verdoppelten sich die Währungsverluste. Womöglich kommt die in Russland
relativ populäre Marke River Island wieder, aber über einen anderen
Franchisenehmer, heißt es bei EM&F. Die spanische Modekette Zara hat
ihren wohl prominentesten Laden in Russland geschlossen: das Geschäft
an der Twerskaja Straße in Sichtweite des Kreml.
Für den deutschen
Sportartikelhersteller Adidas läuft es in Russland alles andere als
rund. Die Adidas Group ist stark engagiert am russischen Markt. Der
russisch-ukrainische Konflikt war ein Hauptgrund für den Druck auf die
Aktie des Dax-Konzerns. Zwar war der Umsatz in Rubel 2014 um 20%
gestiegen, aber wegen des Kurssturzes ging in Euro umgerechnet alles
verloren. Weil das Unternehmen Kosten sparen muss, sollen 2014 und 2015
nur 30 neue Shops eröffnet werden (geplant waren ursprünglich viel
mehr). Herbert Hainer, CEO der Adidas Group, kündigte Anfang März 2015
an, zahlreiche unrentable Geschäfte im laufenden Jahr zu schließen.
Statt dessen sollen neue Geschäfte in guten Lagen eröffnet und neue
Konzepte - HomeCourt und Neighborhood - beschleunigt umgesetzt werden.
Gleichzeitig wurden die Preise um 10 bis 15% erhöht.
Viele
Modemarken müssen umdenken. Die meisten russischen Einkäufer bezahlen
ihre aus Asien oder dem Nahen Osten kommende Ware auf US-Dollarbasis,
verkaufen aber in Rubel. Wer die Preise nicht erhöht, verliert dadurch
30% Erlös. Das heißt: Ohne Preiserhöhungen kommt zurzeit kaum ein
Bekleidungsgeschäft aus. Ende Januar 2015, als die Kleidung für die neue
Saison eintraf, gab es die größten Preissprünge. Viele Kunden können
sich das nicht mehr leisten. Marktexperten glauben daher, dass 2015 sehr
viele Läden in die Insolvenz gehen werden.
Preise für Consumer Electronics steigen drastisch
Dass
viele Firmen zu Preiserhöhungen bereit waren, zeigte sich auch im
Elektroniksegment. Beim neuen iPhone 6 von Apple lag der Ausgangspreis
im Herbst 2014 bei 47.000 Rubel. Diesen erhöhte Apple zweimal. Am
Silvestervortag waren für das Gerät bereits 78.000 Rubel zu bezahlen-
eine Preissteigerung um zwei Drittel binnen weniger Wochen. Allerdings:
Zwischenzeitlich kostete das Gerät umgerechnet in Euro nur halb so viel
wie in Deutschland. Russlands Konsumenten kauften am 15. und 16.
Dezember 2014 praktisch alle Apple-Läden leer. Bis sich das
US-amerikanische Unternehmen dazu entschloss, sämtliche Shops zu
schließen und die Preise drastisch zu erhöhen. Inzwischen hat sich der
Handel mit Apple-Produkten wieder normalisiert.
Beim Konkurrenten
Samsung fielen die Preiserhöhungen etwas moderater aus: Samsung schlug
zwischen 8 und 11% auf seine Waren auf, recherchierte das Internetportal
http://www.the-village.ru.
Die
meisten Elektronikgeschäfte handelten mit ihren Zulieferern im Dezember
2014 neue Preise aus. Im Schnitt einigten sich Einzel- und Großhändler
beziehungsweise Hersteller auf 20 bis 30% höhere Rubelpreise. Doch
selbst diese Aufschläge reichten längst nicht aus, um die Geschäftsziele
2014 zu erreichen. Manager des Haushaltsgeräte-Herstellers Indesit
bestätigten gegenüber dem Onlineportal http://www.the-village.ru,
dass sie in den letzten Dezemberwochen 2014 die Preise in Russland um
15 bis 25% erhöht haben. Das gilt vor allem für Importwaren. Lokal
gefertigte Waschmaschinen, Wäschetrockner oder Geschirrspüler waren von
den Preiserhöhungen kaum betroffen.
Absurde Szenen waren im
Dezember 2014 auch vor und in zahlreichen Hypermärkten zu beobachten.
Nach der drastischen Leitzinserhöhung und dem darauf folgenden
Rubel-Kurssturz setzen am 18.12.2014 hunderte Konsumtempel mit einem
breiten Sortiment von Haushaltstechnik und Küchenmöbeln den Verkauf aus.
In und vor den Kaufhäusern bildeten sich lange Menschenschlangen. Alle
wollten noch zu alten Preisen einen neuen Ofen oder einen Wasserkocher
erstehen. Eine Mediamarkt-Mitarbeiterin berichtet, dass die Moskauer
Läden in der Vorweihnachtswoche praktisch leergekauft waren. Obwohl die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teils mehrmals täglich alte gegen neue
Preisschilder austauschten und kaum mit dem Auffüllen der Regale
nachkamen.
Automobilabsatz bricht ein
Auch für Russlands
Automobilhersteller und -händler war 2014 ein schwieriges Jahr, gekrönt
von einem mehr als turbulenten Jahresendspurt. Der Absatz neuer Pkw und
leichter Nutzfahrzeuge ging 2014 um 10,3% oder 286.143 Stück gegenüber
dem Vorjahr zurück. Es wurden nur 2,49 Mio. neue Automobile verkauft,
meldete die Association of European Businesses. Für 2015 wird ein
Rückgang um 40% erwartet.
Die Rubelabwertung betrifft alle
Automobilkonzerne. Selbst Unternehmen, die in Russland fertigen wie
Volkswagen, General Motors (Chevrolet, Opel), Ford und Renault, denn ein
Teil der Kfz-Komponenten muss importiert werden. Das treibt die
Endpreise in die Höhe.
Entsprechend die Reaktion der Konzerne: GM
und Audi stellten am 15. und 16. Dezember 2014 vorübergehend die
Lieferungen nach Russland ein, um die Preispolitik zu überdenken. BMW
habe 2014 Autos, die eigentlich für den russischen Markt bestimmt waren,
an andere Länder geliefert, heißt es in russischen Medien.
Bei
Volkswagen in Kaluga standen von 22. Dezember 2014 bis 12. Januar 2015
die Bänder still. Inzwischen hat VW/Audi seine Produktion von fünf auf
zwei Modelle gekürzt. Audi zieht sich größtenteils aus Kaluga zurück. Es
sei teilweise günstiger, Modelle auf Bestellung aus Deutschland zu
liefern als sie in Russland zu produzieren.
Ford hat seine
Umsatzprognosen korrigiert aufgrund des schwachen Ergebnisses im
Russland-Geschäft. Nissan verkündete am 17. Dezember 2014 eine
Preiserhöhung, die zweite innerhalb von zehn Tagen. Die Händler mussten
diese Preise an die russischen Kunden weitergeben. GM kündigte im März
2015 an, sein Werk in Sankt Petersburg zu schließen. GM und Opel werden
den russischen Markt künftig nur noch über Importe bedienen. Kurzum:
Chaos pur auf dem russischen Pkw-Markt.
Doch während die
europäischen und US-amerikanischen Hersteller ihre Margen halten wollen
und deshalb die Preise erhöhen, setzen die japanischen Konzerne Mazda,
Toyota und Mitsubishi und die chinesischen Newcomer jetzt auf
Marktanteile in Russland. Sie wollen die Preise nur so moderat anpassen,
wie wirtschaftlich vertretbar.
Russland - zehn größte Einzelhändler im Non-Food-Segment *)
| Unternehmen | Branche | Umsatz 2013 (Mrd. Rubel) |
| M.Video | Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik | 208,2 |
| Swjasnoi | Elektronik, Telekomausrüstung | 180,0 |
| Rolf Gruppe | Automobile | 103,5 |
| Eldorado | Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik | 98,5 |
| Leroy Merlin Wostok | Baumärkte | 94,6 |
| Ikea Dom | Möbel, Heimtextilien | 80,5 |
| Euroset Retail | Elektronik, Telekomausrüstung | 79,1 |
| Awtomir | Automobile | 77,6 |
| Sportmaster | Sportartikel, Bekleidung für Sport und Freizeit | 60,2 |
| L´Etoile | Körperpflege | 52,5 |
*) ohne Einzelhandelskonzerne, die sowohl Lebensmittel als auch Nicht-Lebensmittel führen
Quelle: Wirtschaftsjournal "Expert"
Russland - Nicht-Lebensmitteleinzelhandel nach Warengruppen (in Mio. Euro)
| Waren | 2012 | 2013 |
| Nicht-Lebensmittel, darunter | 286,3 | 296,2 |
| .Oberbekleidung | 36,6 | 37,4 |
| .Schuhe | 13,2 | 13,2 |
| .Kosmetik | 8,7 | 9,4 |
| .Pkw | 31,9 | 34,05 |
| .Benzine | 34,7 | 36,6 |
| .Baumaterialien | 10,8 | 11,2 |
| .Medikamente | 17,7 | 18,5 |
| .Möbel | 8,8 | 9,02 |
| .Unterhaltungselektronik | 11,8 | 11,9 |
| .Haushaltstechnik | 4,03 | 3,8 |
Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland