Haushaltskrise erzwingt Investitionskürzungen / Teure Finanzierung
und flaue Nachfrage bremsen private Bauherren
Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Russlands Wirtschaftskrise beeinträchtigt die Baubranche. Zwar
werden staatlich finanzierte Infrastrukturvorhaben fortgeführt. Doch
geht es nicht ohne Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip. Etwa 10%
betragen die Einsparungen. Schließlich prognostiziert das
Finanzministerium für 2015 ein Haushaltsloch von 2,6 Billionen Rubel
(etwa 38,3 Mrd. Euro). Die privaten Investitionen in den Bausektor
werden 2015 auch zurückgehen. Zu unsicher ist das makroökonomische
Umfeld, zu teuer die Finanzierung.
Da die Budgets für Verteidigung und Sozialtransfers im
Staatshaushalt nicht gekürzt werden, sondern der Rüstungsetat steigt,
wird der Rotstift unter anderem bei Investitionen im zivilen Bereich
angesetzt. Das betrifft auch den sozialen Wohnungsbau. Optimisten heben
aber hervor, dass damit immer noch 90% der öffentlichen Bauvorhaben
fortgeführt werden, wenn auch oft zeitlich gestreckt.
Die privaten
Investitionen in den Bausektor werden 2015 ebenfalls zurückgehen. Auf
Grund des volatilen Wechselkurses, steigender Inflation und sinkender
Realeinkommen von Unternehmen und Privathaushalten halten sich
Baukonzerne und Developer mit neuen Projekten zurück. Hinzu kommt, dass
sich die Finanzierung von Bauvorhaben stark verteuert hat. Gründe sind
die starke Rubelabwertung, das gestiegene Zinsniveau (Leitzins seit
16.3.2015: 14,0%) und die Finanzsanktionen gegen die fünf führenden
russischen Banken.
Nachfrage nach Gewerbefläche sinkt
Schon
2014 war die Nachfrage nach Büros, Einzelhandelseinrichtungen und
Lagerflächen deutlich eingebrochen. Dies galt insbesondere für Moskau
und Sankt Petersburg - die beiden größten Zentren der Bauwirtschaft in
Russland. Allein in Moskau sind etwa 80% der kapitalkräftigsten
russischen Unternehmen und Investoren konzentriert. Russische Investoren
sind in ausgewählten Vorhaben noch aktiv, wohingegen Kapital aus dem
Ausland so gut wie keines mobilisiert werden kann.
Russland - Fertigstellung von Bauobjekten
| Art des Bauobjektes | 2012 | 2013 | 2014 |
| Fertiggestellte Gebäude(in 1.000 Stück) | 241,4 | 258,1 | 293,7 |
| .davon: | |||
| .Wohnimmobilien | 223,0 | 239,1 | 274,7 |
| .Gewerbeimmobilien | 18,4 | 19,0 | 19,0 |
| Fertiggestellte Fläche (in Mio. qm) | 110,4 | 117,8 | 131,7 |
| .davon: | |||
| .Wohnimmobilien | 82,0 | 87,1 | 101,7 |
| .Gewerbeimmobilien | 28,4 | 30,7 | 30,0 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2015
Ausnahmen
unter den Ausländern bilden Investitionsfonds aus den Golfstaaten und
chinesische Investoren. Aktuell führt die Stadtregierung von Moskau
Verhandlungen mit dem chinesischen Unternehmen CRCC und dem China
International Fund. Konkret geht es dabei um den U-Bahnbau im geplanten
Stadtteil "Neu-Moskau" - eine Gebietserweiterung um fast das Doppelte in
südwestlicher Richtung. Zusätzlich soll sich die chinesische Dalian
Wanda Group für die Umgestaltung des ehemaligen Automobilwerks ZIL in
einen Wohn-, Kultur- und Geschäftsbezirk interessieren. Fonds aus den
Vereinigten Arabischen Emiraten verhandeln über eine Beteiligung am Bau
des zentralen Autobahnrings (ZKAD) um Moskau.
Privater Wohnungsbau teilweise zu teuer
Für
den privaten Wohnungsbau ist aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen keine einheitliche Linie zu erkennen. Einerseits
traten Sparer 2014 die Flucht in die Sachwerte an, wozu Wohnimmobilien
gehörten. Andererseits wird dieser Trend 2015 durch exorbitant
gestiegene Zinsen auf Hypothekenkredite gebremst. Die Bankwirtschaft
geht davon aus, dass sie Wohnungsbaukredite im Wert von 800 Mrd. Rubel
weniger als im Vorjahr austeilen kann. Erst wenn das durchschnittliche
Zinsniveau von zurzeit 18 bis 20% auf das Vorjahresniveau von 13% fällt,
wird für den privaten Wohnungsbau eine Chance gesehen.
Moskau und Sankt Petersburg sind Zentren der Bautätigkeit
Räumlich
konzentriert sich das Baugeschehen auf Moskau und - mit einigem Abstand
-auf Sankt Petersburg. Im Rest des Landes ist die Bautätigkeit geringer
(mit Ausnahme von einzelnen Großprojekten), allein schon wegen des
enormen Kaufkraftgefälles zwischen den beiden Metropolen und den anderen
Regionen. Dies manifestiert sich unter anderem darin, dass in den
Regionen nur relativ wenige Bauvorhaben aus rein spekulativen Gründen
angeschoben werden. In der russischen Hauptstadt ist das anders.
Bei
Projekten zum Bau von Lagerfläche stand 2014 in den Regionen bei 70%
der Fälle ein Käufer oder Mieter von Anfang an fest. Dabei handelte es
sich vorrangig um Einzelhandelsketten, die rasch in die Fläche
expandierten. Da sich die Ungewissheit über die kurzfristige
wirtschaftliche Zukunft Russlands weiter vergrößert, dürften 2015 die
Anzahl und der Umfang der Bauvorhaben rein spekulativer Natur sinken.
Öffentliche Hand arbeitet mit Antikrisenplänen
Die
öffentliche Hand auf den verschiedenen Verwaltungsebenen stemmt sich
mit Antikrisenplänen gegen die Baurezession. Öffentliche Vorhaben sollen
den drastischen Rückgang privater Bauinvestitionen auffangen, zumindest
teilweise. Dies schließt Fördermaßnahmen für die örtliche Bau- und
Baustoffindustrie ausdrücklich mit ein, aber auch Appelle oder gar
Vorschriften, auf den Baustellen Produkte mit dem Label "Made in Russia"
zu bevorzugen. Zumindest in Moskau soll jedoch kein generelles
Importverbot für Baumaschinen und Baumaterialien gelten. Dies betonte
der stellvertretende Bürgermeister und Verantwortliche für das
Baugeschehen, Marat Chusnullin.
Nach seinen Worten würde ein
generelles Importverbot nur zu Lasten der Bauqualität gehen. Derzeit sei
beim Bau moderner Gebäude ein Importanteil von 20% beim verwendeten
Material und der Innenausstattung festzustellen, so Chusnullin. Nur bei
einfachen, anspruchslosen Bauobjekten mache ein ausschließlicher Einsatz
russischer Materialien und Baustoffe Sinn.
Doch halte sich die
Moskauer Stadtregierung im Groben an die föderalen Vorgaben zur
Importsubstitution. Bis Ende 2015 sollen alle Rohrleitungen und die
gesamte Klima- und Belüftungstechnik für den U-Bahnbau komplett aus
heimischer Herstellung kommen. Es ist anzunehmen, dass sich unter den
Lieferanten auch weiterhin ausländische Firmen befinden, die sich in der
Zwischenzeit in Russland mit eigenen Montagewerken niedergelassen
haben.
Strategische Bauvorhaben von Kürzungen verschont
Bei
Objekten von strategischer Bedeutung will die öffentliche Hand das
Tempo und den Finanzierungsumfang aufrecht halten. Dazu gehören der
Weltraumbahnhof "Wostotschny" im Gebiet Amur und die Bauvorhaben zur
Vorbereitung der Fußball-WM 2018. Optimierungen finden trotzdem statt,
so beim Stadionbau. Die Moskauer Stadtregierung will beispielsweise die
Fertigstellung des Zentralstadions "Luschniki" von 2017 auf 2016
vorziehen, um dadurch Zinszahlungen einzusparen. Andere WM-Stadien, wie
das in Rostow am Don, werden weniger aufwändig ausgestaltet. In Rostow
soll der Bauwert von 20 Mrd. auf 17 Mrd. Rubel fallen.
Straßenbau mit Einbußen
Für
den Bau von Bundesstraßen und Autobahnen hat die föderale Regierung
Kürzungen von 25% angekündigt. Nach den jüngsten Planungen stehen 2015
insgesamt 148,7 Mrd. Rubel für den Straßenbau zur Verfügung. Hinzu
kommen 208,9 Mrd. Rubel für Instandsetzungsarbeiten und 60,5 Mrd. Rubel
Transferzahlungen für den Straßenbau in den Regionen.
Russische Föderation - ausgewählte Bauprojekte
| Bauprojekt | Projektwert | Projektstand | Bauherr |
| Bau eines Zellulosekombinats in der Sonderwirtschaftszone Wologda | 2 Mrd. US$ | Baubeginn: 2017 | Gruppe Sweza |
| Bau eines Lager (130.000 qm) für Auchan in Domodedowo | 10,8 Mrd. Rbl | Vorverhandlungen | PPF Group (Tschechien) und Radius Group |
| Bau des Autobahnrings um Moskau (ZKAD) | 300 Mrd. Rbl | Vorverhandlungen | PPP-Projekt, Fonds aus den VAE zeigen sich interessiert |
| Chemiekombinat für Polyolefin in Twer | 4 Mrd. US$ | Letter of Understanding, Baubeginn: 2015 | OOO Sinwek |
| Flughafen "Fedorowka" in Omsk | 16,2 Mrd. Rbl | Projektierung, Ausschreibung noch 2015 | vorerst Finanzkonsortium mit VTB zur Konzessionsvergabe |
| Ausbau der Schienenwege im Gebiet Perm | 3,6 Mrd. Rbl | Realisierung | OAO RZD - Russische Eisenbahnen |
Wechselkurs: 1 US$ = 61,75 Rubel (Zentralbank der Russischen Föderation, Stand: 18.03.2015)
Quelle: Recherche von Germany Trade & Invest, Moskau, 2015
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland