Nachfrage nach Mineraldünger steigt / Modernisierungsprojekte in der Petrochemie / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Die Produktion russischer Chemieunternehmen ist 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 14,6% gewachsen. Abnehmerbranchen wie die Automobil-, Lebensmittel- und Verpackungsindustrie sorgen für volle Auftragsbücher. Davon profitieren Hersteller von Farben und Lacken sowie von Kunststoffen. Russlands Chemieunternehmen hoffen zu Recht auf ein Anhalten der Wachstumsdynamik. Schließlich beginnt die Bauwirtschaft - traditionell ein starker Abnehmer - erst langsam wieder Fahrt aufzunehmen.In der Petrochemie werden derzeit gewaltige Investitionsprogramme umgesetzt. Damit wollen die Raffinerien den steigenden Umweltanforderungen entsprechen, die der russische Staat an Treibstoffe stellt. Sogar eine Senkung der Exportzölle auf Rohöl stellt die Regierung den Erdölgiganten in Aussicht, damit diese die entsprechenden finanziellen Reserven für die milliardenschweren Modernisierungsprojekte bekommen.
Im Bereich der Kunststoffindustrie erweist sich Russlands Industriepolitik als Totalausfall. Mit Importzöllen von 10% auf Polymere (außer PET: 5%) schützt Russland seine Oligopolisten vor internationalem Wettbewerb und verursacht damit höhere Preise im Inland. Die Folge: Weiterverarbeiter, welche auf die Massenkunststoffe Polyvinylchlorid, Polyethylen, Polyethylenterephthalat, Polystyrol und Polypropylen angewiesen sind, geraten mit ihren Produkten im Konkurrenzkampf mit polnischen, chinesischen und sogar deutschen Firmen ins Hintertreffen. Hunderte Weiterverarbeiter mussten ihren Betrieb bereits einstellen oder stehen vor dem Aus, zumal sie bereits Hochleistungspolymere und hochwertige Additive zur Herstellung ihrer Endprodukte im Ausland kaufen müssen. Denn zu deren Erzeugung sind die russischen Hersteller nicht in der Lage, zumindest nicht aus eigener Kraft.
| Erzeugnis | 2010 | Veränderung 2010/09 (in %) |
| Schwefelsäure | 10.045 | 18,3 |
| Kalzinierte Soda | 2.690 | 19,1 |
| Natriumhydroxid | 1.073 | -2,5 |
| Synthetisches Natriumhydroxid, wasserfrei (Mio. t) | 13,3 | 22,2 |
| Mineraldünger (Mio. t, umgerechnet in 100%-Nährstoffgehalt) | 17,9 | 22,6 |
| .davon: | ||
| .Stickstoffdünger | 7.594 | 2,4 |
| .Phosphatdünger | 3.155 | 21,7 |
| .Kalidünger | 7.187 | 55,7 |
| Kunststoffe | 4.888 | 8,5 |
| .davon: | ||
| .Polystyrol und Styrolcopolymere | 308 | 13,6 |
| .PVC-Harze und Vinylpolymere | 595 | 6,1 |
| .Polyethylen | 1.535 | 8,2 |
| .Polypropylen | 652 | -10,2 |
| Synthetische Farben und Farblacke | 14,7 | 7,0 |
| Synthetischer Kautschuk | 1.379 | 24,2 |
| Styrol | 481 | -3,2 |
| Benzol | 1.090 | 7,1 |
| Phenol | 238 | 49,6 |
| Ethylen | 2.383 | 2,4 |
| Pflanzenschutzmittel | k.A. | 57,3 |
| Farben und Lacke | k.A. | 16,9 |
| Lack- und Farbmaterialien auf Polymerbasis | 812 | 9,2 |
| Synthetische Fasern | 103 | 18,4 |
| Kunstfasern und -garne | 20 | 6,6 |
Die Mineraldüngerproduktion ist 2010 im Vergleich zum Vorjahr um über ein Viertel auf 17,9 Mio. t gestiegen. Am dynamischsten hat sich dabei die Stickstoffherstellung mit einem Plus von 56% entwickelt. Die russischen Exporte von Agrarchemikalien stiegen 2010 um über 30% auf 28,2 Mio. t. Rund 2,3 Mio. t gingen an russische Landwirtschaftsbetriebe.
Aufsehen erregt derzeit der Zusammenschluss der Firmen Silvinit und Uralkali. Für 1,4 Mrd. US$ hat Uralkali 20% aller Silvinit-Aktien übernommen. Bis Ende des 1. Halbjahres 2011 soll ein Gemeinschaftsunternehmen entstehen. Das vereinigte Unternehmen OAO Uralkali soll sich in den ersten Jahren auf das Geschäft mit Kali konzentrieren. Allerdings: Uralkali und Silvinit warten nach wie vor auf die Bestätigung der Antimonopolbehörde FAS, die den Zusammenschluss noch kippen könnte.
Die Uralkali-Produktionskapazitäten werden voraussichtlich von heute 10,6 Mio. t auf 13 Mio. t in zwei Jahren steigen, sagte Uralkali-Präsident Wladislaw Baumgertner im Interview mit einer Wirtschaftszeitung Mitte März 2011. Uralkali will 2010 über 20 Mio. Euro in die Modernisierung der Produktion im Mineraldüngerwerk Kirowo-Tschepezk im Gebiet Kirowo investieren.
Das Unternehmen OAO Nemanasot baut im Gebiet Kaliningrad ein Ammoniak-Karbamid-Werk zur Düngemittelproduktion. Der Komplex soll im Dorf Schilino entstehen und 400 Mio. US$ kosten. Ein Viertel der Investitionssumme bringt der Konzern aus dem Eigenkapital auf, der Rest ist Fremdkapital. Die Projektierungs- und Bauzeit dürfte sich auf etwas über drei Jahre belaufen.
In der Republik Tatarstan entsteht für über 30 Mio. Euro ein Werk zur Herstellung von Ammoniak, Methanol und Karbamid-Granulat. Am Projekt beteiligt sind die japanische Firma Mitsubishi Heavy Industries, China National Chemical Engineering Co und der russische Staatsbetrieb OAO Ammoni. Der regionale Gaslieferant SAO Tatgasinvest wird jährlich 800 Mio. cbm Gas für die Produktion der Stickstoffdüngemittel bereitstellen. Ebenfalls rund 30 Mio. Euro will das Unternehmen Sibur-Minudobrenie 2011 in die Modernisierung und Erweiterung seiner Düngemittelproduktion investieren.
Bisher verkaufen Russlands Mineraldüngerhersteller ihre Produkte überwiegend im Ausland. Aber im Inland dürfte die Nachfrage stetig wachsen, denn derzeit entstehen russlandweit dutzende Mastbetriebe für Schweine und Rinder sowie Geflügelfarmen. Bestehende Betriebe erweitern ihre Kapazitäten. Das erhöht automatisch die Nachfrage nach Tierfutter und somit nach einer stabilen Ernte. Weiterhin auf kläglichem Niveau befindet sich die Nachfrage kleiner, privat geführter landwirtschaftlicher Betriebe. Viele Bauern können sich kaum das Saatgut leisten, geschweige denn Düngemittel.
Die Produktion von Farben und Lacken hat im Jahr 2010 um 9,2% auf 812.000 t zugenommen. Das ist in erster Linie ein Aufholeffekt, denn 2009 war die Herstellung auf das Niveau von 2005 gesunken. Jetzt ist die Stimmung am Markt optimistischer. Die Industrie hofft auf eine baldige Erholung der Bauwirtschaft. Auch die Investitionen bleiben nicht aus. So will etwa die italienische Firma Pixar Coatings eine neue Lack- und Farbenfabrik in der Sonderwirtschaftszone "Alabuga" in Tatarstan bauen. Das Projekt ist in zwei Etappen gegliedert und soll 15 Mio. Euro kosten. Zunächst sollen Linien für Korrosionsschutzmittel, flüssige Lacke und Farben, sowie Holzlasuren entstehen. Im zweiten Schritt werden Produktionskapazitäten für Pulverlacke und -farben aufgebaut.
Der japanische DIC-Konzern baut im Moskauer Gebiet ein Werk zur Herstellung von Tinte. Damit sollen Lebensmittelverpackungen und Getränkeemballagen markiert werden. Die Anlage 30 km westlich von Moskau soll 25 Mio. Euro kosten und dürfte 2012 fertiggestellt werden. Eine ähnliche Anlage arbeitet bereits seit Anfang 2011 mit voller Auslastung. Mehr noch: Die Nachfrage übersteigt die Produktionskapazitäten in dem Werk um das Doppelte.
Russland sitzt zwar auf riesigen Ölfeldern, aber nicht einmal die wichtigsten Massenkunststoffe (deren Grundbestandteil Öl ist) werden im Inland in ausreichender Menge selbst produziert. Zudem halten mächtige Lobbyisten Importe aus dem Ausland durch hohe Zölle fern. Die Folge: Etliche Kunststoffe sind in Russland sogar teurer als in Westeuropa. Die Knappheit im Land garantiert den Oligopolisten Mega-Margen sowie einen geringen Investitions- und Modernisierungsdruck. Sie blicken einzig und allein auf den Inlandsmarkt. Dieser entwickelt sich dank der boomenden Lebensmittelindustrie und der Automobilbranche noch sehr positiv, weil der private Konsum aufgrund sprudelnder Petro-Dollars wieder anzieht.
Allerdings hält die Marktform Hunderte Weiterverarbeiter von Investitionen ab. Diese ziehen lieber nach Polen oder nach Deutschland, als in Russland zu produzieren. Das ist sehr gut für Deutschland, aber ein Desaster für die Russische Föderation. Noch schlimmer: Dutzende etablierte Kunststoff-Weiterverarbeiter haben in den vergangenen Jahren bankrott angemeldet. "Die Situation auf dem russischen Kunststoffmarkt ist desaströs", beklagt etwa Marktexperte Fares Kilzie, Präsident des Chemieberaterunternehmens Creon. Neue Player auf dem Markt müssen um die Rohstoffversorgung bangen.
Die Situation ist paradox: Russlands Chemiekonzerne sitzen auf prall gefüllten Geldkoffern, aber investiert wird lediglich so viel, um den heimischen Markt zu 80 oder 90% mit Massenkunststoffen "made in Russia" zu versorgen. Die verbleibende Versorgungslücke gepaart mit hohen Einfuhrzöllen garantiert fette Gewinnmargen. Der Blick auf Marktvolumen, Import und Produktion im Jahr 2010 verdeutlicht dies eindrücklich: Die Nachfrage nach Massenkunststoffen stieg um ein Drittel auf 4,5 Mio. t, die Importe von Polyethylen (457.000 t), Polyvinylchlorid (485.000 t) und Polypropylen (198.000 t) erreichten Rekordniveau.
Marktvolumina von Massenkunststoffen in Russland 2010 (in 1.000 t)
| Kunststoff | 2010 | Veränderung 2010/2009 in % |
| Massenkunststoffe, davon | 4.500 | 29 |
| .Polystyrol | 457 | 24 |
| .Polypropylen | 783 | 22 |
| .Polyethylen | 1.700 | 31 |
| .Polyethylenterephthalat | 568 | 15 |
| .Polyvinylchlorid | 1.020 | 34 |
Geschäftschancen für deutsche Zulieferer und Engineering-Firmen gibt es bei folgenden Projekten: Im Bereich Polyethylenterephthalat planen Sibur und die Sibur-Töchter eine Reihe von Investitionen in neue Kapazitäten. Lukoil und Gaspromneft wollen in den nächsten drei bis fünf Jahren Werke zur Herstellung von Polyethylen bauen. Das Joint Venture Rusvinyl beabsichtigt, ab 2013 eine neue PVC-Anlage hochzufahren.
Neue Werke, modernere Anlagen, höhere Standards - Russlands Petrochemie ist im Umbruch. Der Gesetzgeber verbietet seit 1.1.2011 die Herstellung von Treibstoffen mit der Oktanzahl 80, sie entsprechen nicht dem derzeit verbindlich vorgeschriebenen Euro-3-Standard. Auch Benzin und Diesel nach Euro-3-Norm dürfen nur noch bis Ende 2011 produziert werden, danach ist Euro-4 Pflicht. Die nächste Verschärfung der Umweltauflage folgt bald: Russlands Treibstoffhersteller müssen ab Anfang 2015 nach Euro-5-Standard produzieren, der Standard 4 ist nur noch bis Ende 2014 zulässig.
Das löst bei Russlands Betreibern von Petrochemie-Anlagen eine regelrechte Investitionswelle aus: Eines dieser Unternehmen ist der Erdölverarbeitungskomplex OAO TAIF-NK in Tatarstan. Von 2011 bis 2016 sollen dort rund 2,1 Mrd. Euro investiert werden. Von 1998 bis 2010 beliefen sich die Investitionen der Aktiengesellschaft gerade einmal auf 53 Mrd. Rubel.
Das Petrochemie-Werk Saratow hat im Januar 2011 erstmals Diesel und wenige Tage später erstmals Benzin nach Euro-4-Standard hergestellt. Der gesamte TNK-BP-Konzern in Russland sieht diese Umstellung 2011 und 2012 als seine Hauptaufgabe an. In nächster Zeit soll eine Isomerisierungsanlage gebaut werden. Außerdem will der Konzern viele weitere Projekte umsetzen, die dem Ziel dienen, die Kapazitäten auf 7 Mio. bis 7,5 Mio. t Erdöl zu erhöhen und gleichzeitig die Qualität auf Euro 4- und Euro 5-Standard zu heben. Dazu sollen im Saratower Werk 300 Mio. US$ investiert werden.
Die polnische Linter Group will im Gebiet Rostow auf einer Fläche von 70 ha ein kleines Erdölverarbeitungswerk bauen. Die Osteuropäer wollen dort Jahr für Jahr 40.000 t Treibstoff herstellen.
Der russische Erdölgigant Lukoil hat angekündigt, die Benzinproduktion 2011 um 23% auf 7,4 Mio. t zu erhöhen. Der Konzern will 2011 erstmals Benzin nach Euro-5-Standard anbieten. Dazu wird im Werk in Nischni Nowgorod eine neue Alkylierungsanlage in Betrieb genommen. Bereits im Dezember 2010 hatte Lukoil in seinem Petrochemie-Werk eine neue Anlage zum katalytischen Cracken angefahren. Dadurch steigt die jährliche Produktion von Benzin von 1,8 Mio. auf 3,2 Mio. t und von Diesel von 4,2 Mio. auf 4,6 Mio. t.
Erdölverarbeitung in Russland (in Mio. t, Veränderungsraten in %)
| 2010 in Mio. t | Veränderung 2010/2009 | |
| Primärverarbeitung von Erdöl | 249 | 5,5 |
| Benzin, davon | 36,0 | 0,5 |
| .Autobenzin (Oktanzahl 95-98) | 6,0 | 6,7 |
| Dieselkraftstoff | 69,9 | 4,2 |
| Heizmasut | 69,5 | 8,5 |
Allerdings gibt es vor allem von Seiten der Automobilindustrie große Bedenken gegen die höheren Umweltstandards. Zu Recht: Laut einer Untersuchung der Marktforschungsagentur Awtostat entsprechen nur 11,6% aller in Russland zugelassenen Fahrzeuge dem Standard Euro-4, 12,8% aller Autos können mit Diesel oder Benzin der Euro-3-Norm betrieben werden, 16,8% aller Pkw fahren mit Euro-2-Kraftstoff. Der ganz überwiegende Rest entspricht überhaupt keiner Umweltnorm. Deshalb scheint es logisch, dass die Einführung strengerer Qualitätsnormen weiter hinausgezögert werden dürfte.