Staatliche Eingriffe in den Arzneimittelmarkt schmälern Rentabilität und zwingen zur Erschließung neuer Geschäftsfelder / Von Edda Wolf
Moskau (gtai) - Das Jahr 2011 bleibt schwierig für den
Pharma-Großhandel in Russland. Zahlreiche Unternehmen kämpfen immer noch
mit den Spätfolgen der Wirtschaftskrise. Zudem beschert die Regierung
mit weiteren Gesetzesinitiativen zur verstärkten Regulierung des
Arzneimittelmarkts neue Probleme. Die staatlichen Eingriffe
beschleunigen den Trend zur Diversifizierung und vertikalen Integration
der Distributoren. Teilweise treten diese dadurch in ein
Konkurrenzverhältnis zur klassischen Pharma-Industrie ein.
In Russland sind zwischen 500 und 700 Unternehmen im Großhandel mit
Arzneimitteln tätig. Andere Quellen sprechen sogar von 900 bis 1.100.
Das ist wesentlich mehr als etwa in den USA. Dort bewegt sich die Zahl
im zweistelligen Bereich. Selbst unter Berücksichtigung der enormen
Fläche Russlands und seiner klimatischen Besonderheiten sollte die Zahl
der Großhändler 80 bis 100 nicht übersteigen, meint die
Marktforschungsagentur Pharmexpert.
Die drei größten Pharma-Distributoren in Russland sind die
Unternehmensgruppe Protek, SIA International und Katren. Protek (Eigner:
Wadim Jakunin, Grigorij Chatschaturow) konnte 2010 die
Marktführerschaft zurück erobern, nachdem von 2007 bis 2009 SIA
International an der Spitze der Rangliste gestanden hatte. Drei Jahre
hat es gedauert, bis Protek die nach einem großen Brand im Jahr 2007
entstandenen Verluste kompensieren konnte. Trotz des ungünstigen
Geschäftsumfeldes gelang es Protek 2010, ein Wachstum von 10% zu
erzielen und damit SIA International wieder zu überrunden. Außerdem war
Protek der erste Arzneimitteldistributor, der einen jährlichen Umsatz
von mehr als 100 Mrd. Rubel (2,6 Mrd. Euro) erzielt hat.
Im April 2010 ging Protek an die Börse, um die weitere Entwicklung
der Unternehmensgruppe zu finanzieren. Allerdings ist der Kurs der Aktie
seit dem IPO von 120 Rubel auf 31 Rubel (Stand: 5.8.2011) gesunken. Die
erhaltenen Gelder in Höhe von circa 400 Mio. US$ verwendet Protek für
die Finanzierung der Expansion in den Bereichen Produktion (SAO
PharmFirma Soteks) und Einzelhandel (Apothekenkette Rigla). So kaufte
Protek 2010 fünf Apothekenketten mit 106 Filialen, darunter "Panazeja"
(Sankt Petersburg und Leningrader Gebiet), "Shiwika" (Swerdlowsker
Gebiet), "Nowaja Apteka" und "Biopharm" (beide Jaroslawl). Im Jahr 2011
soll das Vertriebsnetz um 70 neue Rigla-Filialen erweitert werden.
Die Produktionssparte wurde im Juli 2011 durch die Übernahme von OOO
AnviLab, die auf die Entwicklung und Produktion von
Kombinationspräparaten gegen Erkältung und Grippe spezialisiert ist,
verstärkt. Das Portfolio von AnviLab umfasst 42 Handelsmarken, 13
Erfindungen und elf Verträge über Exklusivrechte. Das bekannteste
Produkt ist das rezeptfreie "Antigrippin-Maximum", das in der Saison
2010/11 den 2. Platz unter den umsatzstärksten Anti-Erkältungsmitteln
einnahm (Marktanteil: 14,6%). Mit diesem Erwerb erhält Protek die
Möglichkeit zu einem intensiven Wachstum in dem für die
Unternehmensgruppe neuen OTC-Segment. Damit kommt Protek dem Ziel näher,
sich von Rang 4 (Marktanteil 2010: 3,64%) der größten einheimischen
Arzneimittelhersteller auf einen Platz unter den Top-3 vorzuarbeiten.
Ein Name ist aus der Liste der Top-10-Distributoren verschwunden -
Moron. Die Firma wurde 2010 vom finnischen Großhändler Oriola-KD
gekauft, der sie am 28.3.11 in Oriola umbenannt hat. Oriola bedient
circa 20.000 Kunden in Russland und verfügt über zwölf regionale
Distributionszentren. Außerdem besitzt Oriola die Apothekenketten
"Staryj lekar" und "03" mit rund 260 Apotheken in Moskau. Diese Zahl
wird sich 2011 verringern, denn das Unternehmen hat beschlossen,
unrentable Filialen zu schließen. Im 2. Quartal 2011 verzeichnete
Oriola-KD einen Verlust von 33,4 Mio. Euro, vor allem durch die
Reduzierung der Bewertung der Apothekenkette "Staryj lekar".
| Rang | Distributor | Umsatz 2010 (Mrd. Rubel) | Veränderung des Umsatzes 2010/09 (%) | Marktanteil 2010 (%) | Internetadresse |
| 1 | Protek | 101,4 | +10 | 18,8 | www.protek.ru , www.protek-group.ru |
| 2 | SIA International | 96,8 | +3 | 18,0 | www.siamed.ru |
| 3 | Katren | 74,7 | +11 | 13,9 | www.katren.ru |
| 4 | Rosta | 64,5 | +12 | 12,0 | www.rostagroup.ru |
| 5 | Alliance Healthcare | 53,1 | +38 | 9,9 | www.alliance-healthcare.ru |
| 6 | R-Pharm | 34,5 | +29 | 6,4 | www.r-pharm.com |
| 7 | Oriola (Moron) | 23,3 | +15 | 4,3 | www.oriola.ru |
| 8 | Puls | 13,4 | +35 | 2,5 | www.puls.ru |
| 9 | Biotek | 13,3 | -19 | 2,5 | www.biotec.ru |
| 10 | Imperia-Pharma | 13,2 | +16 | 2,5 | www.impharma.ru |
Quelle: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" (
www.dsm.ru)
| Distributor | Filialen | Kunden | Lieferanten | Positionen auf der Preisliste | Lagerfläche (qm) |
| Protek | 41 | 16.700 | 860 | 14.200 | 158.700 |
| SIA International | 38 | k.A. *) | 875 | 12.000 | 85.000 |
| Katren | 28 | 15.000 | 602 | 15.500 | 83.144 |
| Rosta | 28 | 15.000 | 400 | k.A. | 20.500 |
*) 28.000 Apotheken und medizinische Einrichtungen
Quelle: Angaben der Unternehmen
Ein immer größerer Teil des Arzneimittelgroßhandels ist in den Händen
der wichtigsten Distributoren konzentriert. Der Marktanteil der
Top-10-Unternehmen hat sich von 2006 bis 2010 verdoppelt und beläuft
sich nun auf 91% - sie machen das Geschäft praktisch unter sich aus.
Allein die drei Marktführer - Protek, SIA International und Katren -
vereinigten im 1. Quartal 2011 rund 56% des gesamten Umsatzes auf sich.
Dabei vertreiben sie zu 62% importierte und zu 38% einheimische
Arzneimittel.
Grad der Konzentration im Segment Distribution des Arzneimittelmarkts in Russland
Quelle: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" (
www.dsm.ru)
Haupttrend in der Entwicklung des Arzneimittelgroßhandels in Russland
ist die Diversifizierung der Geschäftstätigkeit. Die staatliche
Gesetzgebung und die dadurch geschaffenen Marktbedingungen lassen den
Arzneimittelgroßhändlern immer weniger Raum zur Weiterentwicklung ihres
Kerngeschäfts, der Distribution. Dessen Rentabilität ist 2010 erneut
gesunken. Aus diesem Grund weiten praktisch alle Unternehmen ihre
Aktivitäten auf die Geschäftsfelder Einzelhandel und Produktion von
Arzneimitteln aus. Sie beteiligen sich an der Umsetzung der Strategie
"Pharma-2020" (Ziel: Verringerung des Anteils importierter Medikamente
auf 50% bis 2020) und an der Entwicklung der Pharmacluster. Weitere
Strategien sind Spezialisierung, Internationalisierung und mehr
Kundenorientierung. Um die durch staatliche Eingriffe in den
Arzneimittelmarkt gesunkene Rentabilität zu erhöhen, orientieren sich
die Distributoren zudem auf direkte Lieferverträge mit Apotheken und
medizinischen Einrichtungen (Reduzierung des Geschäfts mit
Zwischenhändlern) und die Produkte mit den höchsten Gewinnmargen.
Für große Pharma-Distributoren ist die Expansion in den
Produktionsbereich nichts Neues. Aber es gibt jetzt auch Beispiele für
die Schaffung von Produktionskapazitäten durch kleinere Großhändler wie
Akonit und Genesis. Meist werden entweder Generika (in Eigenregie)
hergestellt oder die Produktionsstätte wird für die Auftragsfertigung
(Contracting) von Präparaten unter den Handelsmarken eines ausländischen
Partnerunternehmens genutzt. Vorteil für den Partner: Er erhält Zugang
zum Handelsnetz des russischen Distributors. Erst seit der Annahme der
Strategie "Pharma 2020" durch die Regierung wagen die Distributoren den
Schritt in die teure und riskante Produktion von innovativen
Arzneimitteln. Hierbei betreten sie Neuland - und entwickeln sich zu
Konkurrenten für die klassische Pharma-Industrie.
Beispielsweise baut R-Pharm in Kooperation mit dem Zentrum für
Hochtechnologien "ChimRar" im Pharmacluster Jaroslawl ein Werk für
Arzneimittelsubstanzen. Im Juni 2011 kaufte R-Pharm dafür das
Produktionsmodul FlexFactory von der Firma Xcellerex (Kapazität: 2000
Liter) zur Herstellung der aktiven Komponenten von biologischen
Präparaten, welches 2012 in Betrieb gehen soll. Dies ist der Einstieg in
die Biotechnologie für R-Pharm. Außerdem beteiligt sich R-Pharm
gemeinsam mit OOO Scientific future management (Nowosibirsk) am Projekt
"OOO Internationales Zentrum für vorklinische Studien und die
Entwicklung von Arzneimitteln" in Tomsk. Sie bauen eine Aufzuchtanlage
und ein Vivarium für Labortiere in der Sonderwirtschaftszone Tomsk. Das
Projekt wird im Rahmen der technologischen Plattform "Medizin der
Zukunft" auf Initiative des Forschungsinstituts für Pharmakologie der
Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der Russischen
Föderation realisiert.
Geschäftsstrategien der Pharma-Distributoren in Russland
Quellen: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" (
www.dsm.ru), Pharmexpert "Inpharmacia" Nr. 3/2011 und 6/2011 (
www.pharmexpert.ru), Recherchen von Germany Trade & Invest
Die Arzneimitteldistributoren investieren aber nicht nur in andere
Bereiche, sondern auch in ihr Kerngeschäft. SAO ZV Protek nahm Ende Juni
2011 ein zusätzliches automatisiertes Förderband für den Versand von
Medikamenten an Apotheken in seinem zentralen Logistik- und Zollterminal
TST Transservis (Fläche: 56.800 Quadratmeter) in Puschkino bei Moskau
in Betrieb. Damit wurde die Kapazität auf 450.000 Positionen (circa
6.000 Bestellungen) pro Tag gesteigert. Lieferant der Anlage war SSI
Schäfer Peem (Österreich). Insgesamt verfügt Protek über 28 Filialen mit
Lagern (davon acht zentrale regionale Lager) und 34 Depot-Lager.
Katren modernisiert 2011 weitere Lager (Orjol, Nishni Nowgorod,
Irkutsk - eingeweiht im Juni 2011) und will vier neue Lager in Betrieb
nehmen (Orjol, Nishni Nowgorod, Chabarowsk, Perm). Das Unternehmen
besitzt ein Zentrallager in Schodnja (Skhodnya) bei Moskau und 28
regionale Lager. Puls stellte sein neues Lager in Chimki für die Stadt
und das Gebiet Moskau am 1.11.10 fertig. Alliance Healthcare eröffnete
2010 ein neues Lager (OOO Alloga Rus) mit 17.400 Quadratmetern in der
Stadt Klimowsk im Gebiet Moskau, zusätzlich zu seinem Lager mit 16.000
Quadratmetern in Moskau. Der Trend zur Automatisierung der
Geschäftsvorgänge bei den Distributoren (elektronische Abwicklung der
Bestellungen, elektronisches Dokumenten-Management, Lagerhaltung,
ERP-Systeme) setzt sich fort.
Der wichtigste Importeur von Arzneimitteln nach Russland ist SIA
International, gefolgt von Protek. Insgesamt wurden 2010 rund 2 Mrd.
Packungen Medikamente (2009: 1,9 Mrd., 2008: 2,4 Mrd.) im Wert von 10,8
Mrd. US$ (2009: 8,9 Mrd. US$, 2008: 10,0 Mrd. US$) nach Russland
eingeführt. Die Verträge wurden zu 51,4% in Rubel fakturiert (2009:
25,9%). Eingekauft wird sowohl bei den russischen Filialen der
ausländischen Arzneimittelhersteller und -lieferanten (Beispiel Protek:
65,4%) als auch direkt im Ausland (Protek: 12,8%).
| Ranking Importeure-Distributoren | Ranking Importeure-Distributoren | Ranking Importeure | Ranking Importeure | Importeur-Distributor | Anteil am Import * (in %) | Anteil am Import * (in %) |
| 1. Q. 2011 | 1. Q. 2010 | 1. Q. 2011 | 1. Q. 2010 | Unternehmen | 1. Q. 2011 | 1. Q. 2010 |
| 1 | 2 | 1 | 3 | SIA International Ltd. SAO | 6,99 | 5,66 |
| 2 | 1 | 4 | 2 | Protek ZV SAO | 5,17 | 6,56 |
| 3 | 7 | 12 | 24 | R-Pharm SAO | 2,49 | 1,39 |
| 4 | 4 | 18 | 13 | Katren NPK SAO | 1,89 | 2,48 |
| 5 | 8 | 19 | 34 | Oriola | 1,77 | 0,79 |
| 6 | 5 | 20 | 15 | Alliance Healthcare Rus (Apteka Holding SAO) | 1,71 | 2,15 |
| 7 | 3 | 22 | 6 | Rosta SAO | 1,63 | 4,71 |
| 8 | 13 | 25 | 46 | Biotek TOO | 1,48 | 0,39 |
| 9 | 6 | 29 | 19 | Pharmazevtitscheskij Import.Export | 1,12 | 1,58 |
| 10 | 9 | 36 | 36 | Evroservis SAO | 0,57 | 0,72 |
*) Gesamter Import, korrigiert um die Höhe der für Dritte via
"Zolllager" eingeführten Waren (gezählt wurde nur Ware, die über die
Zollverfahren 40 und 42 eingeführt wurde; Ware, die nach Russland über
ein Zolllager unter den Verfahren "nicht für eigene Kunden" (71, 96, 93,
94, 63) eingeführt wurde, wurde nicht einberechnet)
Quelle: Pharmexpert "Ranking der Top-25 Importeure-Distributoren für das 1. Quartal 2011" in "Inpharmacia" Nr. 6/2011 (
www.pharmexpert.ru)
Veranstaltungshinweis
VII. Jährliche Allrussische Konferenz
"Logistik des Pharmazeutik-Marktes Russlands - PharmLogic 2011"
28.10.11, Moskau,
www.pharmlogic.ru
(E.W.)