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Donnerstag, 15. September 2011

Russische Pharma-Distributoren bauen Tätigkeit in Produktion und Einzelhandel aus

Staatliche Eingriffe in den Arzneimittelmarkt schmälern Rentabilität und zwingen zur Erschließung neuer Geschäftsfelder / Von Edda Wolf

Moskau (gtai) - Das Jahr 2011 bleibt schwierig für den Pharma-Großhandel in Russland. Zahlreiche Unternehmen kämpfen immer noch mit den Spätfolgen der Wirtschaftskrise. Zudem beschert die Regierung mit weiteren Gesetzesinitiativen zur verstärkten Regulierung des Arzneimittelmarkts neue Probleme. Die staatlichen Eingriffe beschleunigen den Trend zur Diversifizierung und vertikalen Integration der Distributoren. Teilweise treten diese dadurch in ein Konkurrenzverhältnis zur klassischen Pharma-Industrie ein.

In Russland sind zwischen 500 und 700 Unternehmen im Großhandel mit Arzneimitteln tätig. Andere Quellen sprechen sogar von 900 bis 1.100. Das ist wesentlich mehr als etwa in den USA. Dort bewegt sich die Zahl im zweistelligen Bereich. Selbst unter Berücksichtigung der enormen Fläche Russlands und seiner klimatischen Besonderheiten sollte die Zahl der Großhändler 80 bis 100 nicht übersteigen, meint die Marktforschungsagentur Pharmexpert.
Die drei größten Pharma-Distributoren in Russland sind die Unternehmensgruppe Protek, SIA International und Katren. Protek (Eigner: Wadim Jakunin, Grigorij Chatschaturow) konnte 2010 die Marktführerschaft zurück erobern, nachdem von 2007 bis 2009 SIA International an der Spitze der Rangliste gestanden hatte. Drei Jahre hat es gedauert, bis Protek die nach einem großen Brand im Jahr 2007 entstandenen Verluste kompensieren konnte. Trotz des ungünstigen Geschäftsumfeldes gelang es Protek 2010, ein Wachstum von 10% zu erzielen und damit SIA International wieder zu überrunden. Außerdem war Protek der erste Arzneimitteldistributor, der einen jährlichen Umsatz von mehr als 100 Mrd. Rubel (2,6 Mrd. Euro) erzielt hat.
Im April 2010 ging Protek an die Börse, um die weitere Entwicklung der Unternehmensgruppe zu finanzieren. Allerdings ist der Kurs der Aktie seit dem IPO von 120 Rubel auf 31 Rubel (Stand: 5.8.2011) gesunken. Die erhaltenen Gelder in Höhe von circa 400 Mio. US$ verwendet Protek für die Finanzierung der Expansion in den Bereichen Produktion (SAO PharmFirma Soteks) und Einzelhandel (Apothekenkette Rigla). So kaufte Protek 2010 fünf Apothekenketten mit 106 Filialen, darunter "Panazeja" (Sankt Petersburg und Leningrader Gebiet), "Shiwika" (Swerdlowsker Gebiet), "Nowaja Apteka" und "Biopharm" (beide Jaroslawl). Im Jahr 2011 soll das Vertriebsnetz um 70 neue Rigla-Filialen erweitert werden.
Die Produktionssparte wurde im Juli 2011 durch die Übernahme von OOO AnviLab, die auf die Entwicklung und Produktion von Kombinationspräparaten gegen Erkältung und Grippe spezialisiert ist, verstärkt. Das Portfolio von AnviLab umfasst 42 Handelsmarken, 13 Erfindungen und elf Verträge über Exklusivrechte. Das bekannteste Produkt ist das rezeptfreie "Antigrippin-Maximum", das in der Saison 2010/11 den 2. Platz unter den umsatzstärksten Anti-Erkältungsmitteln einnahm (Marktanteil: 14,6%). Mit diesem Erwerb erhält Protek die Möglichkeit zu einem intensiven Wachstum in dem für die Unternehmensgruppe neuen OTC-Segment. Damit kommt Protek dem Ziel näher, sich von Rang 4 (Marktanteil 2010: 3,64%) der größten einheimischen Arzneimittelhersteller auf einen Platz unter den Top-3 vorzuarbeiten.
Ein Name ist aus der Liste der Top-10-Distributoren verschwunden - Moron. Die Firma wurde 2010 vom finnischen Großhändler Oriola-KD gekauft, der sie am 28.3.11 in Oriola umbenannt hat. Oriola bedient circa 20.000 Kunden in Russland und verfügt über zwölf regionale Distributionszentren. Außerdem besitzt Oriola die Apothekenketten "Staryj lekar" und "03" mit rund 260 Apotheken in Moskau. Diese Zahl wird sich 2011 verringern, denn das Unternehmen hat beschlossen, unrentable Filialen zu schließen. Im 2. Quartal 2011 verzeichnete Oriola-KD einen Verlust von 33,4 Mio. Euro, vor allem durch die Reduzierung der Bewertung der Apothekenkette "Staryj lekar".
Top-10 Arzneimittel-Distributoren in Russland (Jahr 2010)
Rang Distributor Umsatz 2010 (Mrd. Rubel) Veränderung des Umsatzes 2010/09 (%) Marktanteil 2010 (%) Internetadresse
1 Protek 101,4 +10 18,8 www.protek.ru , www.protek-group.ru
2 SIA International 96,8 +3 18,0 www.siamed.ru
3 Katren 74,7 +11 13,9 www.katren.ru
4 Rosta 64,5 +12 12,0 www.rostagroup.ru
5 Alliance Healthcare 53,1 +38 9,9 www.alliance-healthcare.ru
6 R-Pharm 34,5 +29 6,4 www.r-pharm.com
7 Oriola (Moron) 23,3 +15 4,3 www.oriola.ru
8 Puls 13,4 +35 2,5 www.puls.ru
9 Biotek 13,3 -19 2,5 www.biotec.ru
10 Imperia-Pharma 13,2 +16 2,5 www.impharma.ru
Quelle: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" ( www.dsm.ru)
Kennziffern zu den Top-4-Distributoren (Jahr 2010)
Distributor Filialen Kunden Lieferanten Positionen auf der Preisliste Lagerfläche (qm)
Protek 41 16.700 860 14.200 158.700
SIA International 38 k.A. *) 875 12.000 85.000
Katren 28 15.000 602 15.500 83.144
Rosta 28 15.000 400 k.A. 20.500
*) 28.000 Apotheken und medizinische Einrichtungen
Quelle: Angaben der Unternehmen
Ein immer größerer Teil des Arzneimittelgroßhandels ist in den Händen der wichtigsten Distributoren konzentriert. Der Marktanteil der Top-10-Unternehmen hat sich von 2006 bis 2010 verdoppelt und beläuft sich nun auf 91% - sie machen das Geschäft praktisch unter sich aus. Allein die drei Marktführer - Protek, SIA International und Katren - vereinigten im 1. Quartal 2011 rund 56% des gesamten Umsatzes auf sich. Dabei vertreiben sie zu 62% importierte und zu 38% einheimische Arzneimittel.
Grad der Konzentration im Segment Distribution des Arzneimittelmarkts in Russland
Die Grafik wird im nachfolgenden Text erläutert.
Quelle: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" ( www.dsm.ru)
Haupttrend in der Entwicklung des Arzneimittelgroßhandels in Russland ist die Diversifizierung der Geschäftstätigkeit. Die staatliche Gesetzgebung und die dadurch geschaffenen Marktbedingungen lassen den Arzneimittelgroßhändlern immer weniger Raum zur Weiterentwicklung ihres Kerngeschäfts, der Distribution. Dessen Rentabilität ist 2010 erneut gesunken. Aus diesem Grund weiten praktisch alle Unternehmen ihre Aktivitäten auf die Geschäftsfelder Einzelhandel und Produktion von Arzneimitteln aus. Sie beteiligen sich an der Umsetzung der Strategie "Pharma-2020" (Ziel: Verringerung des Anteils importierter Medikamente auf 50% bis 2020) und an der Entwicklung der Pharmacluster. Weitere Strategien sind Spezialisierung, Internationalisierung und mehr Kundenorientierung. Um die durch staatliche Eingriffe in den Arzneimittelmarkt gesunkene Rentabilität zu erhöhen, orientieren sich die Distributoren zudem auf direkte Lieferverträge mit Apotheken und medizinischen Einrichtungen (Reduzierung des Geschäfts mit Zwischenhändlern) und die Produkte mit den höchsten Gewinnmargen.
Für große Pharma-Distributoren ist die Expansion in den Produktionsbereich nichts Neues. Aber es gibt jetzt auch Beispiele für die Schaffung von Produktionskapazitäten durch kleinere Großhändler wie Akonit und Genesis. Meist werden entweder Generika (in Eigenregie) hergestellt oder die Produktionsstätte wird für die Auftragsfertigung (Contracting) von Präparaten unter den Handelsmarken eines ausländischen Partnerunternehmens genutzt. Vorteil für den Partner: Er erhält Zugang zum Handelsnetz des russischen Distributors. Erst seit der Annahme der Strategie "Pharma 2020" durch die Regierung wagen die Distributoren den Schritt in die teure und riskante Produktion von innovativen Arzneimitteln. Hierbei betreten sie Neuland - und entwickeln sich zu Konkurrenten für die klassische Pharma-Industrie.
Beispielsweise baut R-Pharm in Kooperation mit dem Zentrum für Hochtechnologien "ChimRar" im Pharmacluster Jaroslawl ein Werk für Arzneimittelsubstanzen. Im Juni 2011 kaufte R-Pharm dafür das Produktionsmodul FlexFactory von der Firma Xcellerex (Kapazität: 2000 Liter) zur Herstellung der aktiven Komponenten von biologischen Präparaten, welches 2012 in Betrieb gehen soll. Dies ist der Einstieg in die Biotechnologie für R-Pharm. Außerdem beteiligt sich R-Pharm gemeinsam mit OOO Scientific future management (Nowosibirsk) am Projekt "OOO Internationales Zentrum für vorklinische Studien und die Entwicklung von Arzneimitteln" in Tomsk. Sie bauen eine Aufzuchtanlage und ein Vivarium für Labortiere in der Sonderwirtschaftszone Tomsk. Das Projekt wird im Rahmen der technologischen Plattform "Medizin der Zukunft" auf Initiative des Forschungsinstituts für Pharmakologie der Sibirischen Abteilung der Akademie der Wissenschaften der Russischen Föderation realisiert.

Geschäftsstrategien der Pharma-Distributoren in Russland

Die Grafik wird im nachfolgenden Text erläutert.
Quellen: DSM Group "Pharmazevtitscheskij rynok Rossii 2010" ( www.dsm.ru), Pharmexpert "Inpharmacia" Nr. 3/2011 und 6/2011 ( www.pharmexpert.ru), Recherchen von Germany Trade & Invest
Die Arzneimitteldistributoren investieren aber nicht nur in andere Bereiche, sondern auch in ihr Kerngeschäft. SAO ZV Protek nahm Ende Juni 2011 ein zusätzliches automatisiertes Förderband für den Versand von Medikamenten an Apotheken in seinem zentralen Logistik- und Zollterminal TST Transservis (Fläche: 56.800 Quadratmeter) in Puschkino bei Moskau in Betrieb. Damit wurde die Kapazität auf 450.000 Positionen (circa 6.000 Bestellungen) pro Tag gesteigert. Lieferant der Anlage war SSI Schäfer Peem (Österreich). Insgesamt verfügt Protek über 28 Filialen mit Lagern (davon acht zentrale regionale Lager) und 34 Depot-Lager.
Katren modernisiert 2011 weitere Lager (Orjol, Nishni Nowgorod, Irkutsk - eingeweiht im Juni 2011) und will vier neue Lager in Betrieb nehmen (Orjol, Nishni Nowgorod, Chabarowsk, Perm). Das Unternehmen besitzt ein Zentrallager in Schodnja (Skhodnya) bei Moskau und 28 regionale Lager. Puls stellte sein neues Lager in Chimki für die Stadt und das Gebiet Moskau am 1.11.10 fertig. Alliance Healthcare eröffnete 2010 ein neues Lager (OOO Alloga Rus) mit 17.400 Quadratmetern in der Stadt Klimowsk im Gebiet Moskau, zusätzlich zu seinem Lager mit 16.000 Quadratmetern in Moskau. Der Trend zur Automatisierung der Geschäftsvorgänge bei den Distributoren (elektronische Abwicklung der Bestellungen, elektronisches Dokumenten-Management, Lagerhaltung, ERP-Systeme) setzt sich fort.
Der wichtigste Importeur von Arzneimitteln nach Russland ist SIA International, gefolgt von Protek. Insgesamt wurden 2010 rund 2 Mrd. Packungen Medikamente (2009: 1,9 Mrd., 2008: 2,4 Mrd.) im Wert von 10,8 Mrd. US$ (2009: 8,9 Mrd. US$, 2008: 10,0 Mrd. US$) nach Russland eingeführt. Die Verträge wurden zu 51,4% in Rubel fakturiert (2009: 25,9%). Eingekauft wird sowohl bei den russischen Filialen der ausländischen Arzneimittelhersteller und -lieferanten (Beispiel Protek: 65,4%) als auch direkt im Ausland (Protek: 12,8%).
Top-10 Importeure-Distributoren (Ranking für das 1. Quartal 2011)
Ranking Importeure-Distributoren Ranking Importeure-Distributoren Ranking Importeure Ranking Importeure Importeur-Distributor Anteil am Import * (in %) Anteil am Import * (in %)
1. Q. 2011 1. Q. 2010 1. Q. 2011 1. Q. 2010 Unternehmen 1. Q. 2011 1. Q. 2010
1 2 1 3 SIA International Ltd. SAO 6,99 5,66
2 1 4 2 Protek ZV SAO 5,17 6,56
3 7 12 24 R-Pharm SAO 2,49 1,39
4 4 18 13 Katren NPK SAO 1,89 2,48
5 8 19 34 Oriola 1,77 0,79
6 5 20 15 Alliance Healthcare Rus (Apteka Holding SAO) 1,71 2,15
7 3 22 6 Rosta SAO 1,63 4,71
8 13 25 46 Biotek TOO 1,48 0,39
9 6 29 19 Pharmazevtitscheskij Import.Export 1,12 1,58
10 9 36 36 Evroservis SAO 0,57 0,72
*) Gesamter Import, korrigiert um die Höhe der für Dritte via "Zolllager" eingeführten Waren (gezählt wurde nur Ware, die über die Zollverfahren 40 und 42 eingeführt wurde; Ware, die nach Russland über ein Zolllager unter den Verfahren "nicht für eigene Kunden" (71, 96, 93, 94, 63) eingeführt wurde, wurde nicht einberechnet)
Quelle: Pharmexpert "Ranking der Top-25 Importeure-Distributoren für das 1. Quartal 2011" in "Inpharmacia" Nr. 6/2011 ( www.pharmexpert.ru)

Veranstaltungshinweis

VII. Jährliche Allrussische Konferenz
"Logistik des Pharmazeutik-Marktes Russlands - PharmLogic 2011"
28.10.11, Moskau, www.pharmlogic.ru
(E.W.)