Interview mit dem Vize-Präsidenten der HIK der Russischen Föderation, Aleksandr Sacharow / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Russland ist einer der wichtigsten Handelspartner
Deutschlands - und für viele Unternehmen ein wichtiger
Investitionsstandort. Mehr als 6.000 deutsche Firmen sind in dem Land
aktiv. Doch der Geschäftsaufbau ist nicht leicht, vor allem ohne
Netzwerke vor Ort. Die Russische Handels- und Industriekammer (HIK) will
deutschen Investoren unter die Arme greifen - mit einem Netzwerk,
Informationen und praktischer Hilfe. Mit Germany Trade & Invest
sprach der Vize-Präsident der HIK.
GTAI: In Russland gibt es keine Investitionsfördergesellschaft
auf föderaler Ebene. Wird die russische Handels- und Industriekammer
diese Lücke jetzt schließen?
Sacharow: Nein. Das ist auch nicht
unser Ziel. Aber wir schaffen im Augenblick Strukturen, um Investoren
beim Geschäftsaufbau in Russland systematisch zu begleiten - zusammen
mit den Behörden und einer Reihe von professionellen Partnern.
GTAI: Und dennoch verstehen Sie sich als erste Anlaufstelle für potenzielle Investoren aus Deutschland?
Sacharow:
So ist es. Grundsätzlich können sich ausländische Unternehmer jederzeit
an unsere Investitionsförderabteilung wenden. Dazu haben wir sie ja
gegründet. Aber für deutsche Firmen empfiehlt sich der direkte Draht zu
unserer Repräsentanz in Berlin. Leiter Sergei Nikitin spricht deutsch
und ist für Erstanfragen der ideale Ansprechpartner.
GTAI:
Russland hat 83 Föderationssubjekte. Kennen Sie denn die Vorzüge und
Nachteile aller Regionen, um potenzielle Investoren entsprechend beraten
zu können?
Sacharow: Einen zuverlässigen Mechanismus für die
Investitionsakquise arbeiten wir zunächst nur für einige Pilot-Regionen
aus. Derzeit haben wir mit drei Regionen solche Abkommen mit den
jeweiligen regionalen Kammern und der Gebietsadministration
unterzeichnet. Diese Schemata wollen wir dann auf andere Gebiete
übertragen. Bis zum Jahresende 2011 sollen es zehn bis fünfzehn sein.
GTAI:
Absatzmarkt, Arbeitskräfte, Infrastruktur und Produktionsbedingungen -
deutsche Unternehmen haben bei der Suche nach einem geeigneten Standort
ihre eigenen und meist ganz klaren Vorstellungen. Wie behalten Sie diese
bei der Auswahl des geeigneten Standortes im Blick?
Sacharow:
Richtig. Wenn wir konkrete Anfragen erhalten - zur Suche nach einem
konkreten Investitionsstandort etwa -, dann versuchen wir über unsere
174 regionalen Kammern in allen Regionen die beste Lösung zu finden. Und
zwar nach den Kriterien des potenziellen Investors. Aber wir wollen uns
nicht damit zufrieden geben, dass Investoren auf uns zukommen. Wir
wollen den Regionen helfen, sich strategisch besser auszurichten und fit
zu werden für ausländische Investoren. Das heißt etwa: Die
Industrieparks müssen besser werden, internationalen Standards genügen.
Dabei hilft künftig eine professionelle Agentur, die Strategy Partners
Group. Wir fördern einen Expertenrat, der Investitionsprojekte auf Herz
und Nieren prüfen soll. Wir wollen beim Thema Finanzierung helfen. Dazu
holen wir russische und ausländische Banken mit an den Tisch. Von den
Informationen über mögliche Investitionsprojekte, über die Betreuung bei
der Umsetzung bis hin zum Monitoring abgeschlossener Projekte - wir
stehen mit Rat und Tat zur Seite.
GTAI: Traditionell ist
Investorensuche Sache der Regionen. Stellen Sie sich auf
Kompetenzstreitigkeiten zwischen Ihnen und den Regionen ein?
Sacharow:
Im Gegenteil. In den Pilotregionen - bislang sind das Kursk,
Tschuwaschien und Saratow - haben jeweils die für Wirtschaft zuständigen
Vizegouverneure den Vertrag über die Zusammenarbeit bei der
Investorenwerbung und bei Innovationen unterzeichnet. Und zwar mit uns
und den regionalen Kammern. Das Interesse von Seiten der Regionen ist
groß.
GTAI: Schwierigkeiten treten auch nach der Standortwahl noch
auf. Verstehen Sie sich als Sprachrohr für ausländische Unternehmen,
die sich bereits in Russland befinden?
Sacharow: Natürlich. Und
zwar erstens, wenn es sich um konkrete Probleme in den Regionen handelt.
Dann setzen sich vor allem die regionalen Kammern für die Belange
ausländischer Investoren ein. Zweitens werden wir als Handels- und
Industriekammer der Russischen Föderation aktiv, wenn es um strukturelle
Probleme geht. Mit dem Zoll etwa, oder bei administrativen Barrieren.
Apropos: Wegen administrativer Hürden wollen wir keinen einzigen
Investor verlieren. Ich kann zwar keine Wunder versprechen. Aber ich
verspreche, dass wir uns aller Probleme annehmen und dass wir keinen
Investor alleine lassen. Und selbst bei Streitigkeiten zwischen
Unternehmen stehen wir zur Seite. Wir haben ein eigenes internationales
Schiedsgericht mit einer 80-jährigen Tradition. Kaum jemand weiß, dass
dort fast dreimal so viele Fälle verhandelt werden, wie vor dem
Schiedsgericht der Handelskammer Stockholm.
GTAI: Können ausländische Firmen Mitglied bei Ihnen werden?
Sacharow:
Leider nicht, das können nur russische Unternehmen. Aber um unsere
Dienstleistungen im Bereich Unternehmensansiedelung in Anspruch zu
nehmen, muss man nicht Mitglied sein. Allerdings können ausländische
Firmen ihre russische Repräsentanz bei uns akkreditieren. Und dann
nutzen sie natürlich Zusatzleistungen: von der Akkreditierung von
Mitarbeitern über Visa-Einladungen bis hin zu Mehrfachvisa für
Repräsentanz-Mitarbeiter und deren Familien.
GTAI: Zwei Drittel
aller deutschen Direktinvestitionen in Russland sind Erweiterungen
bestehender Anlagen. Nur ein Drittel sucht nach einem neuen Standort.
Unterstützen Sie auch bestehende Betriebe bei der Erweiterung?
Sacharow:
Wir machen da überhaupt keinen Unterschied. Mit jenen Firmen, die
bereits vor Ort sind, wollen wir sogar noch enger zusammenarbeiten. Denn
die kennen die Probleme beim Markteintritt und die Schwierigkeiten vor
Ort. Wir brauchen dieses Feedback - gerade von deutschen Firmen. Nur so
können wir einschätzen, welche Investitionsbedingungen verbessert werden
müssen, wo wir mit unserer Vermittler- und Lobbyarbeit ansetzen sollen.
GTAI:
Auch die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer begleitet deutsche
Unternehmen auf dem Weg nach Russland. Arbeiten Sie auf diesem Feld
künftig verstärkt zusammen?
Sacharow: Die Investorenwerbung ist
eine große Herausforderung für uns. Und dabei arbeiten wir natürlich
nicht nur mit unseren russischen, sondern auch mit ausländischen
Partnern zusammen. Dazu gehört die Deutsch-Russische
Auslandshandelskammer. Gerade im Bereich Investitionen stehen wir in
einem regen Austausch.
Kontaktanschrift
Torgowo-Promyschlennaja Palata Rossiskoj Federazii
(Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation)
ul. Ilinka 6, 109012 Moskau
Tel.: 007 495/620 01 27, Fax: -620 02 66
Ansprechpartner für deutsche Unternehmen: Aleksandr Sacharow
Internet: www.tpprf.ru
Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation - Repräsentanz in der Bundesrepublik Deutschland
Leipziger Straße 63, 10117 Berlin
Tel.: 030/204 42 02, Fax: -204 50 201
E-Mail: info@hik-russland.de, Internet: www.hik-russland.de
Ansprechpartner: Sergei Nikitin
(H.B.)