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Montag, 12. September 2011

Russische Pharma-Distributoren sehen sich mit neuer Regulierungswelle konfrontiert

Neue Gesetzesinitiativen in Vorbereitung / "Einheitlicher Logistikoperator" für staatliche Aufträge geplant / Von Edda Wolf

Moskau (gtai) - Die russische Regierung sorgt mit neuen Gesetzesinitiativen zur verstärkten Regulierung der Distributionstätigkeit im Pharmasektor für ein weiterhin schwieriges Geschäftsumfeld für die Unternehmen dieser Branche. Ziel ist die Verringerung der Zahl der Distributoren, vor allem der bloßen Zwischenhändler. Die Kosten für den Einkauf von Arzneimitteln sollen gesenkt, der Wettbewerb gestärkt und die Korruption bei der Vergabe staatlicher Aufträge reduziert werden.

Die staatlichen Eingriffe in den Arzneimittelmarkt in Russland lassen sich in zwei Gruppen einteilen: erstens - Gesetzesinitiativen, die auf die stärkere Regulierung des Großhandels mit Medikamenten insgesamt gerichtet sind, zweitens - Vorschläge, die sich (nur) mit der Beschaffung von Arzneimitteln durch staatliche Stellen beschäftigen.
Der erste Schritt war die Einführung einer Preisgrenze für Medikamente aus dem Verzeichnis der "lebensnotwendigen und wichtigen Arzneimittel" zum 1.4.10 (Anordnung der Regierung der Russischen Föderation Nr. 2135-r vom 30.12.09). Dadurch sind die Preisaufschläge, die der Groß- und Einzelhandel vornehmen dürfen, für jede russische Region genau festgelegt. Erstmals kann die Verteuerung der Medikamente vom Hersteller bis zur Apotheke genau nachverfolgt werden. Diese Regelung bedeutet eine Deckelung der Preise für rund 40% des Sortiments (gemessen am Umsatz). Bei spezialisierten Distributoren kann dieser Anteil auch höher sein. Das beschränkt erheblich die Möglichkeit der Unternehmen, Kostensteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben.
Das Ministerium für Gesundheit hat Anfang 2011 verkündet, dass es im Interesse der Bevölkerung gelungen sei, die Preise für lebensnotwendige Arzneimittel 2010 im landesweiten Schnitt um 2,5 bis 2,6% zu senken, in bestimmten Segmenten sogar um bis zu 6%. Für Distributoren ist das keine freudige Nachricht, denn es mindert ihre Gewinnmargen, die im Schnitt um 5 bis 6% gesunken sind. "Seit Beginn der Regulierung der Preise haben die Distributoren 1 Mrd. Rubel verloren", schätzt Sergej Schuljak von der DSM Group.
Maximal zulässige Großhandelszuschläge in Prozent für Arzneimittel in ausgewählten russischen Regionen
Region weniger als 50 Rubel 50 bis 500 Rubel mehr als 500 Rubel
Gebiet Murmansk 30,0 26,0 20,0
Gebiet Tscheljabinsk 25,0 22,0 20,0
Gebiet Samara 23,0 17,0 12,0
Sankt Petersburg 20,0 15,0 14,0
Gebiet Leningrad 20,0 15,0 12,0
Stadt Moskau 20,0 15,0 10,0
Gebiet Moskau 20,0 14,0 10,0
Gebiet Swerdlowsk 18,0 16,0 14,0
Region Krasnodar 15,0 15,0 15,0
Gebiet Nowgorod 12,0 10,0 6,0
Hinweis: Für Suchtstoffe und psychotrope Arzneimittel gelten in zahlreichen russischen Regionen andere, meist höhere Zuschlagsätze.
Quellen: Informationsschrift des Föderalen Dienstes für Tarife vom 27.8.10 "Maximale Groß- und Einzelhandels-Preisaufschläge auf lebensnotwendige und wichtige Medikamente in der Russischen Föderation im Jahr 2010" ( http://base.garant.ru/12178316/#100 - Liste der Preiszuschläge in Prozent für alle 83 Regionen), Ministerium für Gesundheitswesen der Russischen Föderation ( www.minzdravsoc.ru/medicine - Liste der Preise und Preiszuschläge in Rubel)
Zum 1.9.10 trat das föderale Gesetz "Über den Umlauf von Arzneimitteln" in Kraft. Es regelt genauer als früher die Ein- und Ausfuhr, den Umschlag und den Verkauf von Pharmazeutika in Russland. Auch die Preisbildung ist Gegenstand des Gesetzes. Zudem brachte es neue Anforderungen an die Verpackung von Medikamenten mit sich: Die Lizenznummer muss nun nicht nur auf der Umverpackung (Faltschachtel), sondern auch auf der unmittelbaren Verpackung (Blister, Flasche, Ampulle) aufgebracht sein.
Im Dezember 2010 folgten die Erlasse des Ministeriums für Gesundheit und soziale Entwicklung der Russischen Föderation "Über die Einführung von Änderungen in den Regeln für die Lagerung von Arzneimitteln" (Nr. 1221n, 28.12.10) und "Regeln für den Großhandel mit Arzneimitteln für medizinische Zwecke" (Nr. 1222n, 28.12.10). Eine Lagereinrichtung muss nun mindestens eine Fläche von 150 qm haben und dem Umfang der aufbewahrten Arzneimittel entsprechen. Außerdem soll sie drei getrennte Zonen aufweisen - Warenannahme, Lagerbereich, Versandbereich - sowie extra Räume für Präparate mit besonderen Anforderungen an die Lagerbedingungen. Für den Großhandel mit Arzneimitteln ist weiterhin eine Lizenz für pharmazeutische Tätigkeit erforderlich. Gehandelt werden dürfen nur Medikamente, die in der Russischen Föderation ordnungsgemäß registriert worden sind.
Noch in der Diskussion ist ein Vorschlag des Föderalen Antimonopol-Dienstes (FAS), der sich auf die Bekämpfung der Korruption bei staatlichen Ausschreibungen richtet. Die Beteiligung von Arzneimittelproduzenten an den Tendern soll erleichtert und so der Bieterkreis und damit der Wettbewerb vergrößert werden. Der Vorschlag sieht vor, den Inhalt eines Loses auf eine internationale nicht-patentierte Arzneimittelbezeichnung (International Nonproprietary Name - INN) zu verringern und nur den Wirkstoff in der Ausschreibung zu benennen, nicht eine bestimmte Handelsmarke.
Damit soll einem Phänomen entgegen gewirkt werden, das Experten schon lange beobachten: Die Anforderungen in den Ausschreibungen sind vielfach offensichtlich auf einen bestimmten Anbieter zugeschnitten (rund 90% der Fälle). Eine Untersuchung von FAS und Generalstaatsanwaltschaft bestätigte dies: Im Zeitraum 2006 bis 2008 erhielten bei 127 von 167 staatlichen Aufträgen immer die gleichen sechs Großhändler den Zuschlag. Vier Distributoren wurden im Juli 2011 von FAS wegen gegenseitiger Absprachen bei Ausschreibungen des Gesundheitsministeriums in den Jahren 2008 und 2009 abgemahnt: R-Pharm, Rosta, Irwin-2 und Optimalnoje sdorowje.
Ferner in der Diskussion ist ein Vorschlag von Abgeordneten des Komitees für den Schutz der Gesundheit der Staatsduma (Brief von Tatjana Jakowlewa an den stellvertretenden Finanzminister Sergej Schatalow), der es in sich hat. Sein Inhalt:
1. Einführung des Standards "Good Distribution Practice" (GDP) für alle Arzneimittel-Distributoren;
2. Mindesthöhe für das Eigenkapital von Distributoren (Eigenkapitalquote);
3. Verpflichtung der Distributoren zum Abschluss direkter Verträge mit den Arzneimittelherstellern;
4. Einführung eines Mindest-Sortiments von Arzneimitteln, das jeder Distributor immer vorrätig halten muss (analog zur Regelung für Apotheken);
5. Schaffung eines "einheitlichen Logistikoperators" für die Abwicklung von Arzneimittellieferungen im Rahmen von staatlichen Aufträgen.
Um den Standard GDP in allen Lagern in allen Regionen zu erfüllen, müssten die Distributoren erhebliche Investitionen tätigen. Je nach Kapazität eines Lagers wären dafür 3 Mio. US$ und mehr erforderlich. Das würde den Anbietern von Lagertechnik gute Geschäfte einbringen, könnte aber zum Ausscheiden von regionalen Distributoren aus dem Markt führen und so die Versorgungssicherheit in den betroffenen Regionen gefährden.
Der zweite, dritte und vierte Punkt der Initiative der Abgeordneten richten sich gegen die Korruption bei der Vergabe staatlicher Aufträge zum Kauf von Arzneimitteln. Wenn dieser Sumpf ausgetrocknet würde, könnte der Staat eine Menge Geld sparen. An den Tendern beteiligen sich häufig Firmen, die nur Zwischenhändler sind, lediglich zwei bis drei Mitarbeiter haben, mit Mindestkapital gegründet wurden und gar nicht über ein eigenes Lager verfügen, sondern die Medikamente erst nach Auftragserteilung von anderen Distributoren beschaffen. Die Maßnahmen würden zum Verschwinden dieser Art Firmen vom Markt führen.
Die Forderung nach einem Mindestsortiment an Arzneimitteln entspricht zudem den Wünschen der Apotheken, für die eine entsprechende Vorschrift bereits besteht. Diese würden gern alle Bestellungen bei wenigen Distributoren abwickeln, aber häufig ist dies nicht möglich, weil bestimmte Medikamente im Portfolio eines Großhändlers fehlen. Allerdings dürfte die Mindestsortiment-Bestimmung nicht auf Distributoren ausgedehnt werden, die nur an Krankenhäuser und Polikliniken liefern.
Die Schaffung eines einheitlichen Logistikoperators für die Abwicklung aller staatlichen Aufträge wird in bestimmten Kreisen der Regierung schon seit 2007 diskutiert. Er hätte den Vorteil, dass direkte Verträge mit den Arzneimittelherstellern mit signifikanten Preisnachlässen geschlossen werden könnten. Allerdings müsste der einheitliche Logistikoperator Lager in allen 83 Regionen haben, worüber derzeit nicht einmal die Top-3-Distributoren verfügen. Für den Aufbau eines solchen Filialnetzes wären mindestens 500 Mio. US$ erforderlich, schätzt David Melik-Gusejnov von Cegedim Strategic Data. Außerdem besteht die Gefahr, dass ein derartiger Gigant eher schwerfällig auf den Bedarf der regionalen Abnehmer reagieren würde. Letztlich sind solche Megastrukturen selbst anfällig für Korruption.
Auf die Schaffung eines "einheitlichen Logistikoperators" für die Abwicklung von staatlichen Aufträgen zielen auch Aktivitäten der Staatskorporation Rostechnologii. Über ihre Tochter OAO RT-Biotechprom hat sie im März 2011 eine Vereinbarung über strategische Partnerschaft mit dem Dienstleister für Arzneimittel-Logistik OOO Farmazevtitscheskije terminaly ( www.farmat.ru) geschlossen. Gemeinsam sollen mehrere "Nationale Verteilungszentren für Arzneimittel" aufgebaut werden. Ausländische Hersteller sollen ihre Produkte nicht mehr an Distributoren liefern, sondern selbst mit Hilfe von Farmat nach Russland einführen und dabei für die Dienstleistungen des Logistikspezialisten (Zollabwicklung, Lagerung, Vorbereitung für den Versand, Auslieferung) bezahlen. Später soll das Modell auf russische Hersteller übertragen werden. Ziel ist es, die Kosten der Lieferung der Arzneimittel bis zum Endverbraucher durch Ausschaltung von Zwischenhandelsstufen zu minimieren. Der Vorteil für die Produzenten bestünde darin, dass sie die Lagerbestände selbst kontrollieren könnten und nicht von der Einkaufspolitik der Distributoren abhängig wären.
In der ersten Phase des Projekts wird ein Verteilungszentrum im Zentralen Föderalbezirk eingerichtet - auf Basis des bestehenden Logistikkomplexes von Farmat im Ort Dawydowo im Moskauer Gebiet (Zollposten "Dawydowskij", Zollbroker ROSTEK-Farma). Für 200 Mio. Rubel sollen Infrastrukturobjekte ausgebaut, Stellagen, Gabelstapler und automatisierte Lagertechnik gekauft werden. Eingerichtet werden Lager für vorrübergehende und dauerhafte Aufbewahrung mit einer Fläche von 65.000 qm. Die Pläne für 2012/13 sehen vor, ein Filialnetz zu schaffen, wobei zur Abdeckung des Landes mindestens vier Verteilungszentren erforderlich wären.
Farmat betreibt bereits zwölf Distributionszentren für führende Arzneimittelhersteller und fungiert als Konsolidierungszentrum für drei große Apothekenketten (u.a. Marktführer OAO Aptetschnaja setj 36,6). Darüber hinaus besitzt Farmat drei Lagerterminals im Moskauer Umland mit einer Fläche von 34.000, 8.000 und 1.600 qm, über die 2010 rund 240 Mio. Packungen Medikamente versandt worden sind (Anteil am Gesamtmarkt 2010 von 4,7 Mrd. Packungen: 5,1%).
Eine weitere strategische Partnerschaft hat RT-Biotechprom zum Sommeranfang 2011 mit dem Pharma-Distributor SIA International vereinbart. Beide Firmen planen, neue Arzneimittel und Medizintechnik zu entwickeln, zu produzieren und zu verkaufen. SIA soll den Vertrieb innerhalb Russlands übernehmen, während RT-Biotechprom den Export leiten wird. SIA International verfügt über Erfahrung in der Produktion von Medikamenten. RT-Biotechprom hat bereits ein Joint-Venture mit GE Healthcare.
Nach Schätzungen von Pharmexpert umfassten die staatlichen Arzneimittel-Bestellungen im Jahr 2010 rund 4 Mrd. bis 5 Mrd. US$ oder 23 bis 28% des Gesamtmarkts. Rund 40 bis 50% des Segments entfielen auf das staatliche Programm zur ergänzenden Arzneimittel-Versorgung (DLO), 40 bis 45% auf Krankenhäuser und Polikliniken (rund 1,5 Mrd. $), der Rest auf Arzneimittelkäufe verschiedener Behörden. (E.W.)

Veranstaltungshinweis

Herbst-Sitzung der Marktführer im Pharma-Business
"Was geht auf dem Pharma-Markt vor?
26.-27.9.11, Moskau, Kongresszentrum Swissotel "Krasnye cholmy"