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Mittwoch, 7. September 2011

Russlands Flugzeugbauer streben zurück an die Weltspitze

Nationales Zentrum für Flugzeugbau geplant / Regierung unterstützt die Branche mit Subventionen und Schutzzöllen / Qualitätsprobleme hindern am Durchstarten / Von Edda Wolf

Moskau (gtai) - Russland will sich einen Platz unter den führenden Nationen im Flugzeugbau zurück erobern. In ihrer Entwicklungsstrategie steckt sich die Vereinigte Luftfahrt-Korporation OAO OAK ambitionierte Ziele: Bei Flugzeugen für die zivile Luftfahrt will sie bis 2025 einen Anteil von mehr als 50% am Binnenmarkt und 10% am Weltmarkt erreichen, bei Militärflugzeugen einen Marktanteil von 15%. Der Erlös der OAK soll sich von derzeit 4 Mrd. US$ auf jährlich 20 Mrd. bis 25 Mrd. $ bis 2025 steigern.

Die wichtigsten Entwickler und Produzenten von Flugzeugen in Russland sind in der OAO Objedinjonnaja aviastroitelnaja korporazija (OAK, Vereinigte Luftfahrt-Korporation) vereinigt. Ein wichtiger Schritt nach vorn ist der OAK auf dem Luft- und Raumfahrtsalon "MAKS" gelungen, der Mitte August 2011 bei Moskau stattfand. Sie konnte mit ihren Kunden feste Verträge über 124 Flugzeuge im Wert von 7,5 Mrd. US$ (Katalogpreise) abschließen.
Der Flugzeugbau war eine der wichtigsten und technisch am höchsten entwickelten Branchen der russischen Industrie. Zum Ende der 1980er Jahre produzierte die Sowjetunion 25% aller Zivilflugzeuge und 40% aller Militärflugzeuge weltweit. Nach dem Zerfall der UdSSR wurden die Produktionsketten zwischen den ehemaligen Unionsrepubliken unterbrochen, was tiefgreifende Auswirkungen auf den Flugzeugbau hatte. Im Jahr 2010 lieferte die OAK nur 75 Flugzeuge aus, darunter lediglich sieben Maschinen für die zivile Luftfahrt: vier An-148, zwei Tu-204 und eine Tu-124.
Produktion von Flugzeugen für die zivile Luftfahrt in Russland
Jahr 2006 2007 2008 2009 2010 Plan 2011
Stück 8 8 13 17 7 35
Plan 2011: 14 SSJ-100, 8 An-148, 5 An-140, 1IL-96-400T, 2 Tu-204-300, 5 Tu-204SM Quellen: OAO OAK, SAO Aviakor
Heute möchte sich Russland wieder einen Platz unter den weltweit ersten drei Herstellern von zivilen und militärischen Flugzeugen erobern. Große Hoffnungen setzen die Flugzeugbauer dabei auf den neuen Sukhoi Superjet 100 (SSJ-100), die in der Entwicklung befindliche Passagiermaschine für Mittelstrecken MS-21 und das Zukunftsprojekt "Flugzeug-2020".
Aktuelle Modelle und Projekte der russischen Flugzeugindustrie
Passagierflugzeuge
Sukhoi Superjet 100 Regionalflugzeug für 95 bis 98 Passagiere; Serienfertigung ab dem Jahr 2011 bei der OAO Komsomolsk-am-Amur Aircraft Production Association "Jurij A. Gagarin" und SAO Aviastar-SP in Uljanowsk
MS-21 Mittelstreckenflugzeug für 150-210 Passagiere; zurzeit in der Entwicklung, erster Flug für 2014 und Markteinführung für 2016 geplant
Flugzeug-2020 Projekt für ein neues Langstreckenflugzeug, zurzeit in der Anfangsphase der Entwicklung: 220 Mio. Euro für Vorarbeiten im Jahr 2011
Tu-204SM modernisierte Version der Tu-204, erster Testflug am 29.10.10, wird gebaut im Flugzeugwerk SAO Aviastar-SP in Uljanowsk, zurzeit keine Käufer
Tu-214ON ON - "otkrytoe nebo" (offener Himmel); Flugzeug ist für die Umsetzung des Programms "Open Skies" konzipiert. Es hat Multispektralkameras an Bord, um Gelände überwachen und Luftbildaufnahmen machen zu können
An-148 gemeinsames ukrainisch-russisches Projekt, wird montiert bei der OAO Woronesher Flugzeugbau Aktiengesellschaft (WASO)
An-140 gemeinsames ukrainisch-russisches Projekt, wird montiert bei SAO Aviakor in Samara (gehört zum Konzern Russkije maschiny)
Transportflugzeuge
IL-96, IL-112, IL-476, An-70, An-178, An-124, MTS/MTA Verantwortlich für diese Projekte ist die OAO OAK-Transportnye samoljoty ( www.uac-ta.ru). Projekte IL-96 und IL-112 sind eingestellt
Konversion des Passagierflugzeugs Airbus A320/321 in eine Cargo-Version war geplant beim Unternehmen Irkut-Technik. Das Unternehmen sollte in Uljanowsk eingerichtet werden. Projekt wurde im Juni 2011 gestoppt
Be-200 Amphibienflugzeug, derzeit Erprobung durch die französische Feuerwehr - Tender steht bevor
Quellen: OAO OAK, GAK Antonov, SAO Aviakor, Recherchen von Germany Trade & Invest
Die russische Regierung unterstützt den Flugzeugbau als Schlüsselbranche über das Föderale Zielprogramm "Entwicklung der zivilen Luftfahrttechnik 2002 bis 2010 und in der Perspektive bis 2015" mit 388,4 Mrd. Rbl (davon 274 Mrd. Rbl im Zeitraum 2011 bis 2015). Sie finanziert Entwicklungsarbeiten und die Modernisierung der Produktionskapazitäten und fängt finanzielle Verluste der Flugzeugwerke auf.
Zur weiteren Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der russischen Luftfahrtindustrie soll ein "Nationales Zentrum für Flugzeugbau" im Flieger-Städtchen Schukowski (bei Moskau) eingerichtet werden. Es wird die dort ansässigen führenden Forschungsinstitute wie das Zentrale Aerodynamische Institut "N.E. Schukowski" (ZAGI) und das Flug-Forschungsinstitut "M.M. Gromow" (LII), die Testanlagen und den Flughafen Ramenskoje (wird für Testflüge und für die Messe "MAKS" genutzt) umfassen. Außerdem ist geplant, vor Ort den neuen Hauptsitz der OAO OAK und andere Gebäude zu errichten.
Darüber hinaus sollte die Luftfahrtindustrie auch am Innovationszentrum Skolkowo (bei Moskau) beteiligt werden, so Sergej Schukow, Leiter des Clusters für Raumfahrt- und Telekommunikationstechnologien von Skolkowo. Ab September 2011 wird die russische Holding Komposit, die Kohlefaser-Verbundwerkstoffe produziert, ein F&E-Zentrum dort eröffnen, sagte ihr Generaldirektor Leonid Melamed. Ziel ist es, die russische Luftfahrt-Forschung wieder an die Weltspitze heranzuführen.
Als Absatzmärkte visieren die Flugzeugbauer vor allem Russland selbst, die Länder der GUS, Osteuropa, Südostasien, Lateinamerika und Afrika an. Zwischen 1.600 und 1.800 Maschinen werden russische Fluggesellschaften bis zum Jahr 2025 nachfragen, schätzt der stellvertretende Minister für Transport, Walerij Okulow. Boeing ist vorsichtiger und prognostiziert einen Verkauf von 1.080 Flugzeugen im Zeitraum bis 2030 für die gesamte Region Russland/GUS (davon 160 große Regionaljets, 680 Schmalrumpf-Flugzeuge, 200 Breitrumpf-Flugzeuge und 40 Großraumflugzeuge). Jährlich steige das Passagieraufkommen um 4,3%. Zudem gehe der Trend zum Austausch von Flugzeugen durch Maschinen mit geringerem Kraftstoffverbrauch.
Die Chancen für die Neuentwicklungen SSJ-100 und die MS-21 sind also gut, aber sie werden sich in einem harten Wettbewerb mit dem Airbus A320neo, der Boeing 737NG (USA), Bombardier (Kanada), Embraer (Brasilien), Mitsubishi Regional Jet (Japan) und den neuen Passagierflugzeugen ARJ21 und C 919 der Commercial Aircraft Corporation of China behaupten müssen. Eine erfolgreiche Vermarktung russischer Maschinen im Ausland wird nur dann gelingen, wenn ihre Anschaffung und ihr Betrieb günstiger sind im Vergleich zu bewährten westlichen Modellen. Die Wettbewerbsfähigkeit von Flugzeugen "made in Russia" hängt deshalb maßgeblich davon ab, dass es der OAK gelingt, den Übergang von der Einzel- zur Serienfertigung zu meistern (Qualitätsmängel abstellen, Produktionskosten senken), ein Schema zur Finanzierung des Flugzeugkaufs zu erarbeiten und ein System des technischen Supports mit schneller Ersatzteillieferung einzurichten.
Besonders die Qualitätsprobleme bei der Flugzeugmontage hindern die Luftfahrtindustrie am Durchstarten. Beispielsweise wird selbst im schon teilweise modernisierten Werk Aviastar-SP in Uljanowsk noch immer von Hand genietet. Der "schwache Punkt" der russischen Flugzeuge sind vor allem die Triebwerke und die Bordelektronik. Aber auch abenteuerliche Spaltmaße, die spontane Selbstöffnung von Gepäckfächern oder Entfaltung der Sauerstoffmasken kommen vor. Viele Flugzeuge müssen, kaum wurden sie ausgeliefert, zurück ins Werk zur Nachbesserung - sogar die Tu-214 von Präsident Medwedjew. Auch die Qualität der zugelieferten Teile lässt häufig zu wünschen übrig, zumal ihr Preis aufgrund der geringen Stückzahlen hoch ist. Typisch sind ebenfalls die Schwierigkeiten mit der schleppenden Fertigung der An-148 bei der Woronesher Flugzeugbau Aktiengesellschaft. Obwohl die Flugzeugindustrie überdurchschnittlich viel Personal beschäftigt, ist das Produktionstempo niedrig.
Um hier Abhilfe zu schaffen, plant die OAK die Einrichtung spezialisierter Produktions- und Kompetenzzentren zur:
1. Produktion des Rumpfes,
2. Produktion der Ausstattung,
3. Produktion der Tragflächen, Mechanisierung, Leitwerk und Steuerruder,
4. Produktion von Triebwerksträgern und Triebwerksgondeln,
5. Produktion von Baugruppen und Aggregaten aus Polymer-Composit-Materialien,
6. Produktion von Großraum-Radar-Verkleidungen.
Außerdem arbeitet die OAK mit der Luft- und Raumfahrt-Initiative Sachsen zusammen am Transfer von innovativen Technologien in die Serienproduktion, um deren Effektivität zu steigern und die Kosten zu verringern. Darüber hinaus wollen Institute und Firmen aus Russland und Brandenburg gemeinsam an leiseren Flugzeugtriebwerken forschen. Beteiligt sind die Berlin-Brandenburg Aerospace Allianz, das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Firma Anecom aus Wildau.
Arbeitsproduktivität der russischen Luftfahrtindustrie im internationalen Vergleich
Kennziffer OAO OAK Airbus Embraer
Zahl der montierten Flugzeuge 75 *) 530 246
Zahl der Mitarbeiter 95.900 52.500 17.146
Zahl der Mitarbeiter pro Flugzeug 1.278 99 70
*) bei Einberechnung von reparierten und modernisierten Flugzeugen: 100
Quelle: Angaben der Unternehmen für das Jahr 2010
Auch das Problem der ungünstigen Finanzierungsmöglichkeiten ist drängend. Während westliche Flugzeughersteller beim Verkauf ihrer Maschinen derzeit Kredite mit einem Jahreszinssatz von 2,5 bis 3,0% anbieten können, belaufen sich die Zinsen beim Verkauf russischer Flugzeuge auf 7 bis 8%. Gegenwärtig arbeiten die russischen Flugzeugbauer zusammen mit dem Ministerium für Industrie und Handel sowie Banken deshalb an einem System zur Exportkredit-Finanzierung für den Flugzeugkauf. Sie wünschen sich staatliche Garantien und ein Schema zur Subventionierung des Zinssatzes. Dabei orientieren sie sich am brasilianischen Modell. Demzufolge legt die Bank einen Kredit zu 10% Jahreszins heraus, während dem Kunden nur ein Zinssatz von 2 bis 3% in Rechnung gestellt wird. Die Differenz subventioniert die Regierung. Das notwendige Geld besorgt sie sich durch die Ausgabe von Obligationen. "Dieses Modell hat es Embraer erlaubt, seinen Absatz von Null auf fast 240 Flugzeuge pro Jahr zu steigern", betonte der Leiter der Abteilung für die Luftfahrtindustrie beim Industrieministerium, Juri Sljusar.
Für den SSJ-100 wurde zur Absatzförderung bereits 2008 ein Finanzierungssystem unter Beteiligung der Vneschekonombank, der französischen COFACE und der italienischen SACE geschaffen. Darüber hinaus sind für den SSJ-100 elf Zentren für technischen Support weltweit geplant. Für das Triebwerk SaM146 gibt es ein zentrales Kundenzentrum in Frankreich und derzeit ein Zentrum für technische Wartung und Reparatur in Frankreich und in Russland. Daneben werden von SuperJet International Logistics Ersatzteillager eingerichtet. Bislang gibt es zwei - am Moskauer Flughafen Scheremetjewo und am Flughafen Frankfurt/Main, das von Lufthansa Technik Logistik (LTL) betreut wird. Andere LTL-Standorte sollen in das Service-Netzwerk einbezogen werden, wenn die Kundenzahl für den SSJ-100 weltweit wächst. Für die Lieferung von Verbrauchsmaterialien, Verschleißteilen und Standard-Hardware hat SuperJet International die Firma Interturbine Aviation Logistics ausgewählt.
Nicht nur der Wettbewerb auf den Auslandsmärkten für Flugzeuge wird härter, auch der Binnenmarkt ist den Flugzeugbauern längst nicht sicher. Bereits 41,3% der Flotte russischer Fluggesellschaften, die 2010 insgesamt 1.012 Passagier- und 152 Frachtmaschinen umfasste, besteht aus Flugzeugen ausländischer Herkunft (481 Stück). Im Jahr 2010 kauften die einheimischen Fluggesellschaften 91 neue Maschinen, davon waren 78 importiert (2009: 129, davon importiert 116). Mehr als 83% der Passagiere der russischen Airlines wurden mit Flugzeugen ausländischer Marken transportiert. Das entspricht einem Zuwachs um 10% gegenüber dem Vorjahr (nach Angaben des GosNIIGA).
Zudem hat Russland im August 2010 die Importzölle für alle Flugzeuge außer Maschinen mit einer Kapazität von 50 bis 111 und 160 bis 219 Sitzplätzen aufgehoben. Die zollfreie Einfuhr gilt für Flugzeuge, die bis Ende 2018 auf der Grundlage von bis 2014 abgeschlossenen Verträgen importiert werden. Spätestens im Juli 2013 soll die Zollbefreiung überprüft werden. Weiterhin durch Importzölle geschützt werden jedoch die russischen Modelle SSJ-100 (95 Sitzplätze) und MS-21 (150 bis 230 Sitzplätze) und die ukrainisch-russische An-148 (68 bis 99 Sitzplätze).
Am 10. Luft- und Raumfahrtsalon "MAKS-2011" (16.-21.8.11) in Schukowski nahmen 842 Unternehmen aus 40 Ländern teil. Deutschland war mit einem Gemeinschaftsstand unter Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und 32 Unternehmen vertreten. Rund 400.000 Besucher kamen, um 241 ausgestellte Flugzeuge und Helikopter zu bestaunen. Die Messe erzielte mit dem Abschluss von Verträgen im Wert von 16 Mrd. US$ einen neuen Rekord. Allerdings wird die "MAKS" dem internationalen Anspruch, den die russische Regierung verfolgt, nur bedingt gerecht - die großen Verträge werden weiterhin in Le Bourget in Frankreich (100 Mrd. $) unterschrieben. Einige Auftraggeber (Rostechnologii, VEB) sind zudem Staatskonzerne oder gehören wie die Leasinggesellschaft Iljuschin Finance Co selbst zur OAO OAK. Für den SSJ-100 ging anders als erhofft keine Bestellung von einer größeren europäischen Fluggesellschaft ein. Die nächste "MAKS" wird 2013 stattfinden ( www.aviasalon.com).

Kontaktanschrift

OAO Obedinjonnaja Aviastroitelnaja Korporazija (OAK)
Abteilung für Corporate Development
101000 Moskau, Ulanskij pereulok 22, stroenije 1
Tel.: 007 495/926 14-20, Fax: -21
Internet: www.uacrussia.ru
Ansprechpartner: Michail Aslanowitsch Pogosjan, Präsident
(E.W.)