Erste Projekte zur Markteinführung von Elektrofahrzeugen / Deutsche Hersteller noch zurückhaltend / Von Gerit Schulze
Moskau (gtai) - Mit Verspätung, dafür aber mit großem Eifer will auch Russland das Zeitalter der Elektromobilität einläuten. Präsident Medwedjew drängt, den öffentlichen Nahverkehr auf Hybrid- oder Elektroantrieb umzustellen. In Moskau werden bis Ende 2011 rund 30 Ladestationen für E-Mobile errichtet. Erste internationale Hersteller haben mit der Auslieferung von Elektroautos begonnen. In St. Petersburg startet 2012 die Produktion des hybriden Yo-Mobils. AwtoWas setzt auf den Ellada.Für Russlands private Autofahrer sind Elektrofahrzeuge noch ein zu teurer Luxus. Die Impulse müssen angesichts der hohen Anschaffungspreise in der Anfangsphase von der Kommunalwirtschaft kommen. Der Kaukasus-Kurort Kislowodsk hat angekündigt, in Zukunft keine Autos mit Verbrennungsmotors mehr in die Innenstadt zu lassen. Stattdessen sollen schon ab diesem Jahr die ersten Elektrotaxis kursieren, die zunächst aus chinesischer Produktion stammen.
Die Moskauer Stadtverwaltung plant, den kommunalen Bus-Fuhrpark schrittweise auf Elektroantrieb umzurüsten. Ab November 2011 sollen die ersten Kleinbusse mit bis zu 20 Plätzen testweise zum Einsatz kommen.
Bei der anschließenden Ausschreibung wird Moskau darauf drängen, dass die gelieferten Modelle mit einer Batterieladung mindestens 250 km schaffen und auch im harten russischen Winter einsatzbereit sind. Das Unternehmen Youtong aus der VR China und der russische Trolleybus-Hersteller Trolsa in Engels (Gebiet Saratow, www.trolza.ru) haben bereits Interesse an den Projekten bekundet. Trolsa hat mit dem Ekobus 5250 einen Bus mit Hybridantrieb entwickelt, der mit komprimiertem Erdgas (CNG) und Elektromotor fährt.
Ziel der Moskauer Stadtverwaltung ist es, bis 2015 etwa 80% des öffentlichen Nahverkehrs mit Elektrofahrzeugen abzuwickeln. Dazu gehören allerdings auch die schon jetzt elektrisch betriebenen U-Bahnen, die Trolleybusse sowie das auszubauende S-Bahn-Netz (russ.: Elektritschka). Nach offiziellen Schätzungen sind für den öffentlichen Nahverkehr in der Stadt etwa 12.500 bis 13.500 Fahrzeuge nötig. Davon sollen bis zu 11.000 perspektivisch über einen Elektroantrieb verfügen.
Für dieses Projekt und für die ersten privaten Elektroautos in der Stadt will der Moskauer Stromnetzbetreiber MOESK (www.moesk.ru) bis Ende 2011 im Stadtgebiet 28 Ladestationen für Elektrofahrzeuge aufbauen. Sie sollen in der Nähe von Einkaufszentren und Kinos, an den Verwaltungsgebäuden von MOESK sowie bei Autohändlern entstehen, die Elektroautos verkaufen. In der Anfangsphase können die Fahrzeuge dort kostenlos aufgeladen werden. Später kostet die Kilowattstunde nachts etwa 0,70 Rubel (Rbl; 0,017 Euro; Wechselkurs am 3.9.11: 1 Euro = 41,38 Rbl). Um eine Batterie für 70 km Fahrt mit dem Elektromobil aufzuladen, würden demnach Kosten von rund 0,16 Euro entstehen. MOESK will außerdem einen Teil seines 2.000 Fahrzeuge umfassenden Fuhrparks auf Elektroantrieb umstellen.
Der Stromnetzbetreiber hat ein großes Interesse daran, dass sich Elektromobilität auch in Russland durchsetzt, um seine Netze vor allem nachts besser auszulasten. Projektpartner von MOESK beim Aufbau von Ladestationen ist das Moskauer Unternehmen rEVolta (http://revolta-russia.com). Generaldirektor Maksim Osorin gibt im Gespräch mit Germany Trade & Invest zu, dass ein Markt für Elektrofahrzeuge in Russland bislang "überhaupt noch nicht existiert". Doch durch die Nachfrage aus der öffentlichen Verwaltung und der kommunalen Verkehrsbetriebe werde sich das schon bald ändern.
Im Pkw-Bereich werden nach Meinung von Osorin bislang die falschen, weil zu kleinen Elektromodelle in Russland angeboten. So hat Mitsubishi den i-Miev auf dem Markt. Der Kleinwagen kostet 1,8 Mio. Rbl (43.000 Euro) und damit mehr als dreimal so viel wie konventionelle Pkw dieser Klasse. Volkswagen zum Beispiel bietet seinen für den russischen Markt konzipierten VW Polo Sedan mit Benzinmotor schon ab 420.000 Rbl an. Nach Einschätzung von Marktkenner Osorin haben Elektroautos in Russland eine Absatzchance, wenn sie maximal 30 bis 40% teurer sind als vergleichbare Autos mit Verbrennungsmotor.
Dennoch spielt Mitsubishis i-Miev eine gewisse Vorreiterrolle. Das Fahrzeug wird seit Juni 2011 in Russland verkauft. Über die Verkaufszahlen schweigt das Unternehmen zwar. Doch der Generaldistributeur der japanischen Marke in Russland, Rolf Import, führt bereits Gespräche mit dem russischen Industrie- und Handelsministerium über Präferenzen für Elektroautos. So wird vorgeschlagen, für diese die Transportsteuer abzuschaffen (derzeit in Moskau für Kfz bis 100 PS Leistung: 7 Rbl je PS), die Einfuhrzölle (derzeit rund 30%) zu senken und die Umsatzsteuer (18%) zu streichen. Das würde den erheblichen Aufpreis für solche Fahrzeuge deutlich mindern. Die Regierung zeigt sich grundsätzlich gesprächsbereit. Erfahrungsgemäß vergeht aber in Russland sehr viel Zeit bis zur Umsetzung solcher Ausnahmeregelungen.
Immerhin hat die Stadtverwaltung Kaluga (Standort der Fabrik von VW) bereits mit Mitsubishi vereinbart, die Transportsteuer in Höhe von 5 Rbl je PS Leistung für Käufer von Elektromobilen zu streichen. Außerdem sollen Unternehmen, die in der Region in den Aufbau von Ladestationen investieren, deutliche Steuervergünstigungen und subventionierte Kredite bekommen, kündigte Gouverneur Anatoli Artamonow an.
Neben Mitsubishi stehen auch Renault und Nissan in Russland in den Startlöchern, um ihre Elektroautos anzubieten. In Moskau haben diese Hersteller bereits Testfahrten mit den Modellen Fluence ZE, Kangoo ZE und Leaf durchgeführt. Der Verkaufsstart soll aber erst beginnen, wenn eine Basisinfrastruktur mit Ladestationen und Service-Werkstätten entstanden ist und die Regierung Förderprogramme für die Anschaffung von Elektroautos auflegt. Mercedes-Benz hatte beim Internationalen Investitionsforum im Juni 2011 in St. Petersburg sein A-Klasse-Modell E-Cell vorgestellt.
Verhaltener sieht zum Beispiel die Marke Volkswagen Pkw die Marktaussichten für Elektroautos. "Zurzeit ist die Aufpreisbereitschaft für solche Fahrzeuge in den Volumensegmenten gering", sagt Dr. Olav Bagusat, dort verantwortlich für das Produktmarketing in Russland. Lediglich so genannte Flottenkunden und eine kleine Anzahl von privaten Abnehmern werden sich anfänglich für Elektrofahrzeuge entscheiden.
Nach Angaben von VW herrsche in Russland ein extremer Preisdruck im Kfz-Sektor. Unter diesen Umständen seien Endkunden im Volumensegment nicht bereit, für einen Elektromotor signifikante Aufpreise zu zahlen. Das zeigten andere alternative Antriebsformen. Die Wolfsburger bieten auch in Russland Fahrzeuge an, die mit komprimiertem Erdgas betankt werden, aber einen erheblichen Aufpreis zur Serienmotorisierung kosten. Die Nachfrage ist sehr gering. Dennoch prüft das Unternehmen derzeit intensiv, ob in absehbarer Zeit ein VW-Angebot für Elektrofahrzeuge auf dem russischen Markt bereitgestellt werden soll.
Marktexperte Bagusat weist aber noch auf einen weiteren Punkt hin: Händlerbetriebe mit ihren Werkstätten und ausgebildeten Kfz-Mechanikern müssen auf die neue Technologie vorbereitet werden. Und dies lohnt sich für die Verkaufs- und Servicezentren erst, wenn der lokale Markt ein gewisses Potenzial in sich birgt und eine ausreichende Anzahl an Fahrzeugen ein solches Investment rechtfertigt.
Solche Bedenken halten den russischen Milliardär Michail Prochorow (Oneksim-Gruppe) nicht davon ab, in einer ersten Phase 150 Mio. Euro in die Produktion eines eigenen russischen Elektromobils "Yo-Auto" zu investieren. Im Juni 2011 wurde im St. Petersburger Industriepark Marino der Grundstein für die Produktionsstätte gelegt. Das Fahrzeug soll ab 2012 zunächst als Hybridfahrzeug (Treibstoff: Methangas) vom Band laufen, später als reines Elektrofahrzeug. Die geplanten Fertigungsstückzahlen: 2013 - bis zu 25.000 Fahrzeuge; 2014 - 45.000; 2015 - 90.000. Einer der Technologielieferanten ist der österreichische Automobilhersteller Magna Steyr. Anfang September 2011 lagen laut offizieller Website des Herstellers (www.yo-auto.ru) bereits über 150.000 Vorbestellungen für das Auto vor.
Auch Russlands größter Autokonzern AwtoWas plant den Einstieg ins Elektrozeitalter. Mit dem Ellada hat das Unternehmen ein Elektromobil auf Basis des Lada Kalina entwickelt. Die ersten Testfahrten fanden im Frühjahr 2011 statt, wobei die Reichweite mit einer Batterieladung bei 170 km liegen soll. Das Auto wird laut AwtoWas etwa 700.000 Rbl (17.000 Euro) kosten und ab 2014 in Serie gefertigt. Die Batterien kommen zunächst aus der VR China, später aus einem neu zu errichtenden Werk bei Nowosibirsk.
Für Ende September 2011 ist in Moskau die Gründung eines Verbandes geplant, in dem sich die Unternehmen der russischen Elektromobil-Branche zusammen schließen wollen (vorläufiger Kontakt über rEVolta).
Kontaktanschrift
rEVolta(baut Infrastruktur für Elektroautos in Russland auf)
Geschäftsführer: Maxim Osorin
109004 Moskau, Teterinski per. 14, str. 1
Tel.: 007 499/502 65 40, Fax: 007 495/744 17 49
E-Mail: maxim.osorin@revolta-russia.com, Internet: www.revolta-russia.com
(S.Z.)
Zertifizierung, Registrierung. Zulassung und Deklarierung für Russland