Staat unterstützt Ausbau des Eisenbahnnetzes mit 10 Mrd. Euro / Bahn hinkt dem Modernisierungsplan hinterher / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Dank staatlicher Hilfe wird die Russische Eisenbahn 2011 und
2012 Rekordsummen in die Infrastruktur investieren. Das ist auch bitter
nötig. Denn im Rahmen der russischen Modernisierungsoffensive sollen von
2010 bis 2015 Tausende Kilometer Bahnstrecken neu gebaut, modernisiert
und elektrifiziert werden. Bereits jetzt ist klar: Trotz nachweislicher
Erfolge ist die russische Staatsbahn RZD meilenweit von den an sie
gerichteten Anforderungen entfernt.
Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der Entwicklung des
russischen Bahnnetzes weit auseinander. Bis 2015 sollen 3.000 Kilometer
moderner Bahnverbindungen neu entstehen, 2.700 Kilometer elektrifiziert
und Tausende Kilometer modernisiert werden. So will es Präsident
Medwedew und so steht es im föderalen Zielprogramm zur Entwicklung der
Bahninfrastruktur.
Doch die Realität sieht anders aus, von diesen
ambitionierten Zielen ist die russische Bahn meilenweit entfernt. Die
RZD hat im Jahr 2010 gerade einmal 2,5 Kilometer (km) neue Gleise
verlegt und 15 km Strecke elektrifiziert. Fernab der Verbindungen
zwischen den reichen Geschäftszentren im Westen tuckern im Rest des
Landes Güter- und Personenzüge weiterhin im Schneckentempo über das
weite Land. Dabei hätte die russische Staatsbahn 2010 laut
Entwicklungsplan 430 km Strecke elektrifizieren müssen.
Natürlich
hat sich in den vergangenen Jahren auch einiges verbessert: Seit 2010
verkehrt der Schnellzug Sapsan zwischen Moskau und Sankt Petersburg
sowie zwischen Moskau und Nischni Nowgorod. Die Verbindungen zu
wichtigen Frachthäfen wurden stark ausgebaut. Auch die Shuttlezüge
(Aeroexpress) zu den drei großen Hauptstadtflughäfen Domodedowo,
Scheremetewo und Wnukowo wirken modern. Außerdem wurden besonders
überlastete Verbindungen durch Parallelspuren erweitert. Doch angesichts
des riesigen Landes und der eklatanten Engpässe sind auch die im Jahr
2010 errichteten 122 km Parallelgleise nur ein Tropfen auf den heißen
Stein. Geplant waren knapp 600 km.
Russland will den Versäumnissen
beikommen wie so oft: mit noch mehr Geld. Die russische Bahn RZD stockt
das Investitionsvolumen für 2011 um 136 Mrd. Rubel (3,25 Mrd. Euro;
EZB-Wechselkurs vom 25.11.2011: 1 Euro = 41,90 Rubel) auf. Damit dürfte
der Staatskonzern 2011 insgesamt rund 413 Mrd. Rubel (knapp 10 Mrd.
Euro) ausgeben. Das kündigte RZD-Vizechef Walentin Gapapowitsch vor dem
Verband der Eisenbahntechnikhersteller Ende November 2011 in
Tscheboksarsk an. Im Jahr 2012 soll mit 411,6 Mrd. Rubel in etwa
dieselbe Summe ausgegeben werden.
Ein Großteil des Geldes fließt
in neue Waggons und Lokomotiven. Dutzende Bahnhöfe müssen saniert
werden. Aber auch der Ausbau des 86.000 km langen Eisenbahnnetzes in
Russland soll nicht zu kurz kommen. Ein gehöriger Teil des Geldes für
neue Eisenbahnlinien und die Modernisierung bestehender Strecken kommt
aus dem föderalen Haushalt. Das Transportministerium schießt zwischen
2012 und 2014 knapp 214 Mrd. Rubel (5,1 Mrd. Euro) zu. Zwischen 2015 und
2019 sollen weitere 193 Mrd. Rubel (4,6 Mrd. Euro) für diesen Zweck
folgen. Zu den vorrangigen Projekten zählen der Umbau des Abschnittes
Wyborg-Primorsk-Jermilowo auf der Strecke zwischen Sankt Petersburg und
Helsinki, der Ausbau der Station Gremjatschja, der Aufbau einer
schnellen S-Bahnverbindung von Moskau nach Nowoperedelkino, und die
Strecke zwischen den Flughafenterminals Scheremetewo 1 und Schweremetewo
2.
Eines der wichtigsten Prestigeprojekte ist aber die
Schnellzugverbindung zwischen Moskau und Sankt Petersburg. Ab 2017 soll
eine komplett neue Strecke entstehen, auf der 42 Schnellzüge mit bis zu
400 Kilometern pro Stunde fahren und die 660 km lange Trasse in 2,5
Stunden zurücklegen. Die Gesamtkosten sollen bei knapp 700 Mrd. Rubel
(16,7 Mrd. Euro) liegen. Konsortien aus Deutschland, Frankreich,
Südkorea und Südkorea sind laut der Nachrichtenagentur Ria Nowosti an
dem Projekt interessiert und wollen sich an der Ausschreibung
beteiligen.
Kostenstruktur der Schnellzugverbindung zwischen Moskau und Sankt Petersburg
| Leistung | Kosten in Mrd. Rubel |
| Gesamtprojekt, davon | 696,2 |
| .Baukosten | 672,5 |
| .Erwerb der Grundstücke | 50,6 |
| .Projektierung und ingenieurtechnische Vorarbeiten | 18,1 |
Quelle: Nachrichtenagentur Prime Tass unter Berufung auf Informationen aus dem Transportministerium und dem Finanzministerium
Mitte
November 2011 wurde die Ausschreibung für den Bau eines 147 km
Teilstückes der Strecke zwischen Kuragino im Krasnojarski Krai und Kysyl
in der Republik Tywa veröffentlicht. Die Behörde Rosscheldor überwacht
diesen Tender. Die Kosten für die Projektierung und den Bau sollen bei
knapp 47,5 Mrd. Rubel liegen. Der Bau soll 2016 abgeschlossen sein. Die
gesamte Strecke ist 400 km lang und dürfte 136 Mrd. Rubel kosten. Davon
übernimmt das Privatunternehmen Jeniseiskaja promyschlennaja kompanija
(JePK) 87 Mrd. Rubel.
Ein weiteres Schwerpunktprojekt, für das
bereits Gelder bereit gestellt wurden, ist der kleine Eisenbahnring um
das Zentrum von Moskau. Aus dem föderalen Haushalt fließen 45 Mrd.
Rubel, die restlichen 55 Mrd. Rubel kommen aus dem Budget der Stadt
Moskau und von Privatunternehmen. Seit November 2010 wird das Projekt
wieder forciert. Ziel ist es, die Verkehrssituation in der russischen
Hauptstadt durch die überirdische Verbindung der Moskauer Kopfbahnhöfe
zu entspannen.
Aber all diese Leuchtturmprojekte können nicht über
die eigentlichen Defizite hinwegtäuschen: Derzeit bescheren die
Transportengpässe der Eisenbahn - hinsichtlich der Anzahl der Waggons
wie auch des Netzausbaus - russischen Industriekonzernen
Milliardenverluste. Zahlreiche Betriebe im ganzen Land können ihre
Exportwaren erst nach wochenlanger Verspätung auf die Reise schicken.
Und die Situation wird sich noch verschärfen. Logistikexperten rechnen
damit, dass sich die Umschlagkapazitäten an Russlands großen Seehäfen in
den kommenden Jahren verdoppeln dürften. Auch die Produktionsvolumina
etwa im Kohlebecken Kusbas oder in den großen Kupfer-, Gold- und
Eisenerzlagerstätten dürften dank massiver Investitionen rapide
steigern. Doch es steht zu befürchten, dass die Russische Staatsbahn
nicht in demselben Tempo den Netzausbau vorantreibt.
Ganz
offensichtlich gibt es einen Wettlauf unter den Hafenbetreibern um die
Gunst RZD-Netzentwickler. Jüngstes Beispiel: Im Haushalt 2012 sind 7,5
Mrd. Rubel für den Ausbau der Strecke Wyborg-Primorsk-Jermilowo
vorgesehen. Der Hafen Primorsk gehört den Unternehmen Transneft und der
Summa-Gruppe. Doch die Bahn hat andere Pläne: Sie will mit dem Geld
lieber für die Verbesserung der Strecke zum Hafen Ust-Luga forcieren.
Die russische Bahn ist zu 50% an einem Unternehmen beteiligt, das
Container nach Ust-Luga liefert. Westliche Branchenkenner verweisen
darauf, dass dem Erdölprodukte-Terminal in Ust-Luga mit Primorsk ein
ernsthafter Konkurrent erwachsen könnte.
Offizieller Entwicklungsplan des russischen Bahnsektors bis 2015
| Kennziffer | 2010 | 2011 | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 |
| Passagiertransport, in Mrd. km | 181 | 182 | 184 | 186 | 187 | 189 |
| Frachtumschlag, in Mrd. tkm | 2344 | 2412 | 2472 | 2539 | 2609 | 2677 |
| Durchschnittsgeschwindigkeit von Güterzügen, in km/Tag | 295 | 298 | 300 | 302 | 304 | 305 |
| Bau neuer Linien, in km | - | - | - | 1.198 | 444 | 1.468 |
| Bau zusätzlicher Paralleltrassen, in km | 596 | 612 | 569 | 534 | 456 | 401 |
| Elektrifizierung, in km | 430 | 450 | 480 | 457 | 438 | 490 |
Quelle: "Entwicklungsplan der russischen
Bahn bis 2015" des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung, zitiert
in der Wirtschaftszeitung "Vedomosti"
Kontaktanschriften
OAO Rossiskije Schelesnye Dorogi (RZD)
Nowaja Basmannaja ul. 2, 107174 Moskau
Tel.: 007 495/262 99 01
Ausschreibungen: http://tender.rzd.ru
Rostransmodernisazija
(Staatlicher Auftraggeber für die Umsetzung des Föderalen Programms zur Modernisierung des Russischen Transportsystems)
uliza Roschdestwenka, 1, 103759 Moskau
Tel: 007 499/262-82 42, Fax: -262-70 32
E-Mail: fgurtm@ppp-transport.ru, Internet: http://www.ppp-transport.ru
Ansprechpartner: Igor Sjablizki (Geschäftsführer)
Rossheldor
(Bundesagentur für Eisenbahntransport)
ul. Staraja Basmannaja 11, 105064 Moskau
Tel.: 007 499/262-81 39, Fax: -262-71 72
E-Mail: info@roszeldor.ru, Internet: http://www.roszeldor.ru
SAO Jenisseiskaja promyschlennaja kompanija
ul. Schtschetinkina-Krawtschenko 31, 667000 Kysyl, Republik Tywa
Tel.: 007 39422/223 85, Fax: -123 51
(H.B.)
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