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Freitag, 13. Januar 2012

Russische Eisenbahn stockt Investitionen auf

Staat unterstützt Ausbau des Eisenbahnnetzes mit 10 Mrd. Euro / Bahn hinkt dem Modernisierungsplan hinterher / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Dank staatlicher Hilfe wird die Russische Eisenbahn 2011 und 2012 Rekordsummen in die Infrastruktur investieren. Das ist auch bitter nötig. Denn im Rahmen der russischen Modernisierungsoffensive sollen von 2010 bis 2015 Tausende Kilometer Bahnstrecken neu gebaut, modernisiert und elektrifiziert werden. Bereits jetzt ist klar: Trotz nachweislicher Erfolge ist die russische Staatsbahn RZD meilenweit von den an sie gerichteten Anforderungen entfernt.

Anspruch und Wirklichkeit klaffen bei der Entwicklung des russischen Bahnnetzes weit auseinander. Bis 2015 sollen 3.000 Kilometer moderner Bahnverbindungen neu entstehen, 2.700 Kilometer elektrifiziert und Tausende Kilometer modernisiert werden. So will es Präsident Medwedew und so steht es im föderalen Zielprogramm zur Entwicklung der Bahninfrastruktur.
Doch die Realität sieht anders aus, von diesen ambitionierten Zielen ist die russische Bahn meilenweit entfernt. Die RZD hat im Jahr 2010 gerade einmal 2,5 Kilometer (km) neue Gleise verlegt und 15 km Strecke elektrifiziert. Fernab der Verbindungen zwischen den reichen Geschäftszentren im Westen tuckern im Rest des Landes Güter- und Personenzüge weiterhin im Schneckentempo über das weite Land. Dabei hätte die russische Staatsbahn 2010 laut Entwicklungsplan 430 km Strecke elektrifizieren müssen.
Natürlich hat sich in den vergangenen Jahren auch einiges verbessert: Seit 2010 verkehrt der Schnellzug Sapsan zwischen Moskau und Sankt Petersburg sowie zwischen Moskau und Nischni Nowgorod. Die Verbindungen zu wichtigen Frachthäfen wurden stark ausgebaut. Auch die Shuttlezüge (Aeroexpress) zu den drei großen Hauptstadtflughäfen Domodedowo, Scheremetewo und Wnukowo wirken modern. Außerdem wurden besonders überlastete Verbindungen durch Parallelspuren erweitert. Doch angesichts des riesigen Landes und der eklatanten Engpässe sind auch die im Jahr 2010 errichteten 122 km Parallelgleise nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Geplant waren knapp 600 km.
Russland will den Versäumnissen beikommen wie so oft: mit noch mehr Geld. Die russische Bahn RZD stockt das Investitionsvolumen für 2011 um 136 Mrd. Rubel (3,25 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 25.11.2011: 1 Euro = 41,90 Rubel) auf. Damit dürfte der Staatskonzern 2011 insgesamt rund 413 Mrd. Rubel (knapp 10 Mrd. Euro) ausgeben. Das kündigte RZD-Vizechef Walentin Gapapowitsch vor dem Verband der Eisenbahntechnikhersteller Ende November 2011 in Tscheboksarsk an. Im Jahr 2012 soll mit 411,6 Mrd. Rubel in etwa dieselbe Summe ausgegeben werden.
Ein Großteil des Geldes fließt in neue Waggons und Lokomotiven. Dutzende Bahnhöfe müssen saniert werden. Aber auch der Ausbau des 86.000 km langen Eisenbahnnetzes in Russland soll nicht zu kurz kommen. Ein gehöriger Teil des Geldes für neue Eisenbahnlinien und die Modernisierung bestehender Strecken kommt aus dem föderalen Haushalt. Das Transportministerium schießt zwischen 2012 und 2014 knapp 214 Mrd. Rubel (5,1 Mrd. Euro) zu. Zwischen 2015 und 2019 sollen weitere 193 Mrd. Rubel (4,6 Mrd. Euro) für diesen Zweck folgen. Zu den vorrangigen Projekten zählen der Umbau des Abschnittes Wyborg-Primorsk-Jermilowo auf der Strecke zwischen Sankt Petersburg und Helsinki, der Ausbau der Station Gremjatschja, der Aufbau einer schnellen S-Bahnverbindung von Moskau nach Nowoperedelkino, und die Strecke zwischen den Flughafenterminals Scheremetewo 1 und Schweremetewo 2.
Eines der wichtigsten Prestigeprojekte ist aber die Schnellzugverbindung zwischen Moskau und Sankt Petersburg. Ab 2017 soll eine komplett neue Strecke entstehen, auf der 42 Schnellzüge mit bis zu 400 Kilometern pro Stunde fahren und die 660 km lange Trasse in 2,5 Stunden zurücklegen. Die Gesamtkosten sollen bei knapp 700 Mrd. Rubel (16,7 Mrd. Euro) liegen. Konsortien aus Deutschland, Frankreich, Südkorea und Südkorea sind laut der Nachrichtenagentur Ria Nowosti an dem Projekt interessiert und wollen sich an der Ausschreibung beteiligen.
Kostenstruktur der Schnellzugverbindung zwischen Moskau und Sankt Petersburg
Leistung Kosten in Mrd. Rubel
Gesamtprojekt, davon 696,2
.Baukosten 672,5
.Erwerb der Grundstücke 50,6
.Projektierung und ingenieurtechnische Vorarbeiten 18,1
Quelle: Nachrichtenagentur Prime Tass unter Berufung auf Informationen aus dem Transportministerium und dem Finanzministerium
Mitte November 2011 wurde die Ausschreibung für den Bau eines 147 km Teilstückes der Strecke zwischen Kuragino im Krasnojarski Krai und Kysyl in der Republik Tywa veröffentlicht. Die Behörde Rosscheldor überwacht diesen Tender. Die Kosten für die Projektierung und den Bau sollen bei knapp 47,5 Mrd. Rubel liegen. Der Bau soll 2016 abgeschlossen sein. Die gesamte Strecke ist 400 km lang und dürfte 136 Mrd. Rubel kosten. Davon übernimmt das Privatunternehmen Jeniseiskaja promyschlennaja kompanija (JePK) 87 Mrd. Rubel.
Ein weiteres Schwerpunktprojekt, für das bereits Gelder bereit gestellt wurden, ist der kleine Eisenbahnring um das Zentrum von Moskau. Aus dem föderalen Haushalt fließen 45 Mrd. Rubel, die restlichen 55 Mrd. Rubel kommen aus dem Budget der Stadt Moskau und von Privatunternehmen. Seit November 2010 wird das Projekt wieder forciert. Ziel ist es, die Verkehrssituation in der russischen Hauptstadt durch die überirdische Verbindung der Moskauer Kopfbahnhöfe zu entspannen.
Aber all diese Leuchtturmprojekte können nicht über die eigentlichen Defizite hinwegtäuschen: Derzeit bescheren die Transportengpässe der Eisenbahn - hinsichtlich der Anzahl der Waggons wie auch des Netzausbaus - russischen Industriekonzernen Milliardenverluste. Zahlreiche Betriebe im ganzen Land können ihre Exportwaren erst nach wochenlanger Verspätung auf die Reise schicken. Und die Situation wird sich noch verschärfen. Logistikexperten rechnen damit, dass sich die Umschlagkapazitäten an Russlands großen Seehäfen in den kommenden Jahren verdoppeln dürften. Auch die Produktionsvolumina etwa im Kohlebecken Kusbas oder in den großen Kupfer-, Gold- und Eisenerzlagerstätten dürften dank massiver Investitionen rapide steigern. Doch es steht zu befürchten, dass die Russische Staatsbahn nicht in demselben Tempo den Netzausbau vorantreibt.
Ganz offensichtlich gibt es einen Wettlauf unter den Hafenbetreibern um die Gunst RZD-Netzentwickler. Jüngstes Beispiel: Im Haushalt 2012 sind 7,5 Mrd. Rubel für den Ausbau der Strecke Wyborg-Primorsk-Jermilowo vorgesehen. Der Hafen Primorsk gehört den Unternehmen Transneft und der Summa-Gruppe. Doch die Bahn hat andere Pläne: Sie will mit dem Geld lieber für die Verbesserung der Strecke zum Hafen Ust-Luga forcieren. Die russische Bahn ist zu 50% an einem Unternehmen beteiligt, das Container nach Ust-Luga liefert. Westliche Branchenkenner verweisen darauf, dass dem Erdölprodukte-Terminal in Ust-Luga mit Primorsk ein ernsthafter Konkurrent erwachsen könnte.
Offizieller Entwicklungsplan des russischen Bahnsektors bis 2015
Kennziffer 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Passagiertransport, in Mrd. km 181 182 184 186 187 189
Frachtumschlag, in Mrd. tkm 2344 2412 2472 2539 2609 2677
Durchschnittsgeschwindigkeit von Güterzügen, in km/Tag 295 298 300 302 304 305
Bau neuer Linien, in km - - - 1.198 444 1.468
Bau zusätzlicher Paralleltrassen, in km 596 612 569 534 456 401
Elektrifizierung, in km 430 450 480 457 438 490
Quelle: "Entwicklungsplan der russischen Bahn bis 2015" des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung, zitiert in der Wirtschaftszeitung "Vedomosti"

Kontaktanschriften

OAO Rossiskije Schelesnye Dorogi (RZD)
Nowaja Basmannaja ul. 2, 107174 Moskau
Tel.: 007 495/262 99 01
Ausschreibungen: http://tender.rzd.ru
Rostransmodernisazija
(Staatlicher Auftraggeber für die Umsetzung des Föderalen Programms zur Modernisierung des Russischen Transportsystems)
uliza Roschdestwenka, 1, 103759 Moskau
Tel: 007 499/262-82 42, Fax: -262-70 32
Ansprechpartner: Igor Sjablizki (Geschäftsführer)
Rossheldor
(Bundesagentur für Eisenbahntransport)
ul. Staraja Basmannaja 11, 105064 Moskau
Tel.: 007 499/262-81 39, Fax: -262-71 72
SAO Jenisseiskaja promyschlennaja kompanija
ul. Schtschetinkina-Krawtschenko 31, 667000 Kysyl, Republik Tywa
Tel.: 007 39422/223 85, Fax: -123 51
(H.B.)

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