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Mittwoch, 15. Februar 2012

Russlands Straßenbau auf Abwegen

Regierung will Autofahrer stärker zur Kasse bitten / Betreiber für erste Mautstrecke gefunden / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Russlands Straßen sind in einem katastrophalem Zustand. Um seine Trassen zu sanieren und zusätzlich neue bauen zu können, müsste das Land jährlich rund 32 Mrd. Euro investieren. De facto dürfte es 2011 aber gerade einmal die Hälfte gewesen sein. Mit Mautstrecken und neuen Steuern will der Staat den Straßenbau beleben. Kritiker warnen: Wenn Russland dies nicht schafft, dann reichen die geplanten Mittel bestenfalls zur Sanierung bestehender Straßen. Neue Verkehrswege - Fehlanzeige.

Der gesamten Modernisierungsrhetorik Russlands zum Trotz - die Transportinfrastruktur ist in einem katastrophalem Zustand. Gerade einmal 8% aller Straßen sind mehrspurig, ein Drittel aller föderalen Bundesstraßen ist notorisch überlastet. Rund 46.000 Siedlungen und Dörfer sind vom Straßennetz komplett oder zumindest saisonal abgeschnitten. Die bittere Folge für die Wirtschaft: Der Anteil der Transport- an den Produktionskosten liegt in Russland bei 15 bis 20%. In hoch entwickelten Staaten sind es gerade einmal 7 bis 5%.
Besserung ist nicht in Sicht, obwohl die Verkehrsinfrastruktur einen Schwerpunkt in Präsident Medwedjews Modernisierungsoffensive bildet. Der Grund liegt auf der Hand: Rund 1.320 Mrd. Rubel pro Jahr bzw. 4,0 bis 4,5% des Bruttoinlandsproduktes halten russische Experten aus dem Verkehrsministerium Mintrans für notwendig, um Russlands veraltetes Straßensystem zu sanieren und zusätzlich auszubauen. Das sind umgerechnet über 32 Mrd. Euro (EZB-Wechselkurs vom 16.12.11: 1 Euro = 41,58 Rubel). Doch Russland ist meilenweit von diesem Investitionsvolumen und damit von vernünftigen Verkehrswegen entfernt. Im Jahr 2011 dürften Föderation, Regionen und Kommunen sowie private Investoren zusammen gerade einmal 686 Mrd. Rubel (circa 16 Mrd. Euro) investiert haben.
Über die Hälfte dieser 686 Mrd. Rubel Straßenbau-Ausgaben fürs Jahr 2011 erhält die russische Regierung über zweckgebundene Steuern: 284 Mrd. Rubel fließen dem russischen Budget durch die Mineralölsteuer zu, weitere 90 Mrd. Rubel bringt die Transportsteuer. Das heißt: Der Beitrag, den die Autofahrer zur Modernisierung des russischen Straßensystems momentan beisteuern, liegt bei gerade einmal 28%.
Für 2012 sind im föderalen und in den regionalen Straßenbaufonds rund 785 Mrd. Rubel eingeplant. Auch das reicht gerade einmal, um Reparatur- und Instandhaltungskosten durchzuführen.
Dazu kommt, dass die Baukosten für einen Kilometer Straße in keinem anderen Land der Welt so hoch sind wie in Russland. Im Endeffekt kostet ein Kilometer Straße in Russland zwischen 60 Mio. und 180 Mio. US$ und in der Hauptstadt Moskau sogar 250 Mio. $, schreibt die elektronische Tageszeitung Utro.ru. In Deutschland dagegen seien es nur 11 Mio. bis 14 Mio. US$. Kein Wunder also, dass von Januar bis September 2011 gerade einmal 202 Kilometer öffentliche Straßen fertig gestellt. Noch einmal: Auf Jahressicht gibt Russland dafür 16 Mrd. US$ aus!
Bauunternehmer und Beamte begründen die hohen Baukosten mit veralteten Baunormen und enormen Zusatzkosten für den Erwerb der Grundstücke. Doch die regionalen Unterschiede der Baukosten um den Faktor 30 bringen selbst Präsident Dmitri Medwedjew aus der Fassung: "Wir bauen doch keine Straßen auf dem Mond", zürnt er. Hinter vorgehaltener Hand konkretisieren Straßenbauexperten: Vor allem Schmiergeldzahlungen an korrupte Beamte und Bauunternehmer treiben den Preis nach oben. Oder das Geld wird zur Sanierung einwandfreier Straßenabschnitte verwendet - Hauptsache es geht nach Plan, ob nötig oder nicht.
Wie es besser ginge, beweisen ausländische Baufirmen: Die Sewero-Sapadnaja konzessionnaja kompanija, ein Konsortium aus den westeuropäischen Firmen Vinci und Eurovia, baut ein 43 Kilometer langes Teilstück der Schnellstrecke von Moskau nach Sankt Petersburg für 60 Mrd. Rubel. Das sind 47 Mio. US$ pro Kilometer - und damit wesentlich günstiger als in Sotschi, geschweige denn in der Hauptstadt Moskau.
Mautstraßen wie diese sind ein möglicher Ausweg aus der Transportkrise. Die russische Regierung will den Straßenbau in Form von PPP-Projekten forcieren. So hat das Unternehmen Obedinjonnye sistemy sbora platy (OSSP) von Oligarch Arkadi Rotenberg den Zuschlag für den Betrieb der ersten Mautstrecke in Russland erhalten. Mitte Dezember 2011 gewann das Unternehmen die entsprechende Ausschreibung für ein 408 km langes Autobahnstück der Magistrale M4 Don, das durch die Gebiete Tula, Lipezk und Woronesch führt. Davon werden künftig 313 km kostenpflichtig sein. Das Joint Venture OSSP, an dem Mostotrest sowie die österreichische Kapsch TrafficCom beteiligt sind, muss die Strecke in Schuss halten und die Maut eintreiben. Laut der staatlichen Agentur Awtodor muss der Betreiber dazu 3,7 Mrd. Rubel (89 Mio. Euro) in die Sanierung der Strecke investieren.
Ein zweiter Schritt zu einer besseren Transportinfrastruktur wäre die Anhebung der Mineralölsteuer, empfehlen Experten aus dem russischen Transportministerium. Zurzeit liegt die Akzise bei 4,2 Rubel pro Liter Benzin nach Euro-3-Standard. In den Jahren 2012 und 2013 soll die Steuer um je einen Rubel erhöht werden. Die Fachleute empfehlen eine Anhebung der Steuer bis 2015 auf 12,4 Rubel pro Liter. Erst dann könnte(n) sich auf der Einnahmeseite eine Verbesserung ergeben und damit die Ausgaben für den Straßenbau angekurbelt werden.
Die Folgen klammer Straßenbau-Kassen werden vor allem in den russischen Regionen sichtbar. Im Süden der Republik Jakutien entsteht derzeit ein Industriecluster mit Eisenerz-, Kohle-, Uran- und Phosphor-Lagerstätten, Aufbereitungsanlagen und entsprechenden Kraftwerken. Noch vor der Wirtschaftskrise hatte die Russische Föderation den Investoren zugesagt, die komplette Straßen- und Eisenbahninfrastruktur bereit zu stellen - in der entlegenen und extrem dünn besiedelten Region ein hoher finanzieller Aufwand. Doch das Geld, das die russische Regierung bislang zur Verfügung stellte, reichte nur für die Projektierung der Verkehrsinfrastruktur, die 2012 abgeschlossen wird. Noch 2012 sollte es eigentlich mit dem Bau weitergehen. Aber einfach aus der Staatskasse sollen die rund 100 Mrd. Rubel (2,5 Mrd. Euro) nun nicht mehr bezahlt werden. Vielmehr sucht man im Kreml nach einem Konzessionär oder einem Investor, der über Steuervergünstigungen in den Folgejahren das Investment refinanziert.
Straßenbau in Russland (in km)

2010 Jan-Sept. 2011
Straßenbau, mit festem Belag (Neubau und Rekonstruktion) 2.149 323
.Privatstraßen 472 121
.öffentliche Straßen 1.677 202
..föderale Straßen 683 24
..Kommunalstraßen 686 84
..Landstraßen k.A. 95
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation
Nicht gespart wird dagegen an der russischen Hauptstadt. Moskau will von 2012 bis 2016 allein für die Rekonstruktion sieben großer Ausfallstraßen 1,5 Mrd. Euro ausgeben. Für zwei weitere Straßen sind Mitte November 2011 bereits Bauunternehmen ausgewählt worden: Ingeokom wird die Warschawskoje Chaussee in Schuss bringen, ARKS saniert die Kaschirskoje Chaussee. Zu diesen neun prioritären Strecken, an denen fundamentale Verbesserungen vorgenommen werden sollen, kommen hinzu zehn weitere Magistralen, die noch saniert werden. Insgesamt ist vorgesehen, 280 km Straßen auszubessern beziehungsweise zu rekonstruieren, 78 Straßenübergänge neu anzulegen und 28 Fußgängertunnel zu bauen.
Priorität haben in den kommenden Jahren außerdem der Autobahnring um Sankt Petersburg, die Rekonstruktion der Strecke von Noworossisk nach Sotschi, sowie der 525 Kilometer lange zentrale Autobahnring (ZKAD) um die Hauptstadt Moskau (Kosten: 500 Mrd. Rubel). Außerdem darf man damit rechnen, dass massiv an der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur in den Austragungsorten der Fußballweltmeisterschaft 2018 gearbeitet werden wird.

Kontaktanschriften

Staatsholding Awtodor
Slawjanskaja Ploschad 2/5/4, str. 3, 109074 Moskau
Tel.: 007 495/784 68 80, Fax: -784 68 04
Föderale Straßenbehörde Rosawtodor
ul. Botschkowa 4, 129085 Moskau
Tel.: 007 495/686 20 33, Fax: -686 29 88
(H.B.)

Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland