Aufträge im Wert von 2,1 Mrd. Euro unterzeichnet / Von Miriam Neubert
Prag
(gtai) - Die Russische Föderation hat die Tschechische Republik in ihre
Modernisierungsoffensive eingebunden. Beim Staatsbesuch des russischen
Präsidenten Dmitri Medwedjew im Dezember 2011 in Prag wurden eine
entsprechende Erklärung und milliardenschwere Lieferverträge für
tschechische Unternehmen unterzeichnet. Zugleich warb Medwedjew für ein
russisches Konsortium, das an dem Mega-Tender zum Ausbau des
südböhmischen Atomkraftwerks Temelin teilnimmt. Die Bieterfrist läuft
Anfang Juli 2012 aus.
Bereits zum zweiten Mal in seiner Amtszeit hat der russische
Präsident Dmitri Medwedjew die Tschechische Republik besucht. Gekrönt
wurde der Staatsbesuch am 8.12.2011 durch die Erklärung über eine
gemeinsame Partnerschaft zur Modernisierung der russischen Industrie,
die Tschechiens neuer Minister für Industrie und Handel, Martin Kuba,
und Russlands Vizepremier, Alexandr Schukow, auf der Prager Burg
unterzeichneten. Das Dokument schafft die Voraussetzungen für eine
größere Einbeziehung tschechischer Firmen bei der Realisierung von
Investitionsprojekten zur Modernisierung der Russischen Föderation.
Zuvor hatte eine gemeinsame Regierungskommission eine Liste von
bilateralen Projekten ausgearbeitet, die im Rahmen der Erklärung
umgesetzt werden. Sie betreffen die Bereiche Verkehrsinfrastruktur,
Energiewirtschaft und Industrie. Die Liste soll regelmäßig um neue
gemeinsame Modernisierungsprojekte ergänzt werden. Russische und
tschechische Firmen unterzeichneten Verträge über einen Auftragswert von
insgesamt rund 54,0 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; rund 2,1 Mrd. Euro;
Wechselkurs am 15.12.11: 1 Euro = 25,535 Kc). Sie öffnen vor allem
tschechischen Bauunternehmen und Herstellern von Kraftwerken den Weg
nach Russland.
Zugleich machte Medwedjew keinen Hehl daraus, wie
sehr Russland an dem von Tschechien angestrebten Ausbau des
Atomkraftwerks Temelin interessiert ist. Es handelt sich gegenwärtig um
den einzigen laufenden Tender dieser Art in Europa. Unter den drei
Bewerbern, die sich in der Ausschreibung qualifiziert haben, ist auch
das Konsortium MIR 1.200, das aus den russischen Unternehmen
Atomstrojexport und Gidropress (beide gehören zum staatlichen
Kernenergiekonzern Rosatom) sowie der tschechischen Gesellschaft Skoda
JS (die wiederum 2004 vom größten russischen Schwermaschinenbaukonzern
OMZ gekauft wurde) besteht. Medwedjew warb in Prag für das
russisch-tschechische Konsortium unter anderem mit der Behauptung, dass
darüber die meisten tschechischen Zulieferer zum Zuge kommen würden. Es
ist ein Anliegen der tschechischen Regierung, bei dem Großauftrag
möglichst viele heimische Unternehmen als Unterauftragnehmer und
Zulieferer einbezogen zu sehen. Auch die beiden anderen Bewerber, die
japanisch-amerikanische Westinghouse und Frankreichs Areva wurden und
werden bei ihrem Bemühen um den Großauftrag in ihren Ländern von
höchster politischer Seite unterstützt. Sie knüpfen ebenfalls inzwischen
Allianzen mit Unternehmen des tschechischen Energiemaschinenbausektors.
Erst Anfang Juli 2012 wird klar werden, wer die meisten tschechischen
Unternehmen einbindet. Bis dahin müssen die Angebote vorliegen. Eine
Entscheidung wird frühestens im Jahr 2013 fallen.
Früher losgehen
soll es bei den Projekten zur Modernisierung Russlands. Sie betreffen
vor allem den nördlichen Ural. So werden tschechische Firmen unter der
Leitung des Brünner Bauunternehmen OHL ZS im Ural ab 2012 circa 390 von
700 Kilometern einer Breitspureisenbahnstrecke bauen. Die Fertigstellung
ist für 2015 geplant. Nach Informationen des Tschechischen Ministeriums
für Industrie und Handel geht es um die Abschnitte Obskaja - Salechard -
Nadym inklusive einer Eisenbahnbrücke über den Fluss Ob. Der Umfang des
Auftrags überschreitet 1,5 Mrd. Euro. Für Tschechien ist es einer der
größten Auslandsverträge der vergangenen Jahre. Die strategische
Finanzierung übernimmt die Ceska exportni banka.
Um
Energiedienstleistungen geht es bei einer gemeinsamen Firmengründung
durch die tschechische Maschinenbauholding Alta Invest und den
russischen Hersteller von Kernbrennstoff Tvel (gehört zu Rosatom). Die
neue Firma namens Alvel soll dem unterzeichneten Vertrag zufolge in der
Tschechischen Republik angesiedelt sein. Sie wird technologische
Dienstleistungen rund um die Lieferung von Kernbrennstoffen auf den
europäischen Markt anbieten. Schon seit 1995 führt Alta Kernbrennstoffe
des Herstellers Tvel nach Tschechien ein, seit kurzem auch in die
Slowakei. Aus Russland kommt der Brennstoff für beide tschechischen
Atomkraftwerke Dukovany und Temelin.
Für Alta und ihre
Tochtergesellschaften Skoda Machine Tools, TOS Kurim und CKD Blansko
gehören die Beziehungen zu Russland zum Kerngeschäft: Bis 2013 läuft ein
Projekt über Lieferungen moderner Metallbearbeitungsmaschinen und
anderer Ausrüstungen an den Güterwaggonhersteller Uralvagonzavod in
Nishni Tagil (Wert: 1,0 Mrd. Euro). Den Anteil tschechischer Lieferanten
gibt Alta in diesem Fall mit 50% an. Bei bestimmten Projekten arbeitet
das Unternehmen auch mit anderen europäischen Herstellern zusammen. An
Uralvagonzavod hat Alta auch die größte Güterwaggon-Lackieranlage der
Welt geliefert. An die russische Kohlebergbaugesellschaft SUEK liefert
Alta Bergbau-Förderbänder von bis zu 1,5 Kilometer Länge. Aktuell
unterzeichnete Alta einen Vertrag mit der Gesellschaft Uralmetanolgroup
über den Bau einer Methanol-Fabrik mit einer Kapazität von 600.000 t
(Wert: 200 Mio. Euro). Der Bau soll 2012 beginnen und 2015 fertig sein.
Ebenfalls
im Nord-Ural, in der Stadt Salechard jenseits des Nordpolarkreises,
wird die tschechische Baugesellschaft PSG ein Gas- und Dampf-Kraftwerk
bauen (circa 340 Mio. Euro). Die Kreditfinanzierung übernimmt die Ceska
exportni banka, eine Versicherung stellt die tschechische
Exportgarantie- und Versicherungsgesellschaft Egap bereit.
Der
Auftrag zum Bau eines weiteren schlüsselfertigen GuD-Kraftwerks,
allerdings sehr viel südlicher, im russischen Schwarzmeer-Kurort
Sotschi, ging an die Gesellschaft Kralovopolska RIA. Sie ist ein
Systemlieferant für Chemieindustrie, Energie- und Abwasserwirtschaft.
Ein Vorvertrag über den Auftrag war Pressemeldungen zufolge bereits im
Vorfeld verabschiedet worden und wird auf 385 Mio. Euro geschätzt. Das
geplante Kraftwerk soll eine der Hauptenergiequellen für die olympischen
Winterspiele in Sotschi sein und muss daher spätestens bis Ende
November 2013 ans Netz gehen.
Ein Memorandum über Zusammenarbeit
und gegenseitiges Verständnis unterschrieben die tschechische
Gesellschaft Plynostav Pardubice Holding und die russische
Strojtransgaz. Beide Unternehmen wollen bei langfristigen Bauprojekten
von Objekten der Erdöl- und Erdgasindustrie sowie anderer Energiezweige
kooperieren.
Eine besondere wirtschaftliche Dimension misst das
Tschechische Ministerium für Industrie und Handel einer Veränderung des
Vertrags zwischen beiden Regierungen zur Organisation von Reparatur und
Modernisierung russischer Hubschrauber (Typ Mi-24 und Mi-171 S) in der
Tschechischen Republik zu.
Russland gehört für die Tschechische
Republik zu den interessantesten Märkten außerhalb der EU und wird als
Chance begriffen, die hohe Abhängigkeit von der EU zu verringern. In die
EU gehen über 80% der tschechischen Ausfuhren, nach Deutschland ein
Drittel, nach Russland gerade einmal 3%. In den ersten zehn Monaten
lieferte Tschechien Waren im Wert von rund 3,0 Mrd. Euro in die
Russische Föderation, 40% mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.
Zu zwei Dritteln handelt es sich dabei um Maschinen, Anlagen und
Transportmittel. Aus Russland werden vor allem Erdöl und Erdgas bezogen.
(M.N.)
Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der
Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für
Russland