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Donnerstag, 16. Februar 2012

Tschechische Unternehmen nehmen an Russlands Modernisierung teil

Aufträge im Wert von 2,1 Mrd. Euro unterzeichnet / Von Miriam Neubert

Prag (gtai) - Die Russische Föderation hat die Tschechische Republik in ihre Modernisierungsoffensive eingebunden. Beim Staatsbesuch des russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew im Dezember 2011 in Prag wurden eine entsprechende Erklärung und milliardenschwere Lieferverträge für tschechische Unternehmen unterzeichnet. Zugleich warb Medwedjew für ein russisches Konsortium, das an dem Mega-Tender zum Ausbau des südböhmischen Atomkraftwerks Temelin teilnimmt. Die Bieterfrist läuft Anfang Juli 2012 aus.

Bereits zum zweiten Mal in seiner Amtszeit hat der russische Präsident Dmitri Medwedjew die Tschechische Republik besucht. Gekrönt wurde der Staatsbesuch am 8.12.2011 durch die Erklärung über eine gemeinsame Partnerschaft zur Modernisierung der russischen Industrie, die Tschechiens neuer Minister für Industrie und Handel, Martin Kuba, und Russlands Vizepremier, Alexandr Schukow, auf der Prager Burg unterzeichneten. Das Dokument schafft die Voraussetzungen für eine größere Einbeziehung tschechischer Firmen bei der Realisierung von Investitionsprojekten zur Modernisierung der Russischen Föderation. Zuvor hatte eine gemeinsame Regierungskommission eine Liste von bilateralen Projekten ausgearbeitet, die im Rahmen der Erklärung umgesetzt werden. Sie betreffen die Bereiche Verkehrsinfrastruktur, Energiewirtschaft und Industrie. Die Liste soll regelmäßig um neue gemeinsame Modernisierungsprojekte ergänzt werden. Russische und tschechische Firmen unterzeichneten Verträge über einen Auftragswert von insgesamt rund 54,0 Mrd. Tschechische Kronen (Kc; rund 2,1 Mrd. Euro; Wechselkurs am 15.12.11: 1 Euro = 25,535 Kc). Sie öffnen vor allem tschechischen Bauunternehmen und Herstellern von Kraftwerken den Weg nach Russland.
Zugleich machte Medwedjew keinen Hehl daraus, wie sehr Russland an dem von Tschechien angestrebten Ausbau des Atomkraftwerks Temelin interessiert ist. Es handelt sich gegenwärtig um den einzigen laufenden Tender dieser Art in Europa. Unter den drei Bewerbern, die sich in der Ausschreibung qualifiziert haben, ist auch das Konsortium MIR 1.200, das aus den russischen Unternehmen Atomstrojexport und Gidropress (beide gehören zum staatlichen Kernenergiekonzern Rosatom) sowie der tschechischen Gesellschaft Skoda JS (die wiederum 2004 vom größten russischen Schwermaschinenbaukonzern OMZ gekauft wurde) besteht. Medwedjew warb in Prag für das russisch-tschechische Konsortium unter anderem mit der Behauptung, dass darüber die meisten tschechischen Zulieferer zum Zuge kommen würden. Es ist ein Anliegen der tschechischen Regierung, bei dem Großauftrag möglichst viele heimische Unternehmen als Unterauftragnehmer und Zulieferer einbezogen zu sehen. Auch die beiden anderen Bewerber, die japanisch-amerikanische Westinghouse und Frankreichs Areva wurden und werden bei ihrem Bemühen um den Großauftrag in ihren Ländern von höchster politischer Seite unterstützt. Sie knüpfen ebenfalls inzwischen Allianzen mit Unternehmen des tschechischen Energiemaschinenbausektors. Erst Anfang Juli 2012 wird klar werden, wer die meisten tschechischen Unternehmen einbindet. Bis dahin müssen die Angebote vorliegen. Eine Entscheidung wird frühestens im Jahr 2013 fallen.
Früher losgehen soll es bei den Projekten zur Modernisierung Russlands. Sie betreffen vor allem den nördlichen Ural. So werden tschechische Firmen unter der Leitung des Brünner Bauunternehmen OHL ZS im Ural ab 2012 circa 390 von 700 Kilometern einer Breitspureisenbahnstrecke bauen. Die Fertigstellung ist für 2015 geplant. Nach Informationen des Tschechischen Ministeriums für Industrie und Handel geht es um die Abschnitte Obskaja - Salechard - Nadym inklusive einer Eisenbahnbrücke über den Fluss Ob. Der Umfang des Auftrags überschreitet 1,5 Mrd. Euro. Für Tschechien ist es einer der größten Auslandsverträge der vergangenen Jahre. Die strategische Finanzierung übernimmt die Ceska exportni banka.
Um Energiedienstleistungen geht es bei einer gemeinsamen Firmengründung durch die tschechische Maschinenbauholding Alta Invest und den russischen Hersteller von Kernbrennstoff Tvel (gehört zu Rosatom). Die neue Firma namens Alvel soll dem unterzeichneten Vertrag zufolge in der Tschechischen Republik angesiedelt sein. Sie wird technologische Dienstleistungen rund um die Lieferung von Kernbrennstoffen auf den europäischen Markt anbieten. Schon seit 1995 führt Alta Kernbrennstoffe des Herstellers Tvel nach Tschechien ein, seit kurzem auch in die Slowakei. Aus Russland kommt der Brennstoff für beide tschechischen Atomkraftwerke Dukovany und Temelin.
Für Alta und ihre Tochtergesellschaften Skoda Machine Tools, TOS Kurim und CKD Blansko gehören die Beziehungen zu Russland zum Kerngeschäft: Bis 2013 läuft ein Projekt über Lieferungen moderner Metallbearbeitungsmaschinen und anderer Ausrüstungen an den Güterwaggonhersteller Uralvagonzavod in Nishni Tagil (Wert: 1,0 Mrd. Euro). Den Anteil tschechischer Lieferanten gibt Alta in diesem Fall mit 50% an. Bei bestimmten Projekten arbeitet das Unternehmen auch mit anderen europäischen Herstellern zusammen. An Uralvagonzavod hat Alta auch die größte Güterwaggon-Lackieranlage der Welt geliefert. An die russische Kohlebergbaugesellschaft SUEK liefert Alta Bergbau-Förderbänder von bis zu 1,5 Kilometer Länge. Aktuell unterzeichnete Alta einen Vertrag mit der Gesellschaft Uralmetanolgroup über den Bau einer Methanol-Fabrik mit einer Kapazität von 600.000 t (Wert: 200 Mio. Euro). Der Bau soll 2012 beginnen und 2015 fertig sein.
Ebenfalls im Nord-Ural, in der Stadt Salechard jenseits des Nordpolarkreises, wird die tschechische Baugesellschaft PSG ein Gas- und Dampf-Kraftwerk bauen (circa 340 Mio. Euro). Die Kreditfinanzierung übernimmt die Ceska exportni banka, eine Versicherung stellt die tschechische Exportgarantie- und Versicherungsgesellschaft Egap bereit.
Der Auftrag zum Bau eines weiteren schlüsselfertigen GuD-Kraftwerks, allerdings sehr viel südlicher, im russischen Schwarzmeer-Kurort Sotschi, ging an die Gesellschaft Kralovopolska RIA. Sie ist ein Systemlieferant für Chemieindustrie, Energie- und Abwasserwirtschaft. Ein Vorvertrag über den Auftrag war Pressemeldungen zufolge bereits im Vorfeld verabschiedet worden und wird auf 385 Mio. Euro geschätzt. Das geplante Kraftwerk soll eine der Hauptenergiequellen für die olympischen Winterspiele in Sotschi sein und muss daher spätestens bis Ende November 2013 ans Netz gehen.
Ein Memorandum über Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis unterschrieben die tschechische Gesellschaft Plynostav Pardubice Holding und die russische Strojtransgaz. Beide Unternehmen wollen bei langfristigen Bauprojekten von Objekten der Erdöl- und Erdgasindustrie sowie anderer Energiezweige kooperieren.
Eine besondere wirtschaftliche Dimension misst das Tschechische Ministerium für Industrie und Handel einer Veränderung des Vertrags zwischen beiden Regierungen zur Organisation von Reparatur und Modernisierung russischer Hubschrauber (Typ Mi-24 und Mi-171 S) in der Tschechischen Republik zu.
Russland gehört für die Tschechische Republik zu den interessantesten Märkten außerhalb der EU und wird als Chance begriffen, die hohe Abhängigkeit von der EU zu verringern. In die EU gehen über 80% der tschechischen Ausfuhren, nach Deutschland ein Drittel, nach Russland gerade einmal 3%. In den ersten zehn Monaten lieferte Tschechien Waren im Wert von rund 3,0 Mrd. Euro in die Russische Föderation, 40% mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Zu zwei Dritteln handelt es sich dabei um Maschinen, Anlagen und Transportmittel. Aus Russland werden vor allem Erdöl und Erdgas bezogen.
(M.N.)

Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland