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Freitag, 22. Juni 2012

Russische Chemieproduktion zeigt weiter nach oben

Erdölchemie auf Modernisierungskurs / Investitionen in neues Chemiecluster / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Die Produktion der chemischen Industrie in Russland ist 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 5,2% gestiegen. Das Wachstum geht zurück auf die starke Nachfrage nach Kunststoffen, Kautschuk, Lacken und Farben, Kunstfasern und Düngemitteln. Die Hersteller von Agrarchemikalien erhöhen ihre Kapazitäten. Auch bei Farben und Lacken bleiben die Aussichten positiv. Neue Kunststoffprojekte sind geplant. Bis 2015 müssen 114 Anlagen zur Erdölverarbeitung modernisiert oder erneuert werden.


Die verarbeitende Industrie Russlands ist 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 6,5% gestiegen, die Produktion der chemischen Industrie um 5,2% und die Produktion von Gummi- und Kunststofferzeugnissen um 13,1%. Das Wachstum geht zurück auf die starke Nachfrage nach Kunststoffen, Kautschuk, Lacken und Farben, Kunstfasern und Düngemittel. Die Prognosen für 2012 sind optimistisch. Die Produktion von Automobilen steigt, die Bauwirtschaft befindet sich weiter im Aufwind und der Druck der Regierung zur Produktion hochwertiger Treibstoffe ist anhaltend hoch. Auch die Ratingagentur Moodys hat die Entwicklung im russischen Chemiesektor bis mindestens Ende 2012 als "stabil" eingestuft.

Wachstumsimpulse könnte ein neuer Chemiecluster in der Stadt Dsershinsk im Gebiet Nischni Nowgorod bringen. Dort sollen in den kommenden zehn Jahren mehr als 6,6 Mrd. Euro investiert werden, heißt es beim Pressedienst der Stadtverwaltung. Initiator des Projektes ist das russische Verteidigungsministerium, aber Unternehmen wie Sibur-Neftechim, das Sawod imeni "Swerdlowa", Dserschinksoje orgsteklo, Plastik, Aviabor, Akrilat, Sintes, Korund und Chimsintes sind bereits heute äußerst aktiv in der Region.
Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland im Jahr 2011 (in 1.000 t; Veränderungsraten in %)
Erzeugnis Jahr 2011 Veränderung 2011/2010 (in %)
Schwefelsäure 10.704 3,3
Kalzinierte Soda 2.822 4,6
Natriumhydroxid 1.047 -2,5
Synthetisches Ammoniak, wasserfrei 13.919 4,7
Mineraldünger (umgerechnet in 100%-Nährstoffgehalt), davon 18.791 5,1
.Stickstoffdünger 7.920 4,7
.Phosphatdünger 3.241 3,6
.Kalidünger 7.630 6,2
Kunststoffe, davon 5.396 9
.Polystyrol und Styrolcopolymere 348 14,1
.PVC-Harze und Vinylpolymere 636 6,4
.Polyethylen 1.653 8
.Polypropylen 722 12,3
Synthetische Farben und Farblacke 15,3 -0,8
Synthetischer Kautschuk 1.447 4,9
Styrol 486 2,6
Benzol 1.100 0,1
Phenol 251 6,1
Ethylen 2468 3,7
Pflanzenschutzmittel 43.931 31,3
Farben und Lacke 231 11,9
Lack- und Farbmaterialien auf Polymerbasis 831 1,9
Synthetische Fasern 115 1,6
Kunstfasern und -garne 20,4 6,9

Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)

Die Produktion von Düngemitteln ist im Jahr 2011 um 5,1% auf knapp 18,8 Mio. t gestiegen. Es wurden 7,7 Mio. t Stickstoffdüngemittel (+4,7%), 3,2 Mio. t Phosphordünger (+3,6%) und 7,6 Mio. t Kalidünger (+6,2%) hergestellt. Bei synthetischem Ammoniak lag die Produktionssteigerung 2011 bei 4,7%; insgesamt wurden 13,9 Mio. t hergestellt. Trotz der positiven Tendenz hat sich die Wachstumsdynamik abgeschwächt: im Jahr 2010 war die Produktion von Düngemitteln noch um 14% gestiegen.

Fosagro, einer der führenden Hersteller nicht nur Russland- sondern weltweit, will 2012 400 Mio. US$ investieren, gab das Unternehmen Mitte Februar 2012 bekannt. Damit will der Konzern vor allem die Tiefenverarbeitung fördern und die Flexibilität der Produktionslinien erhöhen. Die Kapazitäten bei OAO Ammofos im Gebiet Wologda sollen zwischen 2012 und 2015 für 2,2 Mrd. Rubel (knapp 57,3 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 15.3.2012: 1 Euro = 38,41 Rubel) um 12.000 t sekundäre Salze erhöht werden. Ein ähnliches Projekt könnte auch bei der Fosagro-Tochter Balakowskie mineralnije udobrenija im Gebiet Saratow verwirklicht werden. Fosagro hat die Produktion von Phosphor-Düngemittel im Jahr 2011 um 6,1% auf 4,1 Mio. t erhöht.

Ähnlich große Pläne hegt auch Wladislaw Baumgertner, Chef des Chemieriesen Uralkali. Das Unternehmen hat im Jahr 2011 Konkurrent Silvinit übernommen und will auch in Zukunft große Brötchen backen: In den kommenden zehn Jahren werde der Konzern 5,8 Mrd. US$ in die eigenen Anlagen stecken und die Produktion auf 19 Mio. t verdoppeln. Uralkali hat 2011 über 10,8 Mio. t Chlorkali-Erzeugnisse hergestellt - ein Plus von 6,4% gegenüber dem Gesamtausstoß der Vorgängerorganisationen Silvinit und Uralkali.

Der Chemiekonzern Akron hat von der russischen Sberbank eine Kreditlinie in Höhe von 100 Mio. US$ erhalten. Mit diesen Mitteln soll der Einkauf von ausländischer Ausrüstung ermöglicht werden. Die neue Technik soll beim Ausbau des Phosphatvorkommens Olenyi Rutschei im Gebiet Murmansk eingesetzt werden. Außerdem treibt Akron den Abbau von Kalisalzen in der Region Perm voran. Akron hat die Produktion von Düngemitteln im Jahr 2011 um 4,9% auf 5,8 Mio. t erhöht.

Russlands Chemiegiganten konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf das größte Flächenland der Welt. Branchenriese Evrochim wird das Antwerpener Werk der deutschen Firma BASF mit einer Kapazität von 2,2 Mio. t übernehmen. Mit dieser Maßnahme will der Chemiegigant 10% des europäischen Marktes für Stickstoffdünger erobern. Zunächst wurde sogar gemutmaßt, dass die Russen eine russische BASF-Tochter übernehmen würden, doch das ist jetzt vom Tisch. Russland ist nicht nur ein wichtiger internationaler Player in den Bereichen Stickstoff- und Phosphordünger, sondern verfügt auch über die zweitgrößten Reserven an Kali weltweit - nach Kanada und vor Belarus, Deutschland und Brasilien. In den russischen Böden liegen 1.800 Mio. t Kali.

In Russland werden jährlich 6 Liter Farben und Lacke pro Einwohner verkauft. Das schreibt die Wochenzeitung "Ekonomika i Shisn" unter Berufung auf das Marktforschungsinstitut Research.Techart. In Westeuropa liege der Pro-Kopf-Konsum bei knapp 20 Liter. Deshalb rechnen die Marktexperten in den kommenden Jahren mit einem stabilen Wachstum von 2 bis 3%. Im Jahr 2012 dürften in Russland 1,25 Mio. t Lacke und Farben verkauft werden und im Jahr 2015 bereits über 1,5 Mio. t.
Markt für Farben und Lacke in Russland (Prognosen in 1.000 t)
Jahr 2012 2013 2014 2015
Marktvolumen 1.248 1.314 1.400 1.511

Quelle: Research.Techart (zitiert in der Wochenzeitung "Ekonomika i Shisn")

Mitte Oktober 2011 hat das Unternehmen OAO Gasprom neftechim Salawat in Baschkortostan den Bau eines Akrylsäurewerkes angekündigt. Die Fabrik soll auf dem Betriebsgelände der Firma Monomer entstehen und im 4. Quartal 2015 die Produktion aufnehmen. Es entstehen Kapazitäten für 80.000 t rohe Acrylsäure, 80.000 t Butylacrylat sowie 35.000 t Akrylsäure-Eis. Unterstützt wird Gasprom von den Firmen Mitsubishi Chemical Corporation und dem japanischen Handelshaus Sojitz Corporation. In Zukunft sollen aus der Acrylsäure und den Acrylaten Farben sowie Absorbiermittel hergestellt werden.
Die wichtigsten Akteure am Russischen Farbenmarkt
Unternehmen Marktanteil in %
OOO Kraski Teks 21,7
Empils 16,4
OOO Lakra 6,9
OAO Russkie Kraski 6,8
SAO ABS Farben 5,4
SAO Chimik 3,2
OAO Pigment 3,0
OAO Kotowski LKS 2,6
OOO Meffert prodakschn 2,4
OOO Uralprom 2,2
Andere 29,4

Quelle: Research.Techart (zitiert in der Wochenzeitung "Ekonomika i Shisn")

Die Nachfrage nach Kunststoffen in Russland steigt weiter auf breiter Basis. Auch die Produktion hat im Jahr 2011 kräftig zugelegt - um 9% auf 5,4 Mio. t. Das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht.

Russlands größter Chemiekonzern, Sibur, plant in der sibirischen Stadt Tobolsk ein zweites Werk zur Produktion von Polymeren - das bisher größte Werk in ganz Russland. Sapsibneftechim soll der Megakomplex heißen. Dort sollen jährlich 1,5 Mio. t Ethylen und 2 Mio. t Polymere pro Jahr hergestellt werden können. Das hat Sibur-Chef Dmitri Konow Ende 2011 angekündigt. Die Rohstoffe dafür sollen allesamt aus Westsibirien kommen. Der Produktionsstart könne frühestens 2017 sein, sagte Konow auf einer Pressekonferenz in Moskau.

Im Nordural wird schon seit Jahrzehnten ein ganz neuer Komplex für Polyethylen hoher Dichte gebaut: das Nowourengoiski Gasochimitscheski Kombinat. Laut den Plänen von Gasprom, dem Betreiber des riesigen Werkes, sollen spätestens zum Jahr 2015 Anlagen für 400.000 t PE anlaufen. Dadurch könnten zum Jahr 2015 die russlandweiten Kapazitäten auf 1.083 t erweitert werden. Die Nachfrage nach diesem speziellen Kunststoff dürfte bis dahin von heute 567.000 auf 700.000 t steigen.

Gasprom Neftechim Salawat will spätestens ab 2015 in der Lage sein, 80.000 t PE niedriger Dichte zusätzlich zu produzieren. Außerdem will Nischnekamskneftechim Kapazitäten schaffen für bestimmte Polyethylen-Marken niedriger Dichte, die zur Produktion von Kunststoffrohren verwendet werden können.

Zwischen 2013 und 2015 wird Russland die Kapazitäten zur Produktion von Polyethylenterephthalat von derzeit 510.000 t auf über 1 Mio. t pro Jahr steigern. Das Unternehmen Sibur, Russlands größter Chemiekonzern, will seine PET-Kapazitäten zum 4. Quartal 2013 um 20.000 t auf 90.000 t erweitern. Polyef erweitert die Kapazitäten um 80.000 t auf 200.000 t.

Das größte Projekt entsteht in Kabardino-Balkarien. Zum Jahr 2015 sollen dort Kapazitäten von 486.000 t PET geschaffen werden. Dieses Projekt des Unternehmens Etana ist ein Schlüsselelement im Entwicklungsprogramm der russischen Chemieindustrie. "Deshalb steht fest, dass wir 2015 an den Start gehen", sagte Generaldirektor Sergei Aschinow, auf der "9. Internationalen PET-Konferenz" des Chemieberaterunternehmens Creon. Als Technikpartner sei die Auswahl auf die deutsche Firma Uhde Inventa-Fischer gefallen, Generalauftragnehmer soll der Bühler-Konzern werden.

Mit diesem Megaprojekt dürfte Russland auf einen Schlag Nettoexporteur von Polyethylenterephthalat werden. Im Jahr 2011 hat das größte Land der Welt seine Ausfuhren bereits verneunfacht. Grund: Alco-Nafta hat in Kaliningrad eine Anlage für 220.000 PET pro Jahr in Betrieb genommen. Ein beträchtlicher Teil der dortigen Produktion wird in den Nachbarstaaten verkauft; langfristig sollen 70% außer Landes verkauft werden. Auch dieses Werk in Kaliningrad hat Uhde Inventa-Fischer gebaut.

Der russische Markt für PVC ist Schätzungen zufolge im Jahr 2011 um 7% gewachsen und dürfte auch künftig um rund 8% jährlich wachsen. Dem tragen Russlands Chemiekonzerne Rechnung. Bis 2015 sollen Kapazitäten für 850.000 t suspensives PVC in Russland entstehen. Die wichtigsten Investoren sind Kaustik, RusVinil, Sajanskchimplast, Chimprom und Plastkard.
Erwartete Kapazitätserweiterungen für PVC in Russland (in 1.000 t)
Unternehmen Kapazitäten 2010 Geplante Kapazitäten 2015
Kapazitäten insgesamt, davon 642 1.489
Sibur-Neftechim 42 42
Kaustik 200 400
Plastkard 90 120
Sajanskchimplast 280 400
Chimprom 30 197
RusVinil - 330

Quelle: Creon "9. Internationale PVC-Konferenz in Moskau"

Russland hat die Produktion von Erdölerzeugnissen im Jahr 2011 um 3,3% gesteigert. Verarbeitet wurden 258 Mio. t Rohöl. Damit stieg der Anteil des in Russland weiterverarbeiteten Erdöls von 49,4% im Jahr 2010 auf 50,6% im Jahr 2011. Dagegen sank die Verarbeitungstiefe laut dem russischen Statistikdienst leicht von 71,1% auf 70,8%. Am dynamischsten steigerten OAO Gasprom neft (+5,5%) und das Chabarowski NPS (+13,5%) die Verarbeitung von Erdöl.
Russlands wichtigste Erdölverarbeiter im Jahr 2011
Unternehmen Erdölverarbeitung (Mio. t)
OAO NK Rosneft 51,1
OAO NK Lukoil 45,3
OAO Gasprom Neft 30,7

Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation

Russland zieht endlich bei den Abgasnormen die Daumenschrauben an. Der Absatz von Benzin und Diesel des Euro-Standards 2 ist noch bis zum 31.12.2012 erlaubt, von Euro-3-Standard bis 31.12.2014 und von Euro-4-Standard bis Ende 2015. Zu diesem Jahr will Russlands größter privater Erdölkonzern, Lukoil, alle Raffinerien auf die Euro-5-Norm umstellen, die Produktion von schwerem Heizöl (Masut) beenden und die Verarbeitungstiefe auf 98 bis 99% erhöhen. Bis zum Jahr 2021 will Lukoil 24 Mrd. US$ in die Erdölverarbeitung investieren.

Insgesamt müssen bis 2015 russlandweit 114 Anlagen zur Erdölverarbeitung modernisiert oder neu gebaut werden. Allerdings hat das Energieministerium Mitte Februar 2012 in einem Brief an die Regierung Risiken bei der fristgerechten Fertigstellung der Bau- beziehungsweise Modernisierungsarbeiten von 48 Anlagen eingeräumt. Allerdings handelt es sich dabei auch um solche, die bis für den Zeitraum 2015 bis 2020 angesetzt waren. Verzögerungen bei der Modernisierung der Erdölchemie in Russland sind nichts Neues. Die Einführung der verschärften Abgasnormen wurde schon dreimal verschoben. Zum einen liegt das an den Erdölkonzernen, zum anderen aber auch am Fuhrpark. Jedes zweite Auto in Russland wird mit Euro-2-Benzin betankt.
Erdölverarbeitung in Russland (in Mio. t, Veränderungsraten in %)
Erdölprodukt Jahr 2011 Veränderung 2011/2010
Primärverarbeitung von Erdöl 258,0 3,3
Benzin 36,8 2,0
Dieselkraftstoff 70,2 0,3
Masut (schweres Heizöl) 72,9 4,6

Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)

(H.B.)

Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland