Erdölchemie auf Modernisierungskurs / Investitionen in neues Chemiecluster / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Die Produktion der chemischen Industrie in Russland ist 2011
im Vergleich zum Vorjahr um 5,2% gestiegen. Das Wachstum geht zurück auf
die starke Nachfrage nach Kunststoffen, Kautschuk, Lacken und Farben,
Kunstfasern und Düngemitteln. Die Hersteller von Agrarchemikalien
erhöhen ihre Kapazitäten. Auch bei Farben und Lacken bleiben die
Aussichten positiv. Neue Kunststoffprojekte sind geplant. Bis 2015
müssen 114 Anlagen zur Erdölverarbeitung modernisiert oder erneuert
werden.
Die verarbeitende Industrie Russlands ist 2011 im Vergleich zum
Vorjahr um 6,5% gestiegen, die Produktion der chemischen Industrie um
5,2% und die Produktion von Gummi- und Kunststofferzeugnissen um 13,1%.
Das Wachstum geht zurück auf die starke Nachfrage nach Kunststoffen,
Kautschuk, Lacken und Farben, Kunstfasern und Düngemittel. Die Prognosen
für 2012 sind optimistisch. Die Produktion von Automobilen steigt, die
Bauwirtschaft befindet sich weiter im Aufwind und der Druck der
Regierung zur Produktion hochwertiger Treibstoffe ist anhaltend hoch.
Auch die Ratingagentur Moodys hat die Entwicklung im russischen
Chemiesektor bis mindestens Ende 2012 als "stabil" eingestuft.
Wachstumsimpulse
könnte ein neuer Chemiecluster in der Stadt Dsershinsk im Gebiet
Nischni Nowgorod bringen. Dort sollen in den kommenden zehn Jahren mehr
als 6,6 Mrd. Euro investiert werden, heißt es beim Pressedienst der
Stadtverwaltung. Initiator des Projektes ist das russische
Verteidigungsministerium, aber Unternehmen wie Sibur-Neftechim, das
Sawod imeni "Swerdlowa", Dserschinksoje orgsteklo, Plastik, Aviabor,
Akrilat, Sintes, Korund und Chimsintes sind bereits heute äußerst aktiv
in der Region.
Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland im Jahr 2011 (in 1.000 t; Veränderungsraten in %)
| Erzeugnis | Jahr 2011 | Veränderung 2011/2010 (in %) |
| Schwefelsäure | 10.704 | 3,3 |
| Kalzinierte Soda | 2.822 | 4,6 |
| Natriumhydroxid | 1.047 | -2,5 |
| Synthetisches Ammoniak, wasserfrei | 13.919 | 4,7 |
| Mineraldünger (umgerechnet in 100%-Nährstoffgehalt), davon | 18.791 | 5,1 |
| .Stickstoffdünger | 7.920 | 4,7 |
| .Phosphatdünger | 3.241 | 3,6 |
| .Kalidünger | 7.630 | 6,2 |
| Kunststoffe, davon | 5.396 | 9 |
| .Polystyrol und Styrolcopolymere | 348 | 14,1 |
| .PVC-Harze und Vinylpolymere | 636 | 6,4 |
| .Polyethylen | 1.653 | 8 |
| .Polypropylen | 722 | 12,3 |
| Synthetische Farben und Farblacke | 15,3 | -0,8 |
| Synthetischer Kautschuk | 1.447 | 4,9 |
| Styrol | 486 | 2,6 |
| Benzol | 1.100 | 0,1 |
| Phenol | 251 | 6,1 |
| Ethylen | 2468 | 3,7 |
| Pflanzenschutzmittel | 43.931 | 31,3 |
| Farben und Lacke | 231 | 11,9 |
| Lack- und Farbmaterialien auf Polymerbasis | 831 | 1,9 |
| Synthetische Fasern | 115 | 1,6 |
| Kunstfasern und -garne | 20,4 | 6,9 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Die
Produktion von Düngemitteln ist im Jahr 2011 um 5,1% auf knapp 18,8
Mio. t gestiegen. Es wurden 7,7 Mio. t Stickstoffdüngemittel (+4,7%),
3,2 Mio. t Phosphordünger (+3,6%) und 7,6 Mio. t Kalidünger (+6,2%)
hergestellt. Bei synthetischem Ammoniak lag die Produktionssteigerung
2011 bei 4,7%; insgesamt wurden 13,9 Mio. t hergestellt. Trotz der
positiven Tendenz hat sich die Wachstumsdynamik abgeschwächt: im Jahr
2010 war die Produktion von Düngemitteln noch um 14% gestiegen.
Fosagro,
einer der führenden Hersteller nicht nur Russland- sondern weltweit,
will 2012 400 Mio. US$ investieren, gab das Unternehmen Mitte Februar
2012 bekannt. Damit will der Konzern vor allem die Tiefenverarbeitung
fördern und die Flexibilität der Produktionslinien erhöhen. Die
Kapazitäten bei OAO Ammofos im Gebiet Wologda sollen zwischen 2012 und
2015 für 2,2 Mrd. Rubel (knapp 57,3 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom
15.3.2012: 1 Euro = 38,41 Rubel) um 12.000 t sekundäre Salze erhöht
werden. Ein ähnliches Projekt könnte auch bei der Fosagro-Tochter
Balakowskie mineralnije udobrenija im Gebiet Saratow verwirklicht
werden. Fosagro hat die Produktion von Phosphor-Düngemittel im Jahr 2011
um 6,1% auf 4,1 Mio. t erhöht.
Ähnlich große Pläne hegt auch
Wladislaw Baumgertner, Chef des Chemieriesen Uralkali. Das Unternehmen
hat im Jahr 2011 Konkurrent Silvinit übernommen und will auch in Zukunft
große Brötchen backen: In den kommenden zehn Jahren werde der Konzern
5,8 Mrd. US$ in die eigenen Anlagen stecken und die Produktion auf 19
Mio. t verdoppeln. Uralkali hat 2011 über 10,8 Mio. t
Chlorkali-Erzeugnisse hergestellt - ein Plus von 6,4% gegenüber dem
Gesamtausstoß der Vorgängerorganisationen Silvinit und Uralkali.
Der
Chemiekonzern Akron hat von der russischen Sberbank eine Kreditlinie in
Höhe von 100 Mio. US$ erhalten. Mit diesen Mitteln soll der Einkauf von
ausländischer Ausrüstung ermöglicht werden. Die neue Technik soll beim
Ausbau des Phosphatvorkommens Olenyi Rutschei im Gebiet Murmansk
eingesetzt werden. Außerdem treibt Akron den Abbau von Kalisalzen in der
Region Perm voran. Akron hat die Produktion von Düngemitteln im Jahr
2011 um 4,9% auf 5,8 Mio. t erhöht.
Russlands Chemiegiganten
konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf das größte Flächenland der
Welt. Branchenriese Evrochim wird das Antwerpener Werk der deutschen
Firma BASF mit einer Kapazität von 2,2 Mio. t übernehmen. Mit dieser
Maßnahme will der Chemiegigant 10% des europäischen Marktes für
Stickstoffdünger erobern. Zunächst wurde sogar gemutmaßt, dass die
Russen eine russische BASF-Tochter übernehmen würden, doch das ist jetzt
vom Tisch. Russland ist nicht nur ein wichtiger internationaler Player
in den Bereichen Stickstoff- und Phosphordünger, sondern verfügt auch
über die zweitgrößten Reserven an Kali weltweit - nach Kanada und vor
Belarus, Deutschland und Brasilien. In den russischen Böden liegen 1.800
Mio. t Kali.
In Russland werden jährlich 6 Liter Farben und Lacke
pro Einwohner verkauft. Das schreibt die Wochenzeitung "Ekonomika i
Shisn" unter Berufung auf das Marktforschungsinstitut Research.Techart.
In Westeuropa liege der Pro-Kopf-Konsum bei knapp 20 Liter. Deshalb
rechnen die Marktexperten in den kommenden Jahren mit einem stabilen
Wachstum von 2 bis 3%. Im Jahr 2012 dürften in Russland 1,25 Mio. t
Lacke und Farben verkauft werden und im Jahr 2015 bereits über 1,5 Mio.
t.
Markt für Farben und Lacke in Russland (Prognosen in 1.000 t)
| Jahr | 2012 | 2013 | 2014 | 2015 |
| Marktvolumen | 1.248 | 1.314 | 1.400 | 1.511 |
Quelle: Research.Techart (zitiert in der Wochenzeitung "Ekonomika i Shisn")
Mitte
Oktober 2011 hat das Unternehmen OAO Gasprom neftechim Salawat in
Baschkortostan den Bau eines Akrylsäurewerkes angekündigt. Die Fabrik
soll auf dem Betriebsgelände der Firma Monomer entstehen und im 4.
Quartal 2015 die Produktion aufnehmen. Es entstehen Kapazitäten für
80.000 t rohe Acrylsäure, 80.000 t Butylacrylat sowie 35.000 t
Akrylsäure-Eis. Unterstützt wird Gasprom von den Firmen Mitsubishi
Chemical Corporation und dem japanischen Handelshaus Sojitz Corporation.
In Zukunft sollen aus der Acrylsäure und den Acrylaten Farben sowie
Absorbiermittel hergestellt werden.
Die wichtigsten Akteure am Russischen Farbenmarkt
| Unternehmen | Marktanteil in % |
| OOO Kraski Teks | 21,7 |
| Empils | 16,4 |
| OOO Lakra | 6,9 |
| OAO Russkie Kraski | 6,8 |
| SAO ABS Farben | 5,4 |
| SAO Chimik | 3,2 |
| OAO Pigment | 3,0 |
| OAO Kotowski LKS | 2,6 |
| OOO Meffert prodakschn | 2,4 |
| OOO Uralprom | 2,2 |
| Andere | 29,4 |
Quelle: Research.Techart (zitiert in der Wochenzeitung "Ekonomika i Shisn")
Die
Nachfrage nach Kunststoffen in Russland steigt weiter auf breiter
Basis. Auch die Produktion hat im Jahr 2011 kräftig zugelegt - um 9% auf
5,4 Mio. t. Das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht.
Russlands
größter Chemiekonzern, Sibur, plant in der sibirischen Stadt Tobolsk
ein zweites Werk zur Produktion von Polymeren - das bisher größte Werk
in ganz Russland. Sapsibneftechim soll der Megakomplex heißen. Dort
sollen jährlich 1,5 Mio. t Ethylen und 2 Mio. t Polymere pro Jahr
hergestellt werden können. Das hat Sibur-Chef Dmitri Konow Ende 2011
angekündigt. Die Rohstoffe dafür sollen allesamt aus Westsibirien
kommen. Der Produktionsstart könne frühestens 2017 sein, sagte Konow auf
einer Pressekonferenz in Moskau.
Im Nordural wird schon seit
Jahrzehnten ein ganz neuer Komplex für Polyethylen hoher Dichte gebaut:
das Nowourengoiski Gasochimitscheski Kombinat. Laut den Plänen von
Gasprom, dem Betreiber des riesigen Werkes, sollen spätestens zum Jahr
2015 Anlagen für 400.000 t PE anlaufen. Dadurch könnten zum Jahr 2015
die russlandweiten Kapazitäten auf 1.083 t erweitert werden. Die
Nachfrage nach diesem speziellen Kunststoff dürfte bis dahin von heute
567.000 auf 700.000 t steigen.
Gasprom Neftechim Salawat will
spätestens ab 2015 in der Lage sein, 80.000 t PE niedriger Dichte
zusätzlich zu produzieren. Außerdem will Nischnekamskneftechim
Kapazitäten schaffen für bestimmte Polyethylen-Marken niedriger Dichte,
die zur Produktion von Kunststoffrohren verwendet werden können.
Zwischen
2013 und 2015 wird Russland die Kapazitäten zur Produktion von
Polyethylenterephthalat von derzeit 510.000 t auf über 1 Mio. t pro Jahr
steigern. Das Unternehmen Sibur, Russlands größter Chemiekonzern, will
seine PET-Kapazitäten zum 4. Quartal 2013 um 20.000 t auf 90.000 t
erweitern. Polyef erweitert die Kapazitäten um 80.000 t auf 200.000 t.
Das
größte Projekt entsteht in Kabardino-Balkarien. Zum Jahr 2015 sollen
dort Kapazitäten von 486.000 t PET geschaffen werden. Dieses Projekt des
Unternehmens Etana ist ein Schlüsselelement im Entwicklungsprogramm der
russischen Chemieindustrie. "Deshalb steht fest, dass wir 2015 an den
Start gehen", sagte Generaldirektor Sergei Aschinow, auf der "9.
Internationalen PET-Konferenz" des Chemieberaterunternehmens Creon. Als
Technikpartner sei die Auswahl auf die deutsche Firma Uhde
Inventa-Fischer gefallen, Generalauftragnehmer soll der Bühler-Konzern
werden.
Mit diesem Megaprojekt dürfte Russland auf einen Schlag
Nettoexporteur von Polyethylenterephthalat werden. Im Jahr 2011 hat das
größte Land der Welt seine Ausfuhren bereits verneunfacht. Grund:
Alco-Nafta hat in Kaliningrad eine Anlage für 220.000 PET pro Jahr in
Betrieb genommen. Ein beträchtlicher Teil der dortigen Produktion wird
in den Nachbarstaaten verkauft; langfristig sollen 70% außer Landes
verkauft werden. Auch dieses Werk in Kaliningrad hat Uhde
Inventa-Fischer gebaut.
Der russische Markt für PVC ist
Schätzungen zufolge im Jahr 2011 um 7% gewachsen und dürfte auch künftig
um rund 8% jährlich wachsen. Dem tragen Russlands Chemiekonzerne
Rechnung. Bis 2015 sollen Kapazitäten für 850.000 t suspensives PVC in
Russland entstehen. Die wichtigsten Investoren sind Kaustik, RusVinil,
Sajanskchimplast, Chimprom und Plastkard.
Erwartete Kapazitätserweiterungen für PVC in Russland (in 1.000 t)
| Unternehmen | Kapazitäten 2010 | Geplante Kapazitäten 2015 |
| Kapazitäten insgesamt, davon | 642 | 1.489 |
| Sibur-Neftechim | 42 | 42 |
| Kaustik | 200 | 400 |
| Plastkard | 90 | 120 |
| Sajanskchimplast | 280 | 400 |
| Chimprom | 30 | 197 |
| RusVinil | - | 330 |
Quelle: Creon "9. Internationale PVC-Konferenz in Moskau"
Russland
hat die Produktion von Erdölerzeugnissen im Jahr 2011 um 3,3%
gesteigert. Verarbeitet wurden 258 Mio. t Rohöl. Damit stieg der Anteil
des in Russland weiterverarbeiteten Erdöls von 49,4% im Jahr 2010 auf
50,6% im Jahr 2011. Dagegen sank die Verarbeitungstiefe laut dem
russischen Statistikdienst leicht von 71,1% auf 70,8%. Am dynamischsten
steigerten OAO Gasprom neft (+5,5%) und das Chabarowski NPS (+13,5%) die
Verarbeitung von Erdöl.
Russlands wichtigste Erdölverarbeiter im Jahr 2011
| Unternehmen | Erdölverarbeitung (Mio. t) |
| OAO NK Rosneft | 51,1 |
| OAO NK Lukoil | 45,3 |
| OAO Gasprom Neft | 30,7 |
Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation
Russland
zieht endlich bei den Abgasnormen die Daumenschrauben an. Der Absatz
von Benzin und Diesel des Euro-Standards 2 ist noch bis zum 31.12.2012
erlaubt, von Euro-3-Standard bis 31.12.2014 und von Euro-4-Standard bis
Ende 2015. Zu diesem Jahr will Russlands größter privater Erdölkonzern,
Lukoil, alle Raffinerien auf die Euro-5-Norm umstellen, die Produktion
von schwerem Heizöl (Masut) beenden und die Verarbeitungstiefe auf 98
bis 99% erhöhen. Bis zum Jahr 2021 will Lukoil 24 Mrd. US$ in die
Erdölverarbeitung investieren.
Insgesamt müssen bis 2015
russlandweit 114 Anlagen zur Erdölverarbeitung modernisiert oder neu
gebaut werden. Allerdings hat das Energieministerium Mitte Februar 2012
in einem Brief an die Regierung Risiken bei der fristgerechten
Fertigstellung der Bau- beziehungsweise Modernisierungsarbeiten von 48
Anlagen eingeräumt. Allerdings handelt es sich dabei auch um solche, die
bis für den Zeitraum 2015 bis 2020 angesetzt waren. Verzögerungen bei
der Modernisierung der Erdölchemie in Russland sind nichts Neues. Die
Einführung der verschärften Abgasnormen wurde schon dreimal verschoben.
Zum einen liegt das an den Erdölkonzernen, zum anderen aber auch am
Fuhrpark. Jedes zweite Auto in Russland wird mit Euro-2-Benzin betankt.
Erdölverarbeitung in Russland (in Mio. t, Veränderungsraten in %)
| Erdölprodukt | Jahr 2011 | Veränderung 2011/2010 |
| Primärverarbeitung von Erdöl | 258,0 | 3,3 |
| Benzin | 36,8 | 2,0 |
| Dieselkraftstoff | 70,2 | 0,3 |
| Masut (schweres Heizöl) | 72,9 | 4,6 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland