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Dienstag, 4. Juni 2013

Wirtschaftsentwicklung im Fernen Osten Russlands stockt

Staat konzentriert sich auf die Finanzierung von 20 Projekten / Infrastruktur, Bergbau und Energiewirtschaft im Fokus
Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Russlands Ferner Osten und die Baikalregion bleiben vorerst Zukunftsmärkte. Trotz des Reichtums an Rohstoffen und Energieträgern tasten sich private Unternehmen nur langsam in diese Gebiete vor. Es fehlt an der notwendigen Infrastruktur. Der Staat und die Gebietsverwaltungen wären aber völlig überfordert, sollten sie den Ausbau der Infrastruktur allein finanzieren müssen. Derzeit werden die Projektlisten gekürzt sowie institutionelle und legislative Anpassungen durchgeführt.

Der russische Staat wird im Fernen Osten und in der Baikalregion aus einer großen Zahl notwendiger Wirtschaftsvorhaben 20 auswählen und nur noch diese als prioritär einstufen und bezuschussen, so der Beschluss. Derzeit befinden sich die Projekte zur Evaluierung bei der Entwicklungs- und Außenhandelsbank VTB (http://www.vtb.ru). Die thematischen Schwerpunkte liegen auf Infrastruktur, Bergbau und Energiewirtschaft.

In die engere Auswahl ist zum Beispiel der Süden Jakutiens gekommen. Dort soll die Kapazität der Eisenbahnverbindung zur Erzaufbereitungsanlage Taeschny erhöht werden. Dadurch könnte die Anlage den Ausstoß auf 7 Mio. jato Eisenerz herauffahren. An die Kohlegrube Ingalinsk soll eine 7,5 km lange Stromtrasse heran geführt werden. Die dadurch möglich werdende Steigerung der Kohleförderung würde die fallende Rentabilität in der Kohlegrube Nerjungri kompensieren.

In der Baikalregion wird der Bau einer Starkstromleitung von Nischneangarsk nach Chaba geprüft. Entlang der Trasse wäre der ökonomische Effekt besonders hoch, könnten doch Projekte zur Förderung von Kohle, Kupfer, Eisenerz, Titan und Vanadium angestoßen werden. Eine zweite Starkstromleitung ist aus dem Gebiet Irkutsk über Burjatien in Richtung Baikalregion geplant. Das im Gebiet Irkutsk befindliche Wärmekraftwerk Lensk würde im Ergebnis besser ausgelastet.

Im Jüdischen Autonomen Bezirk soll der Bau einer Eisenbahnbrücke mit einer Länge von 2,2 km über den Amur nach China kofinanziert werden. Zu dem Projekt gehört die Modernisierung der an die Brücke heranführenden Eisenbahnstrecke Birobidschan-Nischneleninskoje. Nach der ersten Ausbaustufe soll der Warenaustausch über die Brücke 12 Mio. jato und nach der zweiten 20 Mio. jato betragen. Auf der chinesischen Seite laufen - dem Vernehmen nach - die Arbeiten auf vollen Touren.

Ein weiteres Projekt soll den Ausbau regionaler Flugverbindungen fördern. Wegen der langen Distanzen und der schwierigen klimatischen Bedingungen ist das Flugzeug oder der Hubschrauber oft das einzige Fortbewegungsmittel zwischen bestimmten Ortschaften. Daher sollen die Flugrouten erweitert werden. Die Fluggesellschaft "Jakutija" erhält eigens eine Finanzierung für den Erwerb zusätzlicher Flugzeuge, darunter des Sukhoi Superjet 100.
Das Anschieben neuer Projekte und das Einbringen frischer Ideen ist bitter notwendig geworden, nachdem die wirtschaftliche Entwicklung des Fernen Ostens nach Abschluss des APEC-Gipfels in Wladiwostok vom September 2012 ins Stocken geraten war. Die Zentralregierung hat seither kein Großvorhaben mehr finanziert.

Um die Infrastruktur im Fernen Osten auszubessern und auszubauen, reichen die ohnehin schon defizitären Haushalte in den betroffenen Regionen nicht aus. Inzwischen sprudeln aber auch in Moskau die Steuerquellen nicht mehr wie gewohnt; längst nicht alle Finanzierungswünsche aus den Regionen können berücksichtigt werden.
Vorerst sollen institutionelle Reformen für neue Konzepte, für eine Bündelung der bestehenden Finanzmittel auf prioritäre Vorhaben und für eine bessere Kontrolle über die sachgerechte Nutzung der Finanzen sorgen. Bereits 2011 wurde eine Tochtergesellschaft der Entwicklungs- und Außenhandelsbank VTB, der Fonds zur Entwicklung des Fernen Ostens und der Baikalregion (http://fondvostok.ru), in der Rechtsform einer offenen Aktiengesellschaft gegründet und mit einem Stammkapital von 500 Mio. Rubel ausgestattet.
Doch ist es dem Fonds weder gelungen, grundlegende Vorhaben zu schultern, noch das dazu notwendige private Beteiligungskapital anzulocken. Die ursprüngliche Idee lautete, Investoren aus Japan, Korea (Rep.) und der VR China für Projekte im Fernen Osten Russlands zu interessieren und für eine Kofinanzierung, zusammen mit dem Fonds, zu gewinnen.

Diese Idee ist nicht aufgegangen. Nun denkt Regierungschef Medwedew offen darüber nach, die Rechtsform des Fonds zu ändern und über die VTB eine Kapitalanhebung durchführen zu lassen. Am Ende könnte der Fonds privaten Investoren mehr Garantien bieten, da er nicht mehr auf Gewinne, sondern auf die Erfüllung eines konkreten Entwicklungsauftrags ausgerichtet wäre. Die von der VTB aktuell zur Evaluierung anstehenden 20 Projekte soll der Fonds in einem ersten Schritt betreuen.

Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme werfen im Fernen Osten ein weiteres Problem auf: den Wegzug der Bevölkerung in den europäischen Landesteil. Um diese Migrationsbewegung abzumildern oder gar zu stoppen, unterzeichnete Premier Medwedew am 2.4.2013 ein Regierungsprogramm zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Region bis 2025. Ziel soll die Anhebung der Lebensqualität vor Ort sein. Dazu gehören der Wohnungsbau und die Errichtung von Gesundheits-, Sport- und Bildungseinrichtungen.

Unklar bleibt, wie hoch die Beteiligung der Zentralregierung an diesem Programm ausfallen wird oder ob die Regionen bei der Finanzierung erneut allein gelassen werden. Die defizitären Regionalhaushalte hatten schon einmal die volle Last der von Präsident Putin angeordneten Gehaltsanhebungen im öffentlichen Dienst zu tragen - der Fehlbetrag in den Budgets hat sich dadurch nur noch erhöht.
Sollte auch das neue Regierungsprogramm zur sozialen Entwicklung keine Früchte tragen und die Abwanderung anhalten, kündigte Medwedew an, dass er spätestens dann ein Gesetz zur Förderung des Fernen Ostens in die Duma einbringen wird. Für die betroffenen Regionen würde das mehr Rechtssicherheit bedeuten, könnten sie doch auf die Einhaltung des Gesetzes, sprich auf der Beteiligung der Zentralregierung an der Projektfinanzierung, bestehen.

Wenig Wirkung hat das bei der Konstituierung der aktuellen Regierung 2012 eingerichtete Ministerium zur Entwicklung des Fernen Ostens entfaltet. Dafür, dass die Beamten des Hauses lediglich alle in der Region anstehenden Projekte zusammengetragen und anschließend die komplette Liste zur Finanzierung im Kabinett eingebracht haben, musste sich Minister Ischajew bereits im Herbst 2012 eine Rüge von Präsident Putin anhören. Ein rein formales Vorgehen war nämlich gerade nicht erwünscht. Zumal die Projektliste die finanziellen Möglichkeiten des Staates bei Weitem übersteigt.

Seither bemüht sich das Ministerium, konzeptioneller zu arbeiten. Im Mai 2013 trat zum Beispiel Minister Viktor Ischajew vor die Öffentlichkeit. Bei seinem Auftritt rechnete er vor, dass der Bau einer Eisenbahnbrücke vom Festland auf die Insel Sachalin an der schmalsten Stelle (Tatarensund) einen wirtschaftlichen Effekt von 15 Mrd. bis 20 Mrd. US$ pro Jahr bringen würde.

Dieser träte aber nur ein, wenn auch die Durchlassfähigkeit der Zubringer, sprich der beiden Eisenbahnstrecken Transsib und BAM erhöht würde. Im Ergebnis könnten die Züge bis zu den eisfreien Häfen auf Sachalin durchfahren. Zum einen würde die neue Strecke das Transitgeschäft zwischen Asien und Europa beleben und zum anderen der russischen Wirtschaft helfen, sich besser in den asiatischen Wirtschaftsraum zu integrieren. Bislang müssen die Handelsgüter per Fähre - in Abhängigkeit von den Witterungsbedingungen - zwischen Wanino auf dem Festland und Cholmsk auf der Insel Sachalin transportiert und anschließend noch einmal umgeladen werden.
(U.U.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland