Regierung setzt auf Technologietransfer / Protektionismus nimmt zu
Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Der deutsche Branchenverband VDW prognostiziert für 2013 einen
Absatzanstieg bei Werkzeugmaschinen von 7,3% auf dem russischen Markt.
Russland ist hochgradig von der Einfuhr moderner Maschinen und Anlagen
abhängig. Deutschen Maschinen- und Anlagenherstellern bieten sich gute
Lieferchancen. Allerdings müssen sie mit zunehmendem Protektionismus bei
der Einfuhr fertiger Erzeugnisse rechnen. Das gilt vor allem für
Werkzeug- und Landmaschinen.
Die wachsende Nachfrage in Russland wird zurzeit vorrangig über
Importe befriedigt. Internationale Anbieter punkten nicht nur mit
Spitzentechnik. Günstige Finanzierungen, Ausbildung des
Bedienungspersonals und ein erstklassiger After-Sales-Service sind
Bestandteile einer erfolgreichen Paketlösung. Russische Maschinenbauer
können den weltweiten Branchenführern weder technologisch noch
stückzahlenmäßig das Wasser reichen. Wie der Präsident des russischen
Werkzeugmaschinenverbands Stankoinstrument, Georgi Samodurow, am Rande
der Leitmesse für Metallverarbeitung "Metalloobrabotka 2013" (27. bis
31.5.2013) in Moskau hervorhob, hat sich seine Branche nach der
Finanzmarktkrise 2009 noch nicht wieder erholt. Erst für 2013/2014
erwartet Herr Samodurow, dass Russlands Maschinenbauer den
Vorkrisenstand erreichen.
Zu den wichtigsten Lieferländern von
Maschinen gehören Deutschland, Japan, Italien, die VR China, die Schweiz
und Taiwan. Auf der "Metalloobrabotka" nahmen mehr als 1.200 Aussteller
aus 27 Ländern teil, darunter 700 russische. Ein Gemeinschaftsstand aus
dem Freistaat Sachsen präsentierte sich unter dem Motto "Sachsen-Live".
Die sächsischen Maschinenbauer Metrom Mechatronische Maschinen GmbH und
WEMA Glauchau GmbH konnten während der Messe Verträge abschließen. Die
Gildemeister AG zog zusammen mit ihrem japanischen Partner Mori Seiki
einen Auftrag im Wert von 36,7 Mio. Euro an Land.
Einfuhr ausgewählter Maschinen nach Russland (in Mio. US$)
| HS-Code | Warenbezeichnung | 2011 | 2012 | davon aus Deutschland (2012) |
| 8429-30, 8479.10, 8474 | Bau- und Baustoffmaschinen, Bergbaumaschinen | 5.492 | 7.554 | 1.158 |
| 8444-49, 8451-53 | Textil- und Ledermaschinen | 412 | 366 | 65 |
| 8439-42, 8443.11-.19 | Druck- und Papiermaschinen | 698 | 622 | 168 |
| 8422.30, 8422.40, 8437, 8438, 8479.20 | Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen | 1.559 | 1.882 | 562 |
| 8465, 8479.30 | Holzbearbeitungsmaschinen | 713 | 898 | 337 |
| 8477 | Kunststoff- und Gummimaschinen | 811 | 831 | 230 |
| 8413, 8414 | Pumpen, Kompressoren | 3.757 | 4.150 | 734 |
| 8425-28 | Fördertechnik | 2.923 | 3.332 | 774 |
| 8456-63 | Werkzeugmaschinen zur Metallbearbeitung | 1.540 | 1.892 | 399 |
Quelle: UN Comtrade
Deutsche
Maschinen- und Anlagenhersteller müssen allerdings mit zunehmendem
Protektionismus der russischen Behörden bei der Einfuhr fertiger
Erzeugnisse rechnen. Das gilt vor allem für Werkzeugmaschinen und
Landmaschinen, wie Ullrich Ackermann, Leiter der
Außenwirtschaftsabteilung des VDMA, Anfang Juni 2013 in Moskau
unterstrich. Zwar geschieht das seit dem WTO-Beitritt Russlands nicht
mehr über das Hochsetzen von Importzöllen. Dafür werden nichttarifäre
Handelsbarrieren aufgetürmt. So wird die Teilnahme an öffentlichen
Ausschreibungen an die Erfüllung von "local content"-Bestimmungen
geknüpft oder es werden Maschinen russischer Hersteller bevorzugt.
Für
eine Reihe von Importprodukten, darunter für Werkzeugmaschinen, wird
für die Zulassung zu öffentlichen Ausschreibungen mit Prüfanträgen
gearbeitet. Dabei wird untersucht, ob analoge Technik nicht auch in
Russland hergestellt wird. Sollte das der Fall sein, ist der
ausländische Hersteller von öffentlich finanzierten oder bezuschussten
Projekten ausgeschlossen.
Die Anträge müssen vor der Wareneinfuhr
gemäß Regierungsverordnung Nr. 56 vom 7.2.2011 im Ministerium für
Industrie und Handel eingereicht werden (Dokument: http://www.pro-goszakaz.ru/regulations/36093/).
Innerhalb von zwei Jahren sind 2.455 Prüfanträge eingegangen. Im
Ergebnis wurden 1.554 Importgenehmigungen und 707 Ablehnungen erteilt.
Verlief der Antragseingang in der Anfangsphase eher zähflüssig,
bearbeitet die zuständige Arbeitseinheit im Ministerium inzwischen jeden
Monat bis zu 400 Neuanträge.
Der Druck auf ausländische
Maschinenhersteller wird in dem Maße steigen, wie die aktuelle Politik
der Importsubstitution und Modernisierung eigener Erzeugerkapazitäten
greift. Den Fortbestand dieser seit 2011 verfolgten und vorerst bis 2016
ausgelegten Strategie hat der Vizeminister für Industrie und Handel,
Gleb Nikulin, auf der "Metalloobrabotka 2013" noch einmal ausdrücklich
betont.
Nach seinen Worten stellt sein Ministerium bis 2016
insgesamt 26 Mrd. Rubel (rund 650 Mio. Euro) an Staatshilfen bereit. Mit
dem Geld werden in russischen Firmen und FuE-Zentren
Bearbeitungstechnologien für Metalle, Kunststoffe und völlig neuartige
Materialien entwickelt. Auf Basis der Forschungsergebnisse sollen
eigenentwickelte Werkzeugmaschinen in die Serienfertigung gelangen.
Ein Großteil der Maschinenbaubetriebe wird zudem unter dem Dach der Staatsholding Rostec (Rostechnologii, http://www.rostec.ru)
zusammengefasst. Die Holding schafft unter den Herstellern Synergien,
koordiniert Forschung und Entwicklung, und gewährt technische,
personelle und finanzielle Hilfe. Nicht zuletzt soll die Holding auch
das Interesse der russischen Bankenwirtschaft für Finanzierungen
anheben.
Gerade die eigenen Banken halten sich bislang mit
günstigen Krediten für Geschäfte des russischen Maschinenbaus auffällig
zurück. Das liegt unter anderem daran, dass die kleinen und mittelgroßen
Maschinenbaubetriebe in Russland keine ausreichenden Sicherheiten
beibringen können. Gleiches gilt bis zu einem bestimmten Grad auch für
potenzielle Maschinenabnehmer vor Ort.
Rund 48% der russischen
Maschinenbauerzeugnisse gehen in den Export. Das mutet auf den ersten
Blick kurios an. Doch gerade in Transformations- und Entwicklungsländern
ist die als robust und preisgünstig geltende Technik aus Russlands
Fabriken gefragt. Wichtigstes Abnehmerland ist die VR China. Den etwa
100 russischen kleinen und mittleren Werkzeugmaschinenbauern kommt
insbesondere gelegen, dass sie im Ausland sofort Geld für ihre Ware
sehen. Abnehmer auf dem russischen Markt sind dagegen Finanzierungen mit
mehrjährigen Laufzeiten gewöhnt. Die Zinsen orientieren sich dabei am
europäischen und nicht am russischen Durchschnittsniveau. Insbesondere
dadurch haben russische Maschinenbauer gegenüber der westlichen
Konkurrenz schlechte Karten. Deshalb will das Ministerium für Industrie
und Handel in Moskau der heimischen Branche durch Zuschüsse und
zinsverbilligte Finanzhilfen unter die Arme greifen.
Erklärtes
industriepolitisches Ziel der Regierung ist es, neben der Modernisierung
der russischen Maschinenbaubranche, international renommierte
Branchengrößen zur Einrichtung von Produktionsniederlassungen vor Ort zu
bewegen. Damit würde der Technologietransfer beschleunigt und ein
möglichst hoher Grad an Wertschöpfung in Russland erreicht. Dass ein
solcher Prozess nur schrittweise und über einen längeren Zeitraum
vollzogen werden kann, ist den Verantwortlichen klar. Dies wird offen
eingeräumt.
Ausländische Maschinenbauer sollen neben der
Einführung neuester Technologien helfen, die derzeit nur bruchstückhaft
existierende Zulieferindustrie zu entwickeln und Fachkräfte auszubilden.
Das braucht Zeit sowie die Unterstützung der Städte und Gemeinden vor
Ort. Praktisch wird der in der Fahrzeugindustrie gelungene Versuch,
ausländische Marktführer zur Errichtung von Montagekapazitäten im Land
zu bewegen, im Maschinenbau wiederholt. Unter dem Strich zusammengefasst
lautet das Angebot: ein erleichterter Marktzutritt im Tausch gegen
Technologietransfer.
Produktion ausgewählter Maschinenbauerzeugnisse in Russland
| Produktion von Maschinenbauerzeugnisse | 2011 | 2012 | Veränderung (in %) |
| Spanabhebende Werkzeugmaschinen (in Stück) | 2.479 | 3.321 | 4,4 |
| Holzbearbeitungsmaschinen (in Stück) | 3.514 | 4.270 | 21,5 |
| Umformmaschinen (in Stück) | 2.241 | 1.951 | -21,4 |
| Gießereiausrüstung (in 1.000 t) | 27 | 23,9 | -12,2 |
| Gasturbinen (in 1.000 kW) | 2.491 | 1.687 | -25,4 |
| Dampfturbinen (in 1.000 kW) | 4.274 | 2.445 | -41,5 |
| Bohranlagen (in Stück) | 2.816 | 2.208 | -21,6 |
| Brückenkräne (in Stück) | 2.913 | 2.925 | 0,4 |
| Mähdrescher (in Stück) | 6.203 | 5.812 | -8,2 |
| Bagger (in Stück) | 1.983 | 1.933 | -6,8 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst (Rosstat), Moskau
Kontaktanschriften:
Messe "Metalloobrabotka 2014"
Termin: 16. bis 20.6.2014, Austragungsort: Expocenter
Krasnopresnenskaja nabereshnja 14, 123100 Moskau, Russische Föderation
Tel.: 007/499/795 37 99
E-Mail: centrexpocentr.ru, Internet: http://www.metobr-expo.ru
Ministerium für Industrie und Handel
Kitaigorodski proezd 7, 109074 Moskau, Russische Föderation
Tel.: 007/495/539 21 87
Internet: http://www.minpromtorg.gov.ru
Stankoinstrument
(Verband der Werkzeugmaschinenindustrie)
Twerskaja ulitza 22A, strojenie 2, a/ja 3, 125009 Moskau, Russische Föderation
Tel.: 007/495/650 38 11
E-Mail: mail@stankoinstrument.ru, Internet: http://www.stankoinstrument.ru
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland