Mangel an Zement lässt Preise steigen / Deutsche Großunternehmen investieren weiter
Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Trotz der insgesamt eher eingetrübten Konjunkturlage schauen
die Zementwerke in Russland optimistisch in die Zukunft. Im Jahr 2013
wollen sie den gesamten Inlandsbedarf an Zement bedienen. Die Nachfrage
schätzt der Branchenverband Sojuzzement auf 70 Mio. t. Mehrere
Unternehmen errichten zurzeit Werke für Bau- und Ziegelsteine. Bewegung
gibt es auch bei den Produzenten von Bauchemie: Der Bedarf soll in
Zukunft steigen, so dass zahlreiche Hersteller investieren.
Das Produktionsergebnis von 63,8 Mio. t Zement im Jahr 2012 war
beachtlich. Noch nie haben die Unternehmen in der Russischen Föderation
in den vergangenen 20 Jahren so viel produziert wie in diesem Jahr. Die
Produktionskapazitäten der Industrie liegen dagegen bei 103 Mio. t.
Der Zementimport, wie zum Beispiel auf den Olympiabaustellen in
Sotschi, dürfte nach Ansichten des Verbandes zurückgehen. Im Jahr 2012
wurden 5 Mio. t Zement eingeführt. Die Lieferungen stammten aus der
Türkei, Belarus und dem Baltikum. Die Ausfuhren erreichten eine
Gesamtmenge von 1,3 Mio. t und gingen vorrangig nach Kasachstan,
Aserbaidschan und Belarus.
Der Zementverband bemängelt aber die
fehlende Pflicht zur Qualitätszertifizierung in Russland. Daher kommt es
je nach Region zu falschen Etikettierungen des Baustoffes. Auf ihnen
werden Qualitätsmerkmale ausgewiesen, die der Zement nicht hat.
Schwarze
Schafe in der Branche nutzen diese Lücke, um minderwertige Ware teuer
zu verkaufen. Nicht zuletzt profitieren sie vom regionalen Mangel an
Zement. Im Jahr 2012 stiegen die Zementpreise um 12,9% auf 4.041 Rubel
pro t (ca. 100 Euro).
Energieeffizienz wird auch in der russischen
Zementindustrie immer stärker ein Thema. Grund dafür sind anziehende
Energiepreise und die langfristig vorhersehbare Stromknappheit in
einigen Regionen. Zurzeit wird im Land zu 70% das Nass- und
Halbnassverfahren anwendet. Würde das moderne Trockenverfahren
eingesetzt, bestünde nach Anschauungen der internationalen
Energieagentur in Russland ein hohes Potenzial für CO2-Einsparungen.
Dies kann sich als eine Triebfeder für Anlagenkäufe in der
Zementindustrie erweisen. Das Unternehmen Wolgazement eröffnet
beispielsweise im 3. Quartal 2013 eine neue Produktionslinie in der
Stadt Wolsk. Der Investitionswert wird mit 5 Mrd. Rubel (125 Mio. Euro)
angegeben.
Ein Werk für Porenbetonsteine hat im 4. Quartal 2012 in
Nowosibirsk seine Pforten geöffnet. Der Investor, das Unternehmen
Sibirskij Stroitel, hat für den Bau 3 Mrd. Rubel (75 Mio. Euro)
aufgebracht. Die Staatsbank VTB war unter Nutzung staatlicher
Bürgschaften maßgeblich an der Finanzierung beteiligt. Ohne öffentliche
Hilfe dürfte das Projekt nicht zu stemmen gewesen sein. Darauf lässt die
Beteiligung des Gouverneurs Wassili Jurtschenko bei den Feierlichkeiten
zur Betriebseröffnung schließen. In seiner Rede wies er darauf hin,
dass die Region an einer Intensivierung der Bautätigkeit und an einer
Senkung der Baukosten im Wohnungsbau interessiert sei. Dazu würde das
neue Werk beitragen.
Als nächstes Projekt nimmt Sibirskij Stroitel
den Bau einer Produktionslinie für Kalk in Angriff. In der Region soll
ein komplettes Cluster für Baustoffe und Baumaterialien aus dem Boden
gestampft werden.
Das deutsche Unternehmen Knauf USG plant im
Gebiet Tula ein Werk für Zementplatten zu errichten, berichtete die
Nachrichtenagentur Prime. Die Firma hat mit der Gebietsverwaltung eine
Vereinbarung geschlossen, wonach die örtlichen Autoritäten den
Projektfortschritt aktiv unterstützen werden. Das Investitionsvolumen
wird mit 1 Mrd. Rubel (25 Mio. Euro) angegeben. Darüber hinaus eröffnet
Knauf im Sommer 2013 ein Werk für Baugips in Nowomoskowsk. Die Baukosten
liegen auch hier bei 1 Mrd. Rubel.
Im Großraum Nischni Nowgorod
entstehen zwei Betriebe für Bau- und Ziegelsteine. Das Unternehmen
Ufimskaja Stroitelnaja Kompania eröffnet im Sommer 2013 ein Werk.
Projektwert: 1,3 Mrd. Rubel (32,5 Mio. Euro). Die Baufirma TUS nimmt im
Herbst 2013 eine Anlage für 1,03 Mrd. Rubel (25,7 Mio. Euro) in Betrieb.
Ausgangspunkt für beide Projekte war die nur schwer zu deckende
Nachfrage in der Region. Die Preise für Bau- und Ziegelsteine zählen
deshalb zu den höchsten in ganz Russland.
Der russische Baukonzern
LRS will ebenfalls ein Werk für Bau- und Ziegelsteine eröffnen. Dafür
fallen Kosten in Höhe von 10 Mrd. Rubel (250 Mio. Euro) an. Hier sollen
Erzeugnisse in einer größeren Vielfalt auf vollautomatischen Linien
hergestellt werden. Gemessen an der Kapazität dürfte das geplante Werk
zu den größten in Europa gehören.
Das französische Unternehmen
Saint-Gobain wird 2013 in seinem Werk für Baugips im Ural
voraussichtlich die volle Auslastung erreichen. Diese liegt bei 130.000 t
pro Jahr. In unmittelbarer Nähe betreibt die Schweizer Omya ein Werk
zum Zermahlen von Marmor, das an Saint-Gobain liefert. Das gemeinsame
Endprodukt wird unter dem Markennamen Weber Vetonit vertrieben. Damit
können Importe aus dem Saint-Gobain Werk in Finnland reduziert werden,
was sich in 20% höheren Margen niederschlägt.
Zu den weiteren
Projekten von Saint-Gobain zählt die Erschließung einer Gipslagerstelle
in Baschkirien, die 2014 abgeschlossen werden soll. Im Jahr 2015 wird
ein Werk für Gipskarton in unmittelbarer Nähe die Produktion aufnehmen.
Die Gesamtinvestitionen betragen 80 Mio. Euro. Davon entfallen 65 Mio.
Euro auf den Werksbau. Die Kapazitäten sollen 40 Mio. qm Gipskarton
betragen. Bislang verfügt das Unternehmen über Produktionsstätten in
Jegorewsk und Tscheljabinsk (Isoliermaterialien), in Arzamas und
Polewskoj (Baugipse), in Kamyschin und Mineralnye Wody
(Glasverpackungen).
Die Europäische Bank für Rekonstruktion und
Entwicklung (EBRE) prüft, ihre Anteile an der russischen Niederlassung
von Saint-Gobain um 976 Mio. Rubel auf 33% aufzustocken. Zum derzeitigen
Zeitpunkt hält die EBRE Anteile in Höhe von 11,19% an Saint-Gobain
Russia.
Das russische Unternehmen Unis baut im Gebiet Sengiley
eine Produktionsstätte für Gipswerkstoffe und bringt dafür 800 Mio.
Rubel (20 Mio. Euro) auf. Dort soll ein Zentrum der Baustoffindustrie
entstehen, wie die Regionalverwaltung in Uljanowsk mitteilte. Die
Werkseröffnung ist für Oktober 2013 geplant. Knauf, Saint-Gobain und
Unis belegen die drei führenden Plätze auf dem Markt für Baugipse.
Der
deutsche Chemieriese BASF baut zurzeit ein Werk für Betonzusatzstoffe
im Gewerbepark Chimgrad in Kazan. Darüber hinaus hat BASF Interesse an
der Zusammenarbeit mit Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen in Kazan
zur Entwicklung neuer Produkte der Bauchemie verkündet. Ein erstes Werk
für Betonzusatzstoffe hatte BASF 2012 in Podolsk im Moskauer Gebiet
eröffnet. Das Unternehmen schloss nicht aus, dass es seine Investitionen
in die russische Bauchemie ausweiten wird.
Polyplast, ein
russischer Hersteller von Bauchemie, will bis 2016 seine Produktion auf
162,4 Mio. t verdreifachen. Damit will das Unternehmen 56% des für 2016
prognostizierten Marktvolumens für Bauchemie in Höhe von 290 Mio. t
abdecken. Der Prognose von Polyplast zufolge wird allein der Absatz von
Betonzusatzstoffen von 75.000 t im Jahr 2012 auf 130.000 t im Jahr 2016
ansteigen. Andere Erzeugnisse der Bauchemie werden im gleichen Zeitraum
von 28.200 auf 90.000 Jahrestonnen (jato) zulegen.
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland