Stromversorgung wird dezentralisiert / Nutzung alternativer Energien
/ Industrie plant 25W-Blöcke für Eigenbedarf
Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Russlands Bedarf an Kraftwerken verschiedener Größe und
Technologie ist hoch. Energieminister Aleksander Nowak beziffert den
kurzfristigen Bedarf an staatlichen Zuschüssen zum Bau von Gas- und
Wasserkraftwerken im Fernen Osten mit 100 Mrd. Rubel (rund 2,3 Mrd.
Euro). Ob es dabei um die Enklave Kaliningrad geht oder um die schier
endlosen Weiten Sibiriens und des Fernen Ostens, überall müssen
angepasste Lösungen her.
Im Kaliningrader Gebiet wird ein Kohlekraftwerk geplant.
Russlands Regierung hatte schon vor zwei Jahren eine verstärkte
Verstromung dieses Energieträgers beschlossen, ohne seither nennenswerte
Fortschritte erzielt zu haben. Das Energieministerium (http://minenergo.gov.ru)
wollte mit dem Beschluss die russische Kohleindustrie stabilisieren und
sie unabhängiger von Schwankungen auf dem Weltmarkt machen. Im Jahr
2012 ging der Kohleverbrauch im Inland um 7% zurück; im 1. Halbjahr 2013
stagnierte der Absatz.
Beim Kraftwerksprojekt im Kaliningrader
Gebiet sollen mehrere Erzeugerblöcke mit einer Gesamtleistung von 800 MW
entstehen. Die Kosten schätzt die planende Strom-Holding OAO Inter RAO
EES (http://www.interrao.ru)
auf 1,5 Mrd. bis 2 Mrd. US$, je nach Konfiguration des Kraftwerks. Im
Rahmen der Beschaffung von Dampfturbinen und Generatoren sollen dem
Vernehmen nach russische Produkte möglichst bevorzugt werden, darunter
des Herstellers Silowye Maschiny aus Sankt-Petersburg (http://www.power-m.ru).
Die
neuen Kapazitäten im Kaliningrader Gebiet sind laut Nachrichtenagentur
Ria Novosti notwendig, weil die baltischen Staaten an einer
Modifizierung ihrer Energiepolitik arbeiten und in absehbarer Zeit aus
dem Versorgungsverbund mit Russland ausscheren könnten. Präsident Putin
unterstrich am 26.8.2013 in Kemerowo, wo eine hochrangige
Expertenkommission für Energie und Energieträger tagte, ausdrücklich die
zeitliche Dringlichkeit des Bauvorhabens in Kaliningrad. Allein schon
deshalb dürften eine rasche Bereitstellung von Finanzmitteln und eine
zügige Ausschreibung zu erwarten sein.
Für die Entwicklung der
Stromerzeugung im Fernen Osten hat das Energieministerium schon 2011
einen Strategieplan für die Zeit bis 2025 entwickelt. Demnach stellt das
Ressort im gesamten Zeitraum 588 Mrd. Rubel (rund 13,7 Mrd. Euro) an
Zuschüssen bereit. Davon fließen 400 Mrd. Rubel in den Kraftwerks- und
Stromnetzausbau. Dadurch sollen Kapazitäten von 3,6 GW entstehen.
Gleichzeitig könnten physisch verschlissene Erzeugereinheiten im Umfang
von über 3 GW vom Netz genommen werden.
Zu den Neuvorhaben gehört
das bereits im Bau befindliche Gaskraftwerk Wostotschnaja (139,5 MW).
Dabei handelt es sich um eine Umrüstung des gleichnamigen
Kohlekraftwerks in Wladiwostok. Möglich wurde diese Umrüstung durch die
verbesserte Erdgasversorgung in der Region im Vorfeld zum APEC-Gipfel
2012.
Weitere zehn Kraftwerksprojekte sollen nach Angaben von
Energieminister Nowak in der Region folgen, darunter sechs
Wasserkraftwerke in und um das Amur-Becken herum. Dabei handelt es sich
um die Projekte Schilinsk mit 730 MW (Fluss Schilka), Selemdschinsk und
Rusinowsk mit zusammen 770 MW (Selemdsch als Nebenfluss der Zeja),
Nischnemansk mit 600 MW (Fluss Niman), Dalneretschensk mit 400 MW (Fluss
Bolschaja Ussurka) und Nischnezejsk mit 400 MW (Fluss Zeja).
Zu
den dezentralen Lösungen gehören im Fernen Osten auch Windparks und
Photovoltaikanlagen. Laut Energieministerium sind Windkraftanlagen mit
einer installierten Gesamtleistung von 16 MW geplant, die am Ufer des
Stillen Ozeans und des Ochotskischen Meeres entstehen sollen.
Solaranlagen werden Prognosen zufolge einmal eine Leistung von 46 MW
erbringen. Als Standorte dafür kommen Jakutien und Kamschatka in
Betracht.
Fest steht, Gigantomanie wie zu Zeiten der zentralen
Planwirtschaft wird es nicht mehr geben. Der Trend geht in Richtung
kleiner bis mittlerer Erzeugereinheiten. Das Konzept heißt autonome
Stromversorgung, möglichst nah an den Verbraucher heran. Insbesondere an
den Ausgaben für die Übertragungsnetze, die im größten Flächenstaat der
Welt bei zentralen Lösungen gleich über hunderte bis tausende Kilometer
gezogen werden müssten, soll gespart werden. Zugleich sollen
Übertragungsverluste durch eine autonome Versorgung reduziert werden.
Auch
die verarbeitende Industrie plant das Aufstellen autonomer
Erzeugerkapazitäten von bis zu 25 MW für den Eigenbedarf. Ausgangspunkt
für diese Entwicklung ist die aktuelle Gesetzeslage, wonach
Elektroenergie, die in kleinen bis mittleren Generatoren erzeugt wird,
nicht an den Stromgroßhandel abgeführt werden muss. Diese Regel gilt
aber nur dann, wenn die Erzeugerkapazität technisch direkt an eine
einzige Industrieanlage angebunden ist. Besonders erfolgreich entwickelt
sich in diesem Zusammenhang der Absatz von Gas- und Dieselgeneratoren
zur Kraft-Wärme-Koppelung.
Industriebetriebe gehen in letzter Zeit
aber auch aus ganz anderen Gründen zur autonomen Energieversorgung
über. Neben den teilweise langen Anschlusszeiten ihrer
Produktionsanlagen an das öffentliche Stromnetz, was für sich gesehen
schon ein hohes wirtschaftliches Risiko darstellt, entfällt bei der
Eigenversorgung der Kostenfaktor Übertragungsgebühr. Energieversorger
schlagen auf die Stromrechnung schnell einmal Übertragungskosten von bis
zu 50% auf.
Stromkonzerne drehen den Spieß inzwischen um und
bieten gewerblichen Großabnehmern das Aufstellen und Betreiben
dezentraler Anlagen an, sogar oder insbesondere in Gebieten, die
territorial von einem Wettbewerber versorgt werden. Dafür nutzen sie
ebenfalls die Gesetzeslage, wonach zum Bau von Erzeugerkapazitäten von
bis zu 25 MW Sondergenehmigungen und regionale Zuständigkeiten
entfallen. Am Ende fällt die Rendite für die Stromkonzerne sogar noch
höher aus als bei eigenen Großanlagen.
(U.U.)
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland