Industrieregionen Dnipropetrowsk, Donezk und Luhansk mit höchstem Einsparpotenzial Von Miriam Neubert
Bonn
(gtai) - Die hohe Energieintensität der ukrainischen Unternehmen
belastet ihre Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts steigender Rohstoff- und
Energiepreise müssen sie ihre Energieeffizienz steigern, um nicht ins
Abseits zu geraten. Eine AHK-Geschäftsreise gibt deutschen Firmen Ende
September 2013 die Möglichkeit, ihr Angebot in der Industrieregion
Donezk zu präsentieren. Diese weist in der Ukraine mit das höchste
Energieeinsparpotenzial auf.
Der Druck kommt gleich von mehreren Seiten: Die Ukraine ist in
hohem Maße von Erdöl- und vor allem Erdgasimporten abhängig. Sie zahlt
dabei für russisches Erdgas mit die höchsten Preise in Europa. Obendrein
ist sie einer der schlechtesten Energieverwerter weltweit. Zahlen der
Internationalen Energieagentur IEA veranschaulichen dies: Danach war die
Energieintensität - als Verhältnis des Gesamtenergieaufkommens (TPES)
zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) - in der Ukraine mit 0,47 toe/1.000 US$
auf der Basis der Kaufkraftparitäten 2010 mehr als doppelt so hoch wie
in der Welt insgesamt (0,19) und fast viermal höher als in Deutschland
(0,12). Unter den GUS-Staaten weisen nur Turkmenistan und Usbekistan
noch schlechtere Werte auf (jeweils 0,57 und 0,56).
Hohe durchschnittliche Energiekosten pro Unternehmen
Mehr
als die Hälfte des gesamten Energieeinsparpotenzials der Ukraine findet
sich in der Industrie (58%), da die Metallerzeugung und -verarbeitung
dort eine zentrale Rolle spielt und viele Betriebe noch mit veralteter
Technik arbeiten. Zu den größten Energieverschwendern gehören neben den
Eisen- und Stahlschmelzen die Baustoffhersteller und die chemische
Industrie. Hinzu kommt die hochgradig modernisierungsbedürftige
Energieerzeugung und -verteilung, vor allem das kommunale
Fernwärmesystem. Ein Vergleich der zur Weltbankgruppe gehörenden
International Finance Corporation IFC für sechs GUS-Staaten zeigt, dass
die durchschnittlichen Energiekosten pro Unternehmen in der Ukraine 2008
mit Abstand am höchsten und um mehr als das Doppelte über denen
russischer Unternehmen lagen.
Nach Auflösung der Sowjetunion hatte
sich die Ukraine noch eineinhalb Jahrzehnte auf kostengünstige Erdöl-
und Erdgaslieferungen aus Russland stützen können. Seit 2005 ist der
Preis für russisches Erdgas aber von 50 $ pro 1.000 cbm auf etwa 450 $
im Sommer 2013 dramatisch gestiegen. Diese Erhöhung wird vom Staat nicht
an die privaten Verbraucher weitergegeben, obwohl internationale
Institutionen wie der IWF, die IEA oder die Weltbank das anmahnen und
der IWF sogar neue Kreditzusagen von dieser Forderung abhängig macht.
Eine längst überfällige, spürbare Erhöhung der bislang vom Staat stark
subventionierten inländischen Gastarife würde erhebliche Investitionen
in Energieeinsparungen anregen.
Kostendruck erzwingt Investitionen in energiesparende Technologien
Die
privaten ukrainischen Industrieunternehmen unterliegen einem wachsenden
Kostendruck. Vor allem solche, die zu finanzstarken Unternehmensgruppen
gehören, haben begonnen, in energiesparende Technologien zu
investieren. So arbeitete etwa ein Drittel der ukrainischen Hochöfen
Ende 2012 bereits mit Kohlenstaub-Injektionstechnologien. Die
Siemens-Martin-Öfen gehen sukzessive außer Betrieb. Auch in der durch
die Konzentration auf Grundchemikalien und Mineraldünger
energieintensiven Chemieindustrie und der Zementherstellung, die
Großteils noch auf Nassverfahren beruht, hat die Umstellung hin zu
energiesparenden Technologien begonnen. Der Modernisierungsdruck hält
an, selbst wenn die wirtschaftliche Stagnation, die die Ukraine 2012
erlebte und die sich auch 2013 fortsetzt, vorübergehend die
Investitionsstimmung dämpft.
Die Delegation der Deutschen
Wirtschaft in der Ukraine sieht in der ukrainischen Industrie hohe
Einsparpotenziale. Auf einer Informationsveranstaltung zur
Energieeffizienz in der ukrainischen Industrie, die im Rahmen der
deutschen Exportinitiative Energieeffizienz in Sommer 2013 in Mainz
stattfand, nannte der Stellvertreter des Delegierten, Sergeiy
Lisnitschenko, maximale Einsparpotenziale von bis zu 80% bei
Gebäudefassaden, 70% bei Beleuchtung, 60% bei Industrieöfen, bis zu 50%
bei Lüftung und Druckluft, sowie 30% jeweils in den Bereichen Heizung,
Kälteanlagen und Pumpen. Und er verwies auf steuerliche Anreize, die die
Regierung setzt, beispielsweise durch die Mehrwertsteuerbefreiung auf
die Einfuhr bestimmter energieeffizienter Technologie.
Regionale Ungleichgewichte bei Energieeffizienz
Regional
sind die Einsparpotenziale unterschiedlich hoch verteilt. Die
Vizepräsidentin der Industrie und Handelskammer Donezk, Elvira
Sevostianenko, bezeichnete die Regionen Winnyzja, Cherson und
Transkarpatien als die energieeffizientesten im Jahr 2010. Sie hätten
zwischen 65 und 62% des Energieeffizienzniveaus der EU erreicht. Im
unteren Fünftel der Skala von 26 Regionen lagen die Industrieregionen
Donezk, Riwne, Saporischschja, Luhansk und Dnipropetrowsk, bei denen es
gerade einmal 35 bis 30% waren. Sevostianenko bezog sich bei ihren
Angaben auf das Rating des noch jungen Ukrainischen Energie Index (UEI).
Finanziert
von der ukrainischen Unternehmensgruppe SCM und erhoben vom
Analytischen Zentrum Best will dieser Index ein Energieeffizienz- und
Energieeinsparprofil der ukrainischen Regionen zeichnen, das national
Rückschlüsse auf notwendige Maßnahmen und eine internationale
Vergleichbarkeit erlaubt (http://www.energy-index.com.ua).
Die möglichen Einsparpotenziale liegen dem Rating 2012 zufolge bei den
Industrieregionen Dnipropetrowsk, Donzek und Luhansk mit jeweils 2,9
Mrd., 2,6 Mrd. und 1,3 Mrd. Euro am höchsten. Das gesamte
Energieeinsparpotenzial der Ukraine wird mit fast 48% des gegenwärtigen
nationalen Energieverbrauchsniveaus angegeben.
Reduzierung des Erdgasverbrauchs als Ziel
Die
Ukraine war 2012 nach der Russischen Föderation, dem Vereinigten
Königreich, Deutschland und Italien in Europa der fünftgrößte Konsument
von Erdgas. Zu den Prioritäten der Regierung gehört es, die Abhängigkeit
von teurem russischen Erdgas spürbar zu verringern. Die Nationale
Energiestrategie bis 2030, die gegenwärtig in einem
Aktualisierungsprozess steht, sieht eine Reduzierung der
Energieimportquote von 50 auf 15% vor. Erreicht werden soll dies unter
anderem über Energieeffizienzmaßnahmen, in die bis 2030 rund 6 Mrd. Euro
investiert werden sollen, eine Senkung des Erdgasverbrauchs zu mehr als
30% und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen.
Als Mitglied der
europäischen Energiegemeinschaft (seit Februar 2011) hat sich die
Ukraine zudem verpflichtet, die Prinzipien ihrer Energiepolitik mit
denen der EU in Einklang zu bringen, ihren Energiemarkt zu
liberalisieren und transparente Marktstrukturen einzuführen. Dazu gehört
auch die Ausarbeitung eines Nationalen Aktionsplans zur
Energieeffizienz bis 2020. In dem Entwurf eines solchen Handlungsplans,
den die Nationale Agentur für Energieeffizienz, Derzhenergoefektivnost,
vorlegte, ist bis 2020 eine Einsparung von 9% des Energieendverbrauchs
vorgesehen.
Die EU unterstützt im Rahmen der Partnerschaft zur
Förderung der Energieeffizienz und des Umweltschutzes in Osteuropa (E5P)
Energieeffizienz- und Umweltschutzhaben in der Ukraine. Der mit 190
Mio. Euro ausgestattete Green for Growth Fund der EU fördert
Energieeffizienz und kleinere Projekte für erneuerbare Energien in
Südosteuropa und der Ukraine. Im Sommer 2013 prüfte die Europäische
Investitionsbank EIB die Erhöhung ihrer Unterstützung für den Fonds.
Hinzu kommen Darlehen der Europäische Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung (EBRD) für Projekte zur Energieeffizienz in der Ukraine, so
etwa für die Modernisierung des Fernwärmesystems in der Ukraine. Dazu
gehörten 2012 zwei Projekte im Wert von 10 Mio. Euro in den Städten
Zhytomyr und Ternopil. Die EBRD hat auch eine
Energieeffizienz-Kreditfazilität im Wert von 50 Mio. $ mit der
Ukreximbank unterzeichnet.
Große Modernisierungsprojekte, bei
denen Energieeffizienz und die Senkung von Schadstoffemissionen Hand in
Hand gehen, können auch über die Mechanismen des Kyoto-Protokolls
Finanzierungsquellen erschließen. Bei der Umstellung der
Zementproduktion vom Nass- auf das Trockenverfahren im Unternehmen
Podilsky Cement etwa, die 2012 abgeschlossen wurde, trug dieser
Mechanismus nach Angaben des Unternehmens 140 Mio. Euro zur
Gesamtinvestition im Wert von 210 Mio. Euro bei.
Tipp:
Im Rahmen der deutschen Exportinitiative Energieeffizienz (http://www.efficiency-from-germany.info)
findet zum Thema Energieeffizienz in der Industrie vom 23. bis 27.9.13
eine AHK-Geschäftsreise nach Donezk, der größten ukrainischen
Industrieregion, statt. Dort sind wichtige Bergbau-, Stahl- und
Chemieunternehmen angesiedelt. Die Reise bietet deutschen Anbietern von
Produkten, Systemen und Dienstleistungen für Energieeffizienz die
Chance, Geschäftspartner in der Region zu finden. Kontakt und Anmeldung
über die Renac.
Kontaktanschrift:
Renewables Academy (Renac)
Ansprechpartnerin: Laura Scharlach
Schönhauser Allee 10-11, 10119 Berlin
Tel.: 030/526 8958-71, Fax: -99
Email: scharlach@renac.de, Internet: http://www.renac.de
Weiterführender GTAI-Artikel über Investitionen in der ukrainischen Stahlindustrie:
(M.N.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), UkrSEPRO, Registrierung der Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland