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Mittwoch, 11. September 2013

Ukrainische Betriebe müssen in Energieeffizienz investieren

Industrieregionen Dnipropetrowsk, Donezk und Luhansk mit höchstem Einsparpotenzial Von Miriam Neubert

Bonn (gtai) - Die hohe Energieintensität der ukrainischen Unternehmen belastet ihre Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts steigender Rohstoff- und Energiepreise müssen sie ihre Energieeffizienz steigern, um nicht ins Abseits zu geraten. Eine AHK-Geschäftsreise gibt deutschen Firmen Ende September 2013 die Möglichkeit, ihr Angebot in der Industrieregion Donezk zu präsentieren. Diese weist in der Ukraine mit das höchste Energieeinsparpotenzial auf.

Der Druck kommt gleich von mehreren Seiten: Die Ukraine ist in hohem Maße von Erdöl- und vor allem Erdgasimporten abhängig. Sie zahlt dabei für russisches Erdgas mit die höchsten Preise in Europa. Obendrein ist sie einer der schlechtesten Energieverwerter weltweit. Zahlen der Internationalen Energieagentur IEA veranschaulichen dies: Danach war die Energieintensität - als Verhältnis des Gesamtenergieaufkommens (TPES) zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) - in der Ukraine mit 0,47 toe/1.000 US$ auf der Basis der Kaufkraftparitäten 2010 mehr als doppelt so hoch wie in der Welt insgesamt (0,19) und fast viermal höher als in Deutschland (0,12). Unter den GUS-Staaten weisen nur Turkmenistan und Usbekistan noch schlechtere Werte auf (jeweils 0,57 und 0,56).

Hohe durchschnittliche Energiekosten pro Unternehmen

Mehr als die Hälfte des gesamten Energieeinsparpotenzials der Ukraine findet sich in der Industrie (58%), da die Metallerzeugung und -verarbeitung dort eine zentrale Rolle spielt und viele Betriebe noch mit veralteter Technik arbeiten. Zu den größten Energieverschwendern gehören neben den Eisen- und Stahlschmelzen die Baustoffhersteller und die chemische Industrie. Hinzu kommt die hochgradig modernisierungsbedürftige Energieerzeugung und -verteilung, vor allem das kommunale Fernwärmesystem. Ein Vergleich der zur Weltbankgruppe gehörenden International Finance Corporation IFC für sechs GUS-Staaten zeigt, dass die durchschnittlichen Energiekosten pro Unternehmen in der Ukraine 2008 mit Abstand am höchsten und um mehr als das Doppelte über denen russischer Unternehmen lagen.

Nach Auflösung der Sowjetunion hatte sich die Ukraine noch eineinhalb Jahrzehnte auf kostengünstige Erdöl- und Erdgaslieferungen aus Russland stützen können. Seit 2005 ist der Preis für russisches Erdgas aber von 50 $ pro 1.000 cbm auf etwa 450 $ im Sommer 2013 dramatisch gestiegen. Diese Erhöhung wird vom Staat nicht an die privaten Verbraucher weitergegeben, obwohl internationale Institutionen wie der IWF, die IEA oder die Weltbank das anmahnen und der IWF sogar neue Kreditzusagen von dieser Forderung abhängig macht. Eine längst überfällige, spürbare Erhöhung der bislang vom Staat stark subventionierten inländischen Gastarife würde erhebliche Investitionen in Energieeinsparungen anregen.

Kostendruck erzwingt Investitionen in energiesparende Technologien

Die privaten ukrainischen Industrieunternehmen unterliegen einem wachsenden Kostendruck. Vor allem solche, die zu finanzstarken Unternehmensgruppen gehören, haben begonnen, in energiesparende Technologien zu investieren. So arbeitete etwa ein Drittel der ukrainischen Hochöfen Ende 2012 bereits mit Kohlenstaub-Injektionstechnologien. Die Siemens-Martin-Öfen gehen sukzessive außer Betrieb. Auch in der durch die Konzentration auf Grundchemikalien und Mineraldünger energieintensiven Chemieindustrie und der Zementherstellung, die Großteils noch auf Nassverfahren beruht, hat die Umstellung hin zu energiesparenden Technologien begonnen. Der Modernisierungsdruck hält an, selbst wenn die wirtschaftliche Stagnation, die die Ukraine 2012 erlebte und die sich auch 2013 fortsetzt, vorübergehend die Investitionsstimmung dämpft.

Die Delegation der Deutschen Wirtschaft in der Ukraine sieht in der ukrainischen Industrie hohe Einsparpotenziale. Auf einer Informationsveranstaltung zur Energieeffizienz in der ukrainischen Industrie, die im Rahmen der deutschen Exportinitiative Energieeffizienz in Sommer 2013 in Mainz stattfand, nannte der Stellvertreter des Delegierten, Sergeiy Lisnitschenko, maximale Einsparpotenziale von bis zu 80% bei Gebäudefassaden, 70% bei Beleuchtung, 60% bei Industrieöfen, bis zu 50% bei Lüftung und Druckluft, sowie 30% jeweils in den Bereichen Heizung, Kälteanlagen und Pumpen. Und er verwies auf steuerliche Anreize, die die Regierung setzt, beispielsweise durch die Mehrwertsteuerbefreiung auf die Einfuhr bestimmter energieeffizienter Technologie.

Regionale Ungleichgewichte bei Energieeffizienz

Regional sind die Einsparpotenziale unterschiedlich hoch verteilt. Die Vizepräsidentin der Industrie und Handelskammer Donezk, Elvira Sevostianenko, bezeichnete die Regionen Winnyzja, Cherson und Transkarpatien als die energieeffizientesten im Jahr 2010. Sie hätten zwischen 65 und 62% des Energieeffizienzniveaus der EU erreicht. Im unteren Fünftel der Skala von 26 Regionen lagen die Industrieregionen Donezk, Riwne, Saporischschja, Luhansk und Dnipropetrowsk, bei denen es gerade einmal 35 bis 30% waren. Sevostianenko bezog sich bei ihren Angaben auf das Rating des noch jungen Ukrainischen Energie Index (UEI).

Finanziert von der ukrainischen Unternehmensgruppe SCM und erhoben vom Analytischen Zentrum Best will dieser Index ein Energieeffizienz- und Energieeinsparprofil der ukrainischen Regionen zeichnen, das national Rückschlüsse auf notwendige Maßnahmen und eine internationale Vergleichbarkeit erlaubt (http://www.energy-index.com.ua). Die möglichen Einsparpotenziale liegen dem Rating 2012 zufolge bei den Industrieregionen Dnipropetrowsk, Donzek und Luhansk mit jeweils 2,9 Mrd., 2,6 Mrd. und 1,3 Mrd. Euro am höchsten. Das gesamte Energieeinsparpotenzial der Ukraine wird mit fast 48% des gegenwärtigen nationalen Energieverbrauchsniveaus angegeben.

Reduzierung des Erdgasverbrauchs als Ziel

Die Ukraine war 2012 nach der Russischen Föderation, dem Vereinigten Königreich, Deutschland und Italien in Europa der fünftgrößte Konsument von Erdgas. Zu den Prioritäten der Regierung gehört es, die Abhängigkeit von teurem russischen Erdgas spürbar zu verringern. Die Nationale Energiestrategie bis 2030, die gegenwärtig in einem Aktualisierungsprozess steht, sieht eine Reduzierung der Energieimportquote von 50 auf 15% vor. Erreicht werden soll dies unter anderem über Energieeffizienzmaßnahmen, in die bis 2030 rund 6 Mrd. Euro investiert werden sollen, eine Senkung des Erdgasverbrauchs zu mehr als 30% und die Nutzung erneuerbarer Energiequellen.

Als Mitglied der europäischen Energiegemeinschaft (seit Februar 2011) hat sich die Ukraine zudem verpflichtet, die Prinzipien ihrer Energiepolitik mit denen der EU in Einklang zu bringen, ihren Energiemarkt zu liberalisieren und transparente Marktstrukturen einzuführen. Dazu gehört auch die Ausarbeitung eines Nationalen Aktionsplans zur Energieeffizienz bis 2020. In dem Entwurf eines solchen Handlungsplans, den die Nationale Agentur für Energieeffizienz, Derzhenergoefektivnost, vorlegte, ist bis 2020 eine Einsparung von 9% des Energieendverbrauchs vorgesehen.

Die EU unterstützt im Rahmen der Partnerschaft zur Förderung der Energieeffizienz und des Umweltschutzes in Osteuropa (E5P) Energieeffizienz- und Umweltschutzhaben in der Ukraine. Der mit 190 Mio. Euro ausgestattete Green for Growth Fund der EU fördert Energieeffizienz und kleinere Projekte für erneuerbare Energien in Südosteuropa und der Ukraine. Im Sommer 2013 prüfte die Europäische Investitionsbank EIB die Erhöhung ihrer Unterstützung für den Fonds. Hinzu kommen Darlehen der Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) für Projekte zur Energieeffizienz in der Ukraine, so etwa für die Modernisierung des Fernwärmesystems in der Ukraine. Dazu gehörten 2012 zwei Projekte im Wert von 10 Mio. Euro in den Städten Zhytomyr und Ternopil. Die EBRD hat auch eine Energieeffizienz-Kreditfazilität im Wert von 50 Mio. $ mit der Ukreximbank unterzeichnet.

Große Modernisierungsprojekte, bei denen Energieeffizienz und die Senkung von Schadstoffemissionen Hand in Hand gehen, können auch über die Mechanismen des Kyoto-Protokolls Finanzierungsquellen erschließen. Bei der Umstellung der Zementproduktion vom Nass- auf das Trockenverfahren im Unternehmen Podilsky Cement etwa, die 2012 abgeschlossen wurde, trug dieser Mechanismus nach Angaben des Unternehmens 140 Mio. Euro zur Gesamtinvestition im Wert von 210 Mio. Euro bei.
Tipp:
Im Rahmen der deutschen Exportinitiative Energieeffizienz (http://www.efficiency-from-germany.info) findet zum Thema Energieeffizienz in der Industrie vom 23. bis 27.9.13 eine AHK-Geschäftsreise nach Donezk, der größten ukrainischen Industrieregion, statt. Dort sind wichtige Bergbau-, Stahl- und Chemieunternehmen angesiedelt. Die Reise bietet deutschen Anbietern von Produkten, Systemen und Dienstleistungen für Energieeffizienz die Chance, Geschäftspartner in der Region zu finden. Kontakt und Anmeldung über die Renac.

Kontaktanschrift:

Renewables Academy (Renac)
Ansprechpartnerin: Laura Scharlach
Schönhauser Allee 10-11, 10119 Berlin
Tel.: 030/526 8958-71, Fax: -99
Weiterführender GTAI-Artikel über Investitionen in der ukrainischen Stahlindustrie:
(M.N.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), UkrSEPRO, Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland