Neue Projekte für Lokomotiven und Waggons / Regierung plant finanzielle Anreize zum Kauf moderner Güterwagen
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Russland hat fast 1,2 Millionen Güterwaggons. Zehntausende
sind veraltet und müssen ersetzt werden. Außerdem benötigt das Land
Hochgeschwindigkeitszüge für die geplante Strecke Moskau-Kasan. Die
Millionenstädte in Russland ordern neue Metrowaggons. Allein Moskau will
3.000 Stück kaufen. Für internationale Bahntechnikkonzerne ist Russland
ein Top-Markt. Über Partnerschaften mit russischen Konzernen kommen sie
ins Geschäft. Denn Russland setzt verstärkt auf Qualität.
Der Bedarf an modernen Güterwaggons in Russland ist hoch. Die
Tochterfirma Transcontainer der Russischen Eisenbahnen (RZD) will noch
in der zweiten Jahreshälfte 2013 rund 800 neue Flachwaggons für den
Containertransport anschaffen. Die Kosten dafür betragen voraussichtlich
gut 34 Mio. Euro. Das ist nur eines von vielen Investitionsprojekten.
Allein im Jahr 2012 wurden in Russland knapp 72.000 Güterwagen gekauft.
Auch
im städtischen Personennahverkehr tut sich einiges. Bis 2020 will die
russische Hauptstadt Moskau 3.000 neue Waggons anschaffen. Das hat die
Stadtregierung angekündigt. Die ukrainische Hauptstadt Kiew hat
russische Metro-Waggons im Wert von 40 Mio. Euro geordert.
Neue
Lokomotiven, neue Reisewaggons und neue Metrowagen - die Marktchancen
für Ausrüster und Zulieferer im Bahnsektor in Russland sind und bleiben
enorm. Davon profitieren vor allem jene internationalen Hersteller, die
sich auf Gemeinschaftsprojekte mit traditionellen russischen
Branchenunternehmen einlassen. So will Siemens mit dem russischen
Konzern Russkije Maschiny Waggons für die Moskauer Metro bauen. Ein
entsprechendes Modell für einen neuen Wagen haben die beiden Unternehmen
auf der Fachmesse "Expo-1520" in Moskau vorgestellt.
Dies ist
nicht das erste Siemens-Engagement im Bereich Transportmittel in
Russland. Der deutsche Technologiekonzern hat bereits im Gebiet
Swerdlowsk ein Gemeinschaftsunternehmen zusammen mit der Sinara-Gruppe
gegründet: OOO Uralskije lokomotivy. Wie Mitte September 2013 bekannt
wurde, fertigt das Joint-Venture mittlerweile nach dem Internationalen
Railware Industry Standard (IRIS). Siemens und Sinara montieren zwei
Diesellok-Variationen für den Eisenbahngüterverkehr und den Elektrozug
Lastotschka. Außerdem entwickelt Uralskije lokomotivy eine Modifikation
des Lastotschka mit Schlafabteil (Projektname: Ewrasijskij ekspress),
erklärte der Direktor der Moskauer Filiale von "Sinara - transportnye
maschiny", Anton Subichin, auf einer Pressekonferenz am 10. Oktober
2013.
Der französische Alstom-Konzern zeigte sich auf der Messe
"Expo-1520" offen für eine Lokalisierung der Fertigung des Schnellzuges
Allegro. Ein Einstiegsauftrag von 20, 30 oder 40 Schnellzügen und
Perspektiven für die Zukunft - das seien die wichtigsten Kriterien für
den Aufbau einer Produktion seines Unternehmens in Russland, sagte
Alstom Transport-Präsident Henri Poupart-Lafarge auf der "Expo-1520".
Der Hintergrund ist klar: Die Franzosen bauen auf die
Hochgeschwindigkeitsstrecke Moskau-Kasan und schicken ihren Schnellzug
damit ins Rennen. Andere internationale Bahntechnikhersteller bringen
sich ebenfalls bereits in Stellung für die Ausschreibung.
Fast
alle russischen Bahntechnikhersteller rüsten zurzeit auf - und zwar mit
fremder Hilfe. Im Gebiet Leningrad wollen die OOO Obedinjonnaja
wagonnaja kompanija (OWK; Vereinigte Waggonbau-Gesellschaft) und der
US-amerikanische Konzern Wabtec Corporation ein Gemeinschaftsunternehmen
zur Entwicklung und Produktion von Komponenten für Güterwaggons
errichten. Das haben Firmenvertreter Mitte September 2013 bekannt
gegeben. Die Fabrik soll 2014 in Betrieb gehen.
Das Joint Venture
mit Wabtec ist aber nicht die einzige strategische Partnerschaft, die
OWK eingeht. Der Schienenfahrzeugbauer will auch mit dem
US-amerikanischen Branchenunternehmen Amsted Rail eine gemeinsame
Tochter gründen. Geplant ist die Herstellung von Komponenten für
Güterwaggons. Außerdem will OWK Motion-Control-Fahrgestelle produzieren.
Lizenzgeber ist Amsted Rail. Bis 2015 soll die Zertifizierung
abgeschlossen sein, danach könnte die Serienfertigung beginnen. In fünf
bis sieben Jahren rechnen die OWK-Topmanager mit einem Marktvolumen für
Motion-Control-Fahrgestelle von jährlich 4 Mrd. US$.
Wie es
scheint, steht die russische Regierung voll hinter diesem Projekt. Denn
Industrie- und Handelsminister Denis Manturow will von 2014 bis 2016
eine Abwrackprämie von 300.000 bis 400.000 Rubel (6.881 bis 9.174 Euro;
Wechselkurs 1 Euro = 43,6 Rubel) pro gebrauchtem Waggon einführen bei
gleichzeitigem Kauf eines neuen, innovativen Waggons. Als "innovativ"
bezeichnete Manturow Waggons mit einer Achslast von mindestens 25 t.
Bezeichnenderweise erfüllen genau die Motion-Control-Fahrgestelle von
OWK diese Kriterien.
Herkömmliche Fahrgestelle von Uralwaggonsawod
hingegen kommen lediglich auf eine Achslast von 23,5 t und wären bei
der Abwrackprämie außen vor. Der Staatskonzern korrigierte Mitte 2013
die Prognose für die Jahresproduktion um ein Viertel nach unten auf
20.000 Waggons. Helfen könnte dem Traditionsbetrieb die schärfere
Handhabe der Verkehrs-Aufsichtsbehörde Rostransnadsor gegenüber
Russlands Frachtunternehmen. Rostransnadsor will 30.000 bis 35.000 alte
Waggons aus dem Verkehr ziehen. Das wären etwa 3% der landesweit 1,18
Mio. im Einsatz befindlichen Güterwagen.
Auch Uralwagonsawod hat
innovative Pläne. Zusammen mit dem US-amerikanischen Unternehmen
Caterpillar will der russische Konzern ab 2015 flüssiggasbetriebene
Lokomotiven in Serie bauen. Das sagte der Direktor für zivile Technik,
Aleksei Tischajew, gegenüber dem Nachrichtendienst Prime. Bereits 2016
könnten 100 bis 150 Stück davon produziert werden.
Im
Waggonbauunternehmen in Twer, einer Tochterfirma der Transmaschholding,
bauen die Ingenieure 2013 zum ersten Mal in der Geschichte Russlands
zweistöckige Schlafwagen. Bis Ende des Jahres sollen 50 solcher Waggons
an die Federalnaja passaschirskaja kompanija (Föderale
Passagiergesellschaft) ausgeliefert werden. Die doppelstöckigen
Schlafwagen werden auf der hochfrequentierten Strecke Moskau-Adler
eingesetzt. Im Mai 2013 hatte das Unternehmen Aeroexpress mit dem
schweizerischen Unternehmen Stadler eine Vereinbarung über die Lieferung
von mehreren Hundert doppelstöckigen, bestuhlten Passagierwaggons
geschlossen. Diese Schienenfahrzeuge werden für die verhältnismäßig
kurzen Strecken zwischen Russlands Metropolen und den jeweiligen
Flughäfen eingesetzt.
Die Transmaschholding ist auch auf
Auslandsmärkten aktiv. Im Juni 2013 hat das Unternehmen 50% des
kasachischen Lokomotivenherstellers OA Lokomotiw kurastyru sauyty
übernommen. Das Paket hat 60 Mio. US$ gekostet. Die Kapazität der Fabrik
beträgt 100 Fernstrecken-Lokomotiven pro Jahr.
Der kanadische
Schienenfahrzeugproduzent Bombardier baut seit Juni 2013 ein neues
Lokomotivenwerk im Gebiet Saratow. Partner ist das Branchenunternehmen
Engelski Lokomotiwnyi sawod. Die Investitionssumme beläuft sich auf 200
Mio. US$. Produktionsstart soll 2015 sein, die Kapazitäten werden auf
150 Loks pro Jahr beziffert.
Produktion von Schienenfahrzeugen und Strecken
| 2012 | Januar-August 2013 | Veränderung Jan.-Aug. 2013/Jan.-Aug. 2012 in % | |
| Elektrolokomotiven, Stück | 334 | 154 | -9,3 |
| Diesellokomotiven, Stück | 175 | 75 | 57,7 |
| Metrowaggons, Stück | k.A. | 242 | -4,6 |
| Passagierwaggons, Stück | 891 | k.A. | -17,0 |
| Güterwaggons, 1.000 Stück | 71,2 | 37,4 | -21,8 |
| Neue Schienenstrecken, km | 43,7 | k.A. | k.A. |
Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat 2013
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(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland