Regierung plant mit 200 Millionen Euro Investitionen in acht Jahren /
Lobbyisten hemmen Chancen für deutsche Firmen
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Heizkostenverteiler, Wärme- und Wasserzähler, Strom- und
Gasmessgeräte sind mittlerweile Pflicht bei Neubauten in Russland. Das
Marktvolumen für Energieeffizienz-Technik liegt bei über 2 Mrd. Euro.
Hinzu kommen mehrere Hundert Millionen Euro für
Energieeffizienz-Services. Auch der Markt für wärmedämmende Fassaden,
Türen und Fenster ist riesig. Doch es ist nicht alles Gold was glänzt.
Am Markt gewinnt nicht immer das beste Produkt und Plattenbausanierung
ist nicht Pflicht.
Wärmeisolierung für Fassaden, Installation von Verbrauchszählern
und eine bessere Steuerung von Heizungsanlagen - Russland macht
Fortschritte bei der Steigerung der Energieeffizienz in der
Wohnungswirtschaft. Insgesamt will die Russische Föderation bis 2020
über entsprechende Staatsprogramme etwa 9 Billionen Rubel (knapp 207
Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 13.9.2013: 1 Euro = 43,49 Rubel) für
Energieeffizienzmaßnahmen ausgeben. Das ist auch bitter nötig. Durch die
Modernisierung von Wohngebäuden könnte der Energieverbrauch in Russland
um die Hälfte gesenkt werden, heißt es in einer gemeinsamen Studie des
Technologiekonzerns Siemens und der TU München.
Die russische
Regierung unternimmt ernsthafte Schritte, um die Energieverschwendung
der Privathaushalte einzuschränken. Mittlerweile ist der Verkauf von
100-Watt-Glühlampen in Russland verboten, ab 1.1.2014 verschwinden auch
75-Watt-Lampen. Im Neubaubereich gibt es bereits relativ hohe
Anforderungen an die Energieeffizienz. Föderale und regionale Normen
verschiedenster Art regulieren den Einbau von Heizkörperreglern, Wasser-
und Wärmezählern. Auch Fassadenisolierungen und moderne Fenster sind
Pflicht. Einen guten Überblick über die zurzeit bereits gültigen Normen
bietet die Internetseite http://www.undp-eeb.ru.
Darauf sind die verschiedenen Gesetze, Dekrete, ministeriellen
Verordnungen und technischen Regulierungen - von den sowjetischen, bis
heute gültigen GOST-Standards bis hin zu den SNiP-Normen - aufgelistet.
Für
Fassadendämmsysteme gibt es noch kein einheitliches technisches
Reglement. Es sind etwa 50 Systeme beim Ministerium für regionale
Entwicklung zertifiziert oder verfügen über eine technische Zulassung.
Diese gewährleistet die Verwendung der Systeme an den Bauvorhaben. Vor
allem die Assoziation der Hersteller und Lieferanten für
Fassadendämmsysteme (ANFAS) arbeitet an einem einheitlichen Standard.
"Wir gehen davon aus, dass es in Russland bis 2020 einen einheitlichen
Standard geben wird", sagt Dr. Norbert Richter, Geschäftsführer des
Farben-, Lacke- und Dämmsystemherstellers Caparol in Russland.
Standard
oder nicht - Caparol vertreibt seine Wärmedämmverbundsysteme
erfolgreich in Russland, sowohl für den klein-etagigen Wohnungsbau wie
auch für den Bau von Stadtvierteln (Mikrorajons). Caparol-Lösungen
finden sich in Städten wie Sotschi, Tjumen, Jekaterinburg, Sankt
Petersburg und Ufa. Im Einfamilienhausbau seien die Bauherren allerdings
nicht optimal informiert. Deshalb würden nicht immer optimale
Energieeffizienzmaßnahmen realisiert, sagt Richter.
Energieeffizienz
- das will in erster Linie die Politik. Allein für 2013 beabsichtigt
die Regierung den russischen Regionen mit 5,7 Mrd. Rubel (über 130 Mio.
Euro; EZB-Wechselkurs vom 13.9.2013: 1 Euro = 43,34 Rubel) unter die
Arme zu greifen. Das Geld ist bestimmt für regionale Energiespar- und
Energieeffizienzprojekte. Kriterium für die föderalen Zuschüsse: private
Investoren müssen den Löwenanteil der Investitionen aufbringen.
Insgesamt sollen die föderalen Zuschüsse 2013 an 28 Regionen gehen. Eine
davon ist die Region Samara; sie soll 2013 rund 4,5 Mio. Euro
staatliche Zuschüsse erhalten.
In Russland gibt es also nicht nur
gesetzliche Vorschriften für energieeffizientes Bauen, es gibt auch die
Mittel, um die Projekte umzusetzen. Das beschert Ausrüstern schon heute
einen gewaltigen Markt. Jährlich werden russlandweit 65 Mio. qm
Wohnfläche gebaut, davon 55% mehrstöckige Hochhäuser und 45% private
Wohnhäuser. Der Umsatz beim Bau von Wohnraum in Russland liegt bei etwa
130 Mrd. Euro pro Jahr. Davon fließen etwa 2,9 Mrd. Euro in die
technische Gebäudeausrüstung, darunter auch Energieeffizienz-Technik,
schätzt Alexei Aleksejew, Geschäftsführer der russischen Techem-Tochter
OOO Techem. Das Geld fließt unter anderem in Hausübergabestationen,
Heizkostenverteiler, Heizkörperregler, Wärme- , Wasser-, Gas- und
Stromzähler. Den größten Teil dieser Hardware und insbesondere die
Messtechnik müssen Bauherren künftig zwingend einbauen. Russland könnte
bis 2020 zu Europas größtem Markt für Technik und Dienstleistungen rund
um die Energieeffizienz werden.
Die Umsätze, die für deutsche
Unternehmen dabei abfallen, sind allerdings überschaubar. Das liegt in
erster Linie an intransparenten Strukturen in Russland.
Energieeffizienzmaßnahmen am Bau werden zentral gesteuert. In Moskau und
Umgebung, wo 15% aller Wohnungen in Russland errichtet werden, ist das
die Aufgabe von zwei großen Projektierungsinstituten: Mniitep und
Mosprojekt. Diese Institute legen die Baustandards fest für die in
Russland üblichen Wohnbezirke in Typenbauweise (Plattenbau) mit 3.500
bis 5.000 Wohnungen, Schulen, Verkehrsinfrastruktur, Krankenhäuser und
Kindergärten.
Ihnen gegenüber stehen einige wenige Baufirmen. Bei
den Mehrfamilienhaus-Projekten nimmt der Staat 30% aller Wohnungen für
den sozialen Wohnungsbau ab - zu festgelegten Preisen. Deshalb legen die
Bauunternehmen großen Wert auf minimale Ausgaben für die Ausstattung
der Hochhäuser. Die Folge sind Billigfenster, Billigheizkörper,
Billigfassaden - ohne eine langfristige Kosten-Nutzen-Kalkulation im
Blick. Es nimmt nicht wunder, dass die Käufer solcher Hochhauswohnungen
als erstes die nagelneuen, aber ineffizienten Konvektoren aus russischer
Produktion abmontieren und neue westliche Modelle anbringen.
Dabei
sind westliche Lösungen nicht einmal zwingend teurer. Doch die
russischen Standards, insbesondere die Planungs- und
Projektierungsunterlagen für typisierte Standardbauten, wurden in vielen
Fällen auf einige wenige Bauzulieferer zugeschnitten. Die Folge ist
veraltete Technik zu hohen Preisen. So kostet Wasser genau so viel wie
in Deutschland und die Wärmeenergie in einigen Regionen sogar mehr. In
Russland gibt es zahlreiche Korruptionsfälle, in denen Beamte auf
verschiedenen Ebenen - sei es in den Instituten zum Festlegen der
technischen Standards, sei es bei den für die Staatsexpertisen
zuständigen Genehmigungsstellen - persönlich vom Status quo profitieren.
Energieeffizienz haben sie dabei selten im Blick.
Lobbygruppen
verhindern bisher auch, dass bei allen Altbausanierungen in Russland die
eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen Wärmemessgeräte, also
Wärmezähler oder Heizkostenverteiler, eingebaut werden. So ist bei einer
grundlegenden Sanierung in Moskau der Einsatz von Wärmemessgeräten
nicht vorgeschrieben. Die entsprechende Verordnung auf Stadtebene
widerspreche föderalen Gesetzen, sagen Marktexperten im Gespräch mit
Germany Trade and Invest.
Das ist noch nicht einmal das geringste
Problem. In Russland gibt es 2,2 Mrd. qm alten Plattenbau. Würde
Russland diese Wohnhäuser mit individuellen Wärmepunkten
(Hausübergabestationen für die vorhandene Fernwärmeversorgung)
ausstatten und die Wohnungen nach westlichem Vorbild renovieren - die
Investitionen für Energieeffizienzausrüstungen beliefen sich auf einen
zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag. Doch weder die Energieerzeuger
noch die Hausbesitzer haben Interesse an den Investitionen, von denen
nur die Mieter einen Nutzen hätten.
Allein in Moskau gibt es
40.000 Hochhäuser mit Dutzenden, manchmal sogar Hunderten Wohnungen.
Diese werden noch von 9.000 externen "Zentralen Wärmepunkten" bedient,
die gleich mehrere Häuser mit Heizung und Warmwasser versorgen. Die
Zähler sind vom Verbraucher nicht einzusehen. Ausgelesen werden die
Daten oftmals manuell vom Jedinnyi rastschjotnyi zentr, dem zentralen
Rechnungszentrum. Die Manipulationsmöglichkeiten sind immens. Die
Verbraucher können sich kaum wehren. Denn selbst in den russischen
Standard-Neubauten gibt es Mess- und Regeltechnik, die dem Mieter
oftmals keinen Aufschluss über den tatsächlichen Wärmeverbrauch bietet.
Kontaktanschriften:
Überblick über die geltenden gesetzlichen Normen für Energieeffizienz im Wohnungsbau
http://undp-eeb.ru/index.php?option=com_content&view=article&id=7:2012-01-01-09-55-21&catid=1&Itemid=27&lang=ru
Auch
das Ministerium für regionale Entwicklung der Russischen Föderation
bietet einen entsprechenden Überblick in pdf-Form. Die
Energieeffizienz-relevanten Normen finden sich auf den Seiten 24,25 und
26: http://www.minregion.ru/upload/documents/2011/05/300511-s-1.pdf
OOO Techem
ul. Nischnjaja Syromjatnitscheskaja 5/7, str. 9, Büro 211, 105210 Moskau
Tel.: 007 495/363 15 44, Fax: -771 68 84
Internet: http://www.techemenergy.ru
Ansprechpartner: Aleksei Aleksejew (E-Mail: alexey.alekseev@techem.org.ru)
OOO Caparol
ul. Avangardnaja 3, 125493 Moskau
Tel.: 007 495/966 08 49, Fax: -645 57 99
E-Mail: caparol@caparol.ru, Internet: http://www.caparol.ru
Ansprechpartner: Generaldirektor Dr. Norbert Richter
Moskowskij institut tipowogo projektirowanija (Mniitep)
ul. Petrowska 15, str. 1, 107031 Moskau
Tel.: 007 495/628 66 84, Fax: -623 61 38
E-Mail: kanc@mniitep.ru, Internet: http://www.mniitep.ru
OAO Mosprojekt
1-ja Brestskaja ul. 13/14, 125190 Moskau
Tel.: 007 499/250 50 33, Fax: -250 23 73
E-Mail: aua@mosproject.ru, Internet: http://www.mosproject.ru
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland