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Montag, 21. Oktober 2013

Russland bis 2020 Europas größter Markt für Energieeffizienz

Regierung plant mit 200 Millionen Euro Investitionen in acht Jahren / Lobbyisten hemmen Chancen für deutsche Firmen
Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Heizkostenverteiler, Wärme- und Wasserzähler, Strom- und Gasmessgeräte sind mittlerweile Pflicht bei Neubauten in Russland. Das Marktvolumen für Energieeffizienz-Technik liegt bei über 2 Mrd. Euro. Hinzu kommen mehrere Hundert Millionen Euro für Energieeffizienz-Services. Auch der Markt für wärmedämmende Fassaden, Türen und Fenster ist riesig. Doch es ist nicht alles Gold was glänzt. Am Markt gewinnt nicht immer das beste Produkt und Plattenbausanierung ist nicht Pflicht. 

Wärmeisolierung für Fassaden, Installation von Verbrauchszählern und eine bessere Steuerung von Heizungsanlagen - Russland macht Fortschritte bei der Steigerung der Energieeffizienz in der Wohnungswirtschaft. Insgesamt will die Russische Föderation bis 2020 über entsprechende Staatsprogramme etwa 9 Billionen Rubel (knapp 207 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 13.9.2013: 1 Euro = 43,49 Rubel) für Energieeffizienzmaßnahmen ausgeben. Das ist auch bitter nötig. Durch die Modernisierung von Wohngebäuden könnte der Energieverbrauch in Russland um die Hälfte gesenkt werden, heißt es in einer gemeinsamen Studie des Technologiekonzerns Siemens und der TU München.

Die russische Regierung unternimmt ernsthafte Schritte, um die Energieverschwendung der Privathaushalte einzuschränken. Mittlerweile ist der Verkauf von 100-Watt-Glühlampen in Russland verboten, ab 1.1.2014 verschwinden auch 75-Watt-Lampen. Im Neubaubereich gibt es bereits relativ hohe Anforderungen an die Energieeffizienz. Föderale und regionale Normen verschiedenster Art regulieren den Einbau von Heizkörperreglern, Wasser- und Wärmezählern. Auch Fassadenisolierungen und moderne Fenster sind Pflicht. Einen guten Überblick über die zurzeit bereits gültigen Normen bietet die Internetseite http://www.undp-eeb.ru. Darauf sind die verschiedenen Gesetze, Dekrete, ministeriellen Verordnungen und technischen Regulierungen - von den sowjetischen, bis heute gültigen GOST-Standards bis hin zu den SNiP-Normen - aufgelistet.

Für Fassadendämmsysteme gibt es noch kein einheitliches technisches Reglement. Es sind etwa 50 Systeme beim Ministerium für regionale Entwicklung zertifiziert oder verfügen über eine technische Zulassung. Diese gewährleistet die Verwendung der Systeme an den Bauvorhaben. Vor allem die Assoziation der Hersteller und Lieferanten für Fassadendämmsysteme (ANFAS) arbeitet an einem einheitlichen Standard. "Wir gehen davon aus, dass es in Russland bis 2020 einen einheitlichen Standard geben wird", sagt Dr. Norbert Richter, Geschäftsführer des Farben-, Lacke- und Dämmsystemherstellers Caparol in Russland.

Standard oder nicht - Caparol vertreibt seine Wärmedämmverbundsysteme erfolgreich in Russland, sowohl für den klein-etagigen Wohnungsbau wie auch für den Bau von Stadtvierteln (Mikrorajons). Caparol-Lösungen finden sich in Städten wie Sotschi, Tjumen, Jekaterinburg, Sankt Petersburg und Ufa. Im Einfamilienhausbau seien die Bauherren allerdings nicht optimal informiert. Deshalb würden nicht immer optimale Energieeffizienzmaßnahmen realisiert, sagt Richter.

Energieeffizienz - das will in erster Linie die Politik. Allein für 2013 beabsichtigt die Regierung den russischen Regionen mit 5,7 Mrd. Rubel (über 130 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 13.9.2013: 1 Euro = 43,34 Rubel) unter die Arme zu greifen. Das Geld ist bestimmt für regionale Energiespar- und Energieeffizienzprojekte. Kriterium für die föderalen Zuschüsse: private Investoren müssen den Löwenanteil der Investitionen aufbringen. Insgesamt sollen die föderalen Zuschüsse 2013 an 28 Regionen gehen. Eine davon ist die Region Samara; sie soll 2013 rund 4,5 Mio. Euro staatliche Zuschüsse erhalten.
In Russland gibt es also nicht nur gesetzliche Vorschriften für energieeffizientes Bauen, es gibt auch die Mittel, um die Projekte umzusetzen. Das beschert Ausrüstern schon heute einen gewaltigen Markt. Jährlich werden russlandweit 65 Mio. qm Wohnfläche gebaut, davon 55% mehrstöckige Hochhäuser und 45% private Wohnhäuser. Der Umsatz beim Bau von Wohnraum in Russland liegt bei etwa 130 Mrd. Euro pro Jahr. Davon fließen etwa 2,9 Mrd. Euro in die technische Gebäudeausrüstung, darunter auch Energieeffizienz-Technik, schätzt Alexei Aleksejew, Geschäftsführer der russischen Techem-Tochter OOO Techem. Das Geld fließt unter anderem in Hausübergabestationen, Heizkostenverteiler, Heizkörperregler, Wärme- , Wasser-, Gas- und Stromzähler. Den größten Teil dieser Hardware und insbesondere die Messtechnik müssen Bauherren künftig zwingend einbauen. Russland könnte bis 2020 zu Europas größtem Markt für Technik und Dienstleistungen rund um die Energieeffizienz werden.

Die Umsätze, die für deutsche Unternehmen dabei abfallen, sind allerdings überschaubar. Das liegt in erster Linie an intransparenten Strukturen in Russland. Energieeffizienzmaßnahmen am Bau werden zentral gesteuert. In Moskau und Umgebung, wo 15% aller Wohnungen in Russland errichtet werden, ist das die Aufgabe von zwei großen Projektierungsinstituten: Mniitep und Mosprojekt. Diese Institute legen die Baustandards fest für die in Russland üblichen Wohnbezirke in Typenbauweise (Plattenbau) mit 3.500 bis 5.000 Wohnungen, Schulen, Verkehrsinfrastruktur, Krankenhäuser und Kindergärten.

Ihnen gegenüber stehen einige wenige Baufirmen. Bei den Mehrfamilienhaus-Projekten nimmt der Staat 30% aller Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau ab - zu festgelegten Preisen. Deshalb legen die Bauunternehmen großen Wert auf minimale Ausgaben für die Ausstattung der Hochhäuser. Die Folge sind Billigfenster, Billigheizkörper, Billigfassaden - ohne eine langfristige Kosten-Nutzen-Kalkulation im Blick. Es nimmt nicht wunder, dass die Käufer solcher Hochhauswohnungen als erstes die nagelneuen, aber ineffizienten Konvektoren aus russischer Produktion abmontieren und neue westliche Modelle anbringen.

Dabei sind westliche Lösungen nicht einmal zwingend teurer. Doch die russischen Standards, insbesondere die Planungs- und Projektierungsunterlagen für typisierte Standardbauten, wurden in vielen Fällen auf einige wenige Bauzulieferer zugeschnitten. Die Folge ist veraltete Technik zu hohen Preisen. So kostet Wasser genau so viel wie in Deutschland und die Wärmeenergie in einigen Regionen sogar mehr. In Russland gibt es zahlreiche Korruptionsfälle, in denen Beamte auf verschiedenen Ebenen - sei es in den Instituten zum Festlegen der technischen Standards, sei es bei den für die Staatsexpertisen zuständigen Genehmigungsstellen - persönlich vom Status quo profitieren. Energieeffizienz haben sie dabei selten im Blick.

Lobbygruppen verhindern bisher auch, dass bei allen Altbausanierungen in Russland die eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen Wärmemessgeräte, also Wärmezähler oder Heizkostenverteiler, eingebaut werden. So ist bei einer grundlegenden Sanierung in Moskau der Einsatz von Wärmemessgeräten nicht vorgeschrieben. Die entsprechende Verordnung auf Stadtebene widerspreche föderalen Gesetzen, sagen Marktexperten im Gespräch mit Germany Trade and Invest.

Das ist noch nicht einmal das geringste Problem. In Russland gibt es 2,2 Mrd. qm alten Plattenbau. Würde Russland diese Wohnhäuser mit individuellen Wärmepunkten (Hausübergabestationen für die vorhandene Fernwärmeversorgung) ausstatten und die Wohnungen nach westlichem Vorbild renovieren - die Investitionen für Energieeffizienzausrüstungen beliefen sich auf einen zweistelligen Milliarden-Euro-Betrag. Doch weder die Energieerzeuger noch die Hausbesitzer haben Interesse an den Investitionen, von denen nur die Mieter einen Nutzen hätten.

Allein in Moskau gibt es 40.000 Hochhäuser mit Dutzenden, manchmal sogar Hunderten Wohnungen. Diese werden noch von 9.000 externen "Zentralen Wärmepunkten" bedient, die gleich mehrere Häuser mit Heizung und Warmwasser versorgen. Die Zähler sind vom Verbraucher nicht einzusehen. Ausgelesen werden die Daten oftmals manuell vom Jedinnyi rastschjotnyi zentr, dem zentralen Rechnungszentrum. Die Manipulationsmöglichkeiten sind immens. Die Verbraucher können sich kaum wehren. Denn selbst in den russischen Standard-Neubauten gibt es Mess- und Regeltechnik, die dem Mieter oftmals keinen Aufschluss über den tatsächlichen Wärmeverbrauch bietet.

Kontaktanschriften:

Überblick über die geltenden gesetzlichen Normen für Energieeffizienz im Wohnungsbau
http://undp-eeb.ru/index.php?option=com_content&view=article&id=7:2012-01-01-09-55-21&catid=1&Itemid=27&lang=ru
Auch das Ministerium für regionale Entwicklung der Russischen Föderation bietet einen entsprechenden Überblick in pdf-Form. Die Energieeffizienz-relevanten Normen finden sich auf den Seiten 24,25 und 26: http://www.minregion.ru/upload/documents/2011/05/300511-s-1.pdf
OOO Techem
ul. Nischnjaja Syromjatnitscheskaja 5/7, str. 9, Büro 211, 105210 Moskau
Tel.: 007 495/363 15 44, Fax: -771 68 84
Ansprechpartner: Aleksei Aleksejew (E-Mail: alexey.alekseev@techem.org.ru)
OOO Caparol
ul. Avangardnaja 3, 125493 Moskau
Tel.: 007 495/966 08 49, Fax: -645 57 99
Ansprechpartner: Generaldirektor Dr. Norbert Richter
Moskowskij institut tipowogo projektirowanija (Mniitep)
ul. Petrowska 15, str. 1, 107031 Moskau
Tel.: 007 495/628 66 84, Fax: -623 61 38
OAO Mosprojekt
1-ja Brestskaja ul. 13/14, 125190 Moskau
Tel.: 007 499/250 50 33, Fax: -250 23 73
(H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland