Deutsche Energie-Agentur berät russischen Netzbetreiber / Interesse an regelbaren Ortsnetzstationen
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Russlands investiert jedes Jahr mehrere Milliarden Euro in den
Stromnetzausbau. Künftig sollen die Netze vor allem intelligent und
sicher werden. Von 2014 bis 2017 will der staatlich dominierte
Stromnetzgigant Rosseti über 770 Mio. Euro für Smart Grids ausgeben.
Doch über Studien und Vergleichsanalysen ist Russlands
Energieministerium bis jetzt nicht hinausgekommen. Die Deutsche
Energieagentur soll helfen, die Netze energieeffizienter und
intelligenter zu gestalten.
Um Russlands Stromnetze ist es schlecht bestellt. Sehr schlecht.
Zwei Drittel des gesamten Netzes stammen aus der Zeit vor 1990. Bei der
Übertragung gehen durchschnittlich 11% Energie verloren, heißt es im
staatlichen Programm der Russischen Föderation zur Energieeffizienz und
Entwicklung des Energiesektors. Ziel ist es, die Verluste in den
kommenden Jahren auf 3,5% zu reduzieren. Für jeden Prozentpunkt weniger
könnte in der Stromerzeugung jährlich Erdgas mit einem Marktwert von
rund 500 Mio. Euro eingespart werden, heißt es in einer Studie des
Technologiekonzerns Siemens und der Technischen Universität München.
Deshalb
kann die Devise nur lauten: investieren und modernisieren - und zwar
schnell. Das aktuelle Investitionsprogramm von OAO Rosseti sieht genau
das vor. Die Nachfolgeorganisation der MRSK Holding will von 2012 bis
2017 etwa 161 Mrd. Rubel (3,66 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 4.9.2013: 1
Euro = 44,00 Rubel) in den Netzausbau investieren.
Das neu
gegründete Staatsunternehmen investiert bis 2017 rund 34 Mrd. Rubel
(über 770 Mio. Euro) in die "innovative Entwicklung" der Stromnetze. Das
teilte OAO Rosseti Mitte Juli 2013 mit. Davon sollen 11 Mrd. Rubel in
die Fernleitungen und 23 Mrd. Rubel in die Verteilernetze fließen.
Zusammen mit dem Innovationszentrum Skolkowo sollen sogenannte Smart
Grids erprobt und dann implementiert werden. Rossiskije seti ist der
weltgrößte Energiekonzern. Das Unternehmen stellt die Stromübertragung
und -verteilung in Russland sicher. Dazu gehören 43 Tochterfirmen und
abhängige Gesellschaften, sowie Aktienpakete 16 überregionaler und
regionaler Netzgesellschaften. Die Kontrolle obliegt dem Staat mit einem
Anteil von 61,7% des Grundkapitals.
Manche Regionen sind
allerdings schon weiter als die Dachorganisation OAO Rosseti. So
modernisiert die Baschkirskaja elektrosetewaja kompanija das Stromnetz
der baschirischen Hauptstadt Ufa mithilfe von Smart Grid-Technologie des
deutschen Siemens Konzerns. Dazu haben die beiden Unternehmen einen
Fünfjahresvertrag unterzeichnet - mit der Option auf eine Verlängerung.
Siemens wird zunächst eine Bestandsaufnahme ausarbeiten und danach
Modernisierungsvorschläge unterbreiten und Smart Grid-Elemente
einführen, schreibt die Nachrichtenagentur Ria Nowosti unter Berufung
auf Unternehmensmeldungen.
Diese Strategie verfolgt auch die
Deutsche Energie-Agentur (dena).
Mitte Juni 2013 unterzeichneten der
Vorsitzende der Geschäftsführung, Stephan Kohler, und der
Rosseti-Generaldirektor eine Einverständniserklärung. Danach soll die
dena Vorschläge ausarbeiten, wie die Energieeffizienz beim Betrieb der
russischen Stromnetze und Umspannwerke erhöht werden kann. Die größten
Verluste entstünden heute in den Verteiler- und Mittelspannungsnetzen,
sagte Stephan Kohler im Interview mit Germany Trade and Invest. Zum
einen seien das technisch-kommerzielle Verluste aufgrund veralteter
Anlagen. Zum anderen würden noch zu viele Konsumenten Strom illegal
abzweigen. Genau da setzen die Dena-Experten an.
"Wir machen das
natürlich nicht allein", sagt Energiefachmann Kohler. Von Ingenieuren
bis zu Finanzierungsexperten - an den dena-Projekten arbeiten externe
Experten mit. Die ersten Ergebnisse sollen schon Anfang 2014 vorliegen,
so der dena-Geschäftsführer.
Gewiss ist Deutschland Russland in
vielen Bereichen hinsichtlich intelligenter Netzsteuerung um einiges
voraus. Aber nicht in allen. So gibt es in Russland moderne Trassen mit
hohem Standard und eigener Temperaturüberwachung - das ist selbst in
Deutschland noch Zukunftsmusik. Forscher der nordkaukasischen
Universität für Elektroenergie, Elektronik und Nanotechnologie forschen
beispielsweise an High-Tech-Messgeräten für Umspannwerke. Damit ließen
sich Momentaufnahmen für Energieströme und Spannung und damit auch
potenzielle Verlustquellen messen, zeigten Forscher des Instituts auf
einer IHK-Veranstaltung in Stawropol zum Thema "Innovationen des
Jahres".
Produktion von Elektro- und Wärmeenergie in Russland
| 2012 | 1. Hj. 2013 | Veränderung 1. Hj. 2013 / 1. Hj. 2012 in % | |
| Produktion, Übertragung und Verteilung von Elektroenergie | |||
| Elektroenergie (Mrd. kWh) | 1.066 | 537,4 | -6,3 |
| .Atomenergie | 178 | 85,4 | -6,7 |
| .Wärmekraft (Mio. Gkal) | 721 | 291,7 | -0,4 |
| .Wasserkraft | 165 | 90,0 | 11,8 |
| Export von Elektroenergie in kWh *) | 18,4 | 8,7 | 3,3 |
*) Angaben von Inter RAO EES und Föderalem Statistikdienst Russlands
Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Ministerium für Energie der Russischen Föderation
Energiebrücke von Ost- nach Westrussland und bis Europa?
Russland
will nicht nur regelbare Ortsnetzstationen, mit denen sich
Niederspannungs- mit Mittelspannungsnetzen verbinden lassen, im größten
Land der Erde ist auch die Optimierung der Zusammenarbeit im
Stromnetzverbund ein großes Thema. Seit Jahrzehnten gibt es Pläne, eine
gigantische Energiebrücke aus Sibirien in die Zentralregion zu bauen.
Diese Idee hatte Präsident Wladimir Putin zuletzt beim APEC-Gipfel
Anfang September 2012 in Wladiwostok präsentiert. Drei Monate später,
beim dritten sibirischen Energieforum in Krasnojarsk wurde das Projekt
erstmals konkret erörtert. Die Rede ist von einer mehr als 3.500 km
langen Elektroenergieleitung mit einer Spannung von 1.500 kV Gleichstrom
oder 1.150 kV Wechselstrom.
In Sibirien gibt es massenhaft
günstige Stromquellen, allen voran die großen Ströme Ob, Lena und
Jenissei. Auch Gas und Erdöl lagern dort zuhauf. Von 2013 bis 2017
sollen die Planungsarbeiten für das Mega-Stromnetzprojekt dauern, in den
darauffolgenden fünf Jahren soll gebaut werden. Als möglicher Termin
für die Fertigstellung der Stromtrasse von Ost- nach Westrussland wurde
das Jahr 2022 genannt. Kosten des gesamten Projektes: rund 1,18 Mrd.
Rubel (26,8 Mrd. Euro).
Die Investitionen sollen zum größten Teil
von privaten Investoren kommen: von E.On Rossija, GOK-2, Jenisejskaja
TGK-13, SUEK-Krasnojarsk, FSK EES und anderen, berichtete die
Wirtschaftszeitung Rbk daily Ende November 2012. Die Rede ist von 910
Mrd. Rubel. Die restlichen 271 Mrd. Rubel soll der russische Staat
beisteuern. Allein der Bau der Hochspannungsleitungen dürfte 200 Mrd.
Rubel verschlingen. Außerdem sollen für 337 Mrd. Rubel die
Erzeugerkapazitäten in Sibirien weiter ausgebaut werden.
Auf den
ersten Blick sind nicht nur die Voraussetzungen für das Projekt gegeben,
auch der finanzielle Kraftakt dürfte sich lohnen. Denn spätestens mit
der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes Bogutschansk gibt es in
Sibirien einen Energieüberschuss. Geplant ist daher, 5,2 GW Leistung
über die neue Energiebrücke nach Westrussland zu verlagern. Allein
dadurch ließe sich über 1 Mrd. Euro sparen, weil in Westrussland auf den
Bau neuer Kraftwerke mit entsprechender Leistung verzichtet werden
könnte. Desweiteren könnte Russland Gas und Kohle als Energieträger
sparen und über deren Export zusätzliche Einnahmen erzielen.
Die
Fachleute streiten über Sinn und Unsinn der Maßnahme. Einige rechnen mit
einem Gasüberangebot im Uralgebiet und Zentralrussland. Andere, wie
Stephan Kohler, prognostizieren einen gigantischen Effizienzgewinn durch
den stromwirtschaftlichen Verbund von Sibirien bis an die Wolga. Und er
geht noch einen Schritt weiter: Warum nicht einen Verbund
Russland-Baltikum-Polen-Westeuropa prüfen? Mit einem hocheffizientem
Netz wäre ein idealer Lastenausgleich möglich. So käme die Energie für
deutsche Autowerke aus den sibirischen Strömen.
Kontaktanschriften:
Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)
Chausseestraße 128a, 10115 Berlin
Tel.: 049 30/726 16 56 00, Fax: -726 16 56 99
E-Mail: info@dena.de, Internet: http://www.dena.de
OAO Rosseti
Sergej Iwanowitsch Schmatko, Vorsitzender des Direktorenrates
Ulanskij pereulok 26, 107996 Moskau
Tel.: 007 495/995 53 33
E-Mail. info@rugrids.ru, Internet: http://www.rugrids.ru
Ansprechpartner: http://www.rugrids.ru/about/management/directors/
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland