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Freitag, 18. Oktober 2013

Smard Grid-Technologien stecken in Russland in den Kinderschuhen

Deutsche Energie-Agentur berät russischen Netzbetreiber / Interesse an regelbaren Ortsnetzstationen
Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Russlands investiert jedes Jahr mehrere Milliarden Euro in den Stromnetzausbau. Künftig sollen die Netze vor allem intelligent und sicher werden. Von 2014 bis 2017 will der staatlich dominierte Stromnetzgigant Rosseti über 770 Mio. Euro für Smart Grids ausgeben. Doch über Studien und Vergleichsanalysen ist Russlands Energieministerium bis jetzt nicht hinausgekommen. Die Deutsche Energieagentur soll helfen, die Netze energieeffizienter und intelligenter zu gestalten.

Um Russlands Stromnetze ist es schlecht bestellt. Sehr schlecht. Zwei Drittel des gesamten Netzes stammen aus der Zeit vor 1990. Bei der Übertragung gehen durchschnittlich 11% Energie verloren, heißt es im staatlichen Programm der Russischen Föderation zur Energieeffizienz und Entwicklung des Energiesektors. Ziel ist es, die Verluste in den kommenden Jahren auf 3,5% zu reduzieren. Für jeden Prozentpunkt weniger könnte in der Stromerzeugung jährlich Erdgas mit einem Marktwert von rund 500 Mio. Euro eingespart werden, heißt es in einer Studie des Technologiekonzerns Siemens und der Technischen Universität München.

Deshalb kann die Devise nur lauten: investieren und modernisieren - und zwar schnell. Das aktuelle Investitionsprogramm von OAO Rosseti sieht genau das vor. Die Nachfolgeorganisation der MRSK Holding will von 2012 bis 2017 etwa 161 Mrd. Rubel (3,66 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 4.9.2013: 1 Euro = 44,00 Rubel) in den Netzausbau investieren.

Das neu gegründete Staatsunternehmen investiert bis 2017 rund 34 Mrd. Rubel (über 770 Mio. Euro) in die "innovative Entwicklung" der Stromnetze. Das teilte OAO Rosseti Mitte Juli 2013 mit. Davon sollen 11 Mrd. Rubel in die Fernleitungen und 23 Mrd. Rubel in die Verteilernetze fließen. Zusammen mit dem Innovationszentrum Skolkowo sollen sogenannte Smart Grids erprobt und dann implementiert werden. Rossiskije seti ist der weltgrößte Energiekonzern. Das Unternehmen stellt die Stromübertragung und -verteilung in Russland sicher. Dazu gehören 43 Tochterfirmen und abhängige Gesellschaften, sowie Aktienpakete 16 überregionaler und regionaler Netzgesellschaften. Die Kontrolle obliegt dem Staat mit einem Anteil von 61,7% des Grundkapitals.

Manche Regionen sind allerdings schon weiter als die Dachorganisation OAO Rosseti. So modernisiert die Baschkirskaja elektrosetewaja kompanija das Stromnetz der baschirischen Hauptstadt Ufa mithilfe von Smart Grid-Technologie des deutschen Siemens Konzerns. Dazu haben die beiden Unternehmen einen Fünfjahresvertrag unterzeichnet - mit der Option auf eine Verlängerung. Siemens wird zunächst eine Bestandsaufnahme ausarbeiten und danach Modernisierungsvorschläge unterbreiten und Smart Grid-Elemente einführen, schreibt die Nachrichtenagentur Ria Nowosti unter Berufung auf Unternehmensmeldungen.
Diese Strategie verfolgt auch die Deutsche Energie-Agentur (dena). 

Mitte Juni 2013 unterzeichneten der Vorsitzende der Geschäftsführung, Stephan Kohler, und der Rosseti-Generaldirektor eine Einverständniserklärung. Danach soll die dena Vorschläge ausarbeiten, wie die Energieeffizienz beim Betrieb der russischen Stromnetze und Umspannwerke erhöht werden kann. Die größten Verluste entstünden heute in den Verteiler- und Mittelspannungsnetzen, sagte Stephan Kohler im Interview mit Germany Trade and Invest. Zum einen seien das technisch-kommerzielle Verluste aufgrund veralteter Anlagen. Zum anderen würden noch zu viele Konsumenten Strom illegal abzweigen. Genau da setzen die Dena-Experten an.

"Wir machen das natürlich nicht allein", sagt Energiefachmann Kohler. Von Ingenieuren bis zu Finanzierungsexperten - an den dena-Projekten arbeiten externe Experten mit. Die ersten Ergebnisse sollen schon Anfang 2014 vorliegen, so der dena-Geschäftsführer.

Gewiss ist Deutschland Russland in vielen Bereichen hinsichtlich intelligenter Netzsteuerung um einiges voraus. Aber nicht in allen. So gibt es in Russland moderne Trassen mit hohem Standard und eigener Temperaturüberwachung - das ist selbst in Deutschland noch Zukunftsmusik. Forscher der nordkaukasischen Universität für Elektroenergie, Elektronik und Nanotechnologie forschen beispielsweise an High-Tech-Messgeräten für Umspannwerke. Damit ließen sich Momentaufnahmen für Energieströme und Spannung und damit auch potenzielle Verlustquellen messen, zeigten Forscher des Instituts auf einer IHK-Veranstaltung in Stawropol zum Thema "Innovationen des Jahres".
Produktion von Elektro- und Wärmeenergie in Russland

2012 1. Hj. 2013 Veränderung 1. Hj. 2013 / 1. Hj. 2012 in %
Produktion, Übertragung und Verteilung von Elektroenergie


Elektroenergie (Mrd. kWh) 1.066 537,4 -6,3
.Atomenergie 178 85,4 -6,7
.Wärmekraft (Mio. Gkal) 721 291,7 -0,4
.Wasserkraft 165 90,0 11,8
Export von Elektroenergie in kWh *) 18,4 8,7 3,3
*) Angaben von Inter RAO EES und Föderalem Statistikdienst Russlands
Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Ministerium für Energie der Russischen Föderation

Energiebrücke von Ost- nach Westrussland und bis Europa?

Russland will nicht nur regelbare Ortsnetzstationen, mit denen sich Niederspannungs- mit Mittelspannungsnetzen verbinden lassen, im größten Land der Erde ist auch die Optimierung der Zusammenarbeit im Stromnetzverbund ein großes Thema. Seit Jahrzehnten gibt es Pläne, eine gigantische Energiebrücke aus Sibirien in die Zentralregion zu bauen. Diese Idee hatte Präsident Wladimir Putin zuletzt beim APEC-Gipfel Anfang September 2012 in Wladiwostok präsentiert. Drei Monate später, beim dritten sibirischen Energieforum in Krasnojarsk wurde das Projekt erstmals konkret erörtert. Die Rede ist von einer mehr als 3.500 km langen Elektroenergieleitung mit einer Spannung von 1.500 kV Gleichstrom oder 1.150 kV Wechselstrom.

In Sibirien gibt es massenhaft günstige Stromquellen, allen voran die großen Ströme Ob, Lena und Jenissei. Auch Gas und Erdöl lagern dort zuhauf. Von 2013 bis 2017 sollen die Planungsarbeiten für das Mega-Stromnetzprojekt dauern, in den darauffolgenden fünf Jahren soll gebaut werden. Als möglicher Termin für die Fertigstellung der Stromtrasse von Ost- nach Westrussland wurde das Jahr 2022 genannt. Kosten des gesamten Projektes: rund 1,18 Mrd. Rubel (26,8 Mrd. Euro).

Die Investitionen sollen zum größten Teil von privaten Investoren kommen: von E.On Rossija, GOK-2, Jenisejskaja TGK-13, SUEK-Krasnojarsk, FSK EES und anderen, berichtete die Wirtschaftszeitung Rbk daily Ende November 2012. Die Rede ist von 910 Mrd. Rubel. Die restlichen 271 Mrd. Rubel soll der russische Staat beisteuern. Allein der Bau der Hochspannungsleitungen dürfte 200 Mrd. Rubel verschlingen. Außerdem sollen für 337 Mrd. Rubel die Erzeugerkapazitäten in Sibirien weiter ausgebaut werden.

Auf den ersten Blick sind nicht nur die Voraussetzungen für das Projekt gegeben, auch der finanzielle Kraftakt dürfte sich lohnen. Denn spätestens mit der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes Bogutschansk gibt es in Sibirien einen Energieüberschuss. Geplant ist daher, 5,2 GW Leistung über die neue Energiebrücke nach Westrussland zu verlagern. Allein dadurch ließe sich über 1 Mrd. Euro sparen, weil in Westrussland auf den Bau neuer Kraftwerke mit entsprechender Leistung verzichtet werden könnte. Desweiteren könnte Russland Gas und Kohle als Energieträger sparen und über deren Export zusätzliche Einnahmen erzielen.

Die Fachleute streiten über Sinn und Unsinn der Maßnahme. Einige rechnen mit einem Gasüberangebot im Uralgebiet und Zentralrussland. Andere, wie Stephan Kohler, prognostizieren einen gigantischen Effizienzgewinn durch den stromwirtschaftlichen Verbund von Sibirien bis an die Wolga. Und er geht noch einen Schritt weiter: Warum nicht einen Verbund Russland-Baltikum-Polen-Westeuropa prüfen? Mit einem hocheffizientem Netz wäre ein idealer Lastenausgleich möglich. So käme die Energie für deutsche Autowerke aus den sibirischen Strömen.

Kontaktanschriften:

Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena)
Chausseestraße 128a, 10115 Berlin
Tel.: 049 30/726 16 56 00, Fax: -726 16 56 99
E-Mail: info@dena.de, Internet: http://www.dena.de
OAO Rosseti
Sergej Iwanowitsch Schmatko, Vorsitzender des Direktorenrates
Ulanskij pereulok 26, 107996 Moskau
Tel.: 007 495/995 53 33
(H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland