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Donnerstag, 25. September 2014

Einbruch im Russlandgeschäft schadet lettischer Wirtschaft

Russische Sanktionen treffen Lebensmittelbranche / Auch Logistik- und Tourismusbranche erwarten Rückgänge
Von Torsten Pauly

Riga (gtai) - Russland hat als Exportmarkt für lettische Getränke, Nahrungsmittel und Agrarerzeugnisse große Bedeutung. Der im August 2014 beschlossene russische Importstopp für EU-Lebensmittel könnte dazu führen, dass das lettische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um rund 0,44% geringer ausfällt. Bereits im 1. Halbjahr 2014 sind die lettischen Russlandexporte wegen der dortigen Konjunkturschwäche und Rubelabwertung stark zurückgegangen.

Die Anfang August 2014 vom Kreml beschlossenen Einfuhrbeschränkungen für Nahrungsmittel und Getränke aus der EU dürften die lettischen Exportrückgänge nach Russland erheblich verschärfen. Bereits von Januar bis Juni 2014 war die lettische Ausfuhr nach Russland insgesamt um 13,2% geringer als in den ersten sechs Monaten 2013. Gründe dafür sind die seit Mitte 2013 zu beobachtende Rubelabwertung und die schwache russische Gesamtkonjunktur, die auch die Nachfrage nach lettischen Waren trübt.

Besonders hohe Rückgänge gab es im 1. Halbjahr 2014 bei den lettischen Russlandexporten von tierischen und pflanzlichen Ölen (-52,0%), Fertigerzeugnissen (-29,1%), Maschinen und Fahrzeugen (-21,4%), Rohstoffen (-19,6%), chemischen Erzeugnissen (-13,2%) Vorerzeugnissen (-11,2%) und Getränken (-9,7%).
Veränderung der lettischen Handelsströme im 1. Halbjahr 2014

Volumen (in Mio. Euro) Veränderung zur Vorjahresperiode (in %)
Warenexport (insgesamt) 5.169,6 -0,4
.Russland 699,7 -13,2
.Ukraine 51,8 -4,9
.EU 3.547,9 2,6
.. Deutschland 352,7 -7,2
Warenimport (insgesamt) 6.303,7 -2,7
.Russland 530,7 -10,4
.Ukraine 59,5 16,9
.EU 5.037,5 -1,7
.. Deutschland 721,9 -4,1
Quelle: Eurostat

Gegen den negativen Gesamttrend aber waren im 1. Halbjahr 2014 die lettischen Ausfuhren von Nahrungsmitteln und lebenden Tieren nach Russland um 36,4% gestiegen. Die Nordea-Bank schätzt, dass der jüngste russische Lieferstopp das lettische BIP um 0,44% geringer ausfallen lässt. Damit wäre der erwartete Negativeffekt in Lettland aber noch etwas geringer als in Estland (0,46%) und Litauen (0,81%).

Im Jahr 2013 gingen 9,7% aller lettischen Nahrungsmittelexporte nach Russland. Von den Getränkeausfuhren wurden 72,1% nach Russland geliefert. Einen großen Anteil hatte der russische Markt auch an den lettischen Ausfuhren von chemischen Erzeugnissen (21,7%), Maschinen und Fahrzeugen (21,0%) und Fertigerzeugnissen (18,4%). Oft werden technologieintensive Exportgüter, die Lettland nach Russland verkauft, nicht in dem baltischen Land, sondern in einem anderen EU-Staat produziert, und nur weiter exportiert.
Lettischer Export nach Warengruppen 2013
(SITC-Position) Volumen(in Mio. Euro) Anteil Russlands (in %)
Insgesamt, davon 10.894,0 16,2
.Nahrungsmittel/Lebende Tiere (0) 1.449,2 9,7
.Getränke/Tabak (1) 663,0 72,1
.Rohstoffe (2) 1.493,4 4,0
.Brennstoffe/Technische Öle (3) 834,0 0,9
.Tierische/Pflanzliche Öle (4) 35,1 2,7
.Chemische Erzeugnisse (5) 834,2 21,7
.Vorerzeugnisse (6) 2.093,3 9,6
.Maschinen/Fahrzeuge (7) 2.315,3 21,0
.Fertigerzeugnisse (8) 1.119,7 18,4
.Sonstiges (9) 56,9 0,8
Quelle: Eurostat

Russland war 2013 mit einem Anteil von 16,2% an der Gesamtausfuhr der wichtigste Auslandsmarkt Lettlands. Auf Platz zwei rangierte Litauen (15,9%). Beim Import lag Russland mit einem Anteil von 8,1% auf Rang fünf - hinter Litauen, Deutschland, Polen und Estland. Die EU-Staaten nahmen 2013 insgesamt 66,4% aller lettischen Ausfuhren ab und lieferten im Gegenzug 80,0% aller Einfuhren. Grundsätzlich ist Lettland, das zwei Millionen Einwohner zählt und ein BIP von 23,3 Mrd. Euro (2013) erwirtschaftet, eine sehr kleine, doch äußerst offene Volkswirtschaft, deren Güterausfuhr 2013 etwa 46,7% des BIP ausgemacht hat, bei der Einfuhr sind es sogar 57,7%.
Lettischer Außenhandel nach Ländern 2013 (in Mio. Euro)
Warenimport (insgesamt) 13.453,7
.Litauen 2.607,8
.Deutschland 1.547.6
.Polen 1.254,7
.Estland 1.114,8
.Russland 1.087,2
Warenexport (insgesamt) 10.894,0
.Russland 1.760,9
.Litauen 1.732,9
.Estland 1.282,8
.Deutschland 758,2
.Polen 731,0
Quelle: Eurostat

Lettland bezieht direkt und über litauische Raffinerie russische Brennstoffe

Nach wie vor spielen fossile Brennstoffe aus Russland eine große Rolle in Lettlands Energiemix, schließlich hat das mittelbaltische Land keine eigenen Vorkommen. Besonders groß ist die lettische Abhängigkeit beim Erdgas, dass 2013 zu 95,0% aus Russland kam. Auch die Kohleimporte stammten 2013 zu 59,8% aus Russland, allerdings war das Volumen gering und Lettland hat die Möglichkeit aus anderen Ländern zu importieren.

Beim Energieträger Öl ist die lettische Abhängigkeit von Russland gering. Im Jahr 2013 stammten 3,1% der entsprechenden Importe aus Russland. Allerdings kamen weitere 59,6% der Öleinfuhren aus Litauen beziehungsweise von der dortigen Raffinerie in Mazeikiai. Diese wurde bereits zu Sowjetzeiten errichtet und verarbeitet russisches Erdöl. Daher sind Lettlands indirekte Ölimporte aus Russland sehr viel höher als die direkten.

Energieimporte von Lettland (2013)
Insgesamt (in Mio. Euro), darunter 2.109,0
.Russland (in %) 28,1
Kohle (in Mio. Euro), darunter 15,3
.Russland (in %) 59,8
Erdöl (in Mio. Euro), darunter 1.343,9
.Russland (in %) 3,1
.Litauen (in %) 59,6
Erdgas (in Mio. Euro), darunter 570,1
.Russland (in %) 95,0
Strom (in Mio. Euro), darunter 69,8
.Russland (in %) 0,0
Quelle: Eurostat

Russlandtransit ist für Lettlands Transportgewerbe sehr wichtig

Der russische Markt hat auch für den lettischen Export von Dienstleistungen eine sehr große Bedeutung. Lettische Häfen verladen traditionell viele russische Rohstoffe beziehungsweise Massengüter. Im Jahr 2013 haben internationale Transporte 97,9% des Bahnfrachtverkehrs ausgemacht. Hierunter sind fast ausschließlich Aufträge von und nach Russland zu verstehen. Auch beim Güterverkehr auf der Straße war der Anteil der grenzüberschreitenden Fracht im Jahr 2013 mit 16,7% signifikant. Vor allem das Transitgeschäft mit Russland und den anderen GUS-Staaten hat dazu geführt, dass der lettische Logistiksektor 2013 mit 10,2% einen sehr hohen Anteil an der landesweiten Wertschöpfung erwirtschaftet hat.

Lettland bietet sich für diesen Transit wegen seiner günstigen geographischen Lage an. Hinzu kommt die breite osteuropäische Gleisspur und die Tatsache, dass in Lettland die Gepflogenheiten in Osteuropa bekannt sind. Die schlechte russische Wirtschaftslage, die Rubelabwertung und die Auswirkungen der jüngsten Sanktionen könnten allerdings zu erheblich weniger Aufträgen führen. Zudem stellt der Bau des neuen russischen Großhafens Ust-Luga am Finnischen Meerbusen eine Herausforderung für den lettischen Logistiksektor dar, denn im Ust-Luga sollen ab 2018 bereits 180 Mio. t Fracht per anno umgeschlagen werden und damit etwa 50 Mio. t mehr als im Hamburger Hafen. Diese Entwicklung könnte auch aus Lettland erheblich Transit abziehen.

Für den lettischen Tourismus ist Russland der größte Kunde

Eine anhaltende Rubelschwäche und eine damit einhergehende Kaufkraftreduzierung russischer Kunden in Lettland könnte sich auch für das Gastgewerbe des baltischen Landes als problematisch erweisen. Im Jahr 2013 entfielen 26,6% aller Übernachtungen, die ausländische Reisende in Lettland gebucht haben, auf russische Gäste. Neuesten Zahlen zufolge waren die Übernachtungen aus Russland im 1. Quartal 2014 um 19,8% gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum gestiegen. Viele Russen verbringen die Neujahrsferien traditionell in Riga oder dem nahe gelegenen Seebad Jurmala.
Reisende in Lettland 2013
Übernachtungen (insgesamt) 3.775.192
.Lettland 1.135.758
.Russland 702.067
.Deutschland 239.359
.Litauen 190.592
Anreisen (insgesamt) 1.839.241
.Lettland 589.427
.Russland 310.266
.Deutschland 122.737
.Litauen 109.118
Quelle: Estnisches Statistikamt
(P.T.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland